Auf 335 Seiten legen die Autoren dar, wie das Denken in evolutionsmedizinischen Bahnen abläuft. Dabei stößt man auf viel Überraschendes, Interessantes, aber auch auf viel Fragwürdiges, was ungewollt amüsant wirkt. Häufig wird die Komplexität einiger Anpassungsmechanismen dargestellt und erläutert - dann werden wiederum recht platte Theorien angeführt, die "an den Haaren herbeigezogen" anmuten, um irgendwie einen Selektionsvorteil finden zu können. Dies Problem hat nicht nur der medizinisch-biologische Evolutionismus, sondern auch der Kulturmaterialismus (z.B. Marvin Harris). Nicht jede Spielart und Ausdrucksform menschlicher Biologie muss über dramatische Selektionsvorgänge erklärt werden - manche Dinge sind eben auch einfach kein Nachteil. Zuweilen werden einzelne Studienergebnisse zu (leichtfertigen)Pauschalempfehlungen "missbraucht" (z.B. Folsäure für Schwangere und als männliche Fortpflanzungshilfe). Hier finden wir das typische schulmedizinische Denken: Lieber eine Pille zuviel als irgend etwas dem "Zufall" überlassen. Ebenso wird - wieder einmal typisch - angeregt, potentielle Restrisiken (z.B. Schimmelpilz in Mais) mit Gentechnik zu eliminieren. Abenteuerlich wird es bei den Theorien zur Glatzenbildung beim Mann, bei der "Ufer-Theorie" (der stundenlang durchs Wasser watende Mensch) oder bei der Argumentation, dass Linkshändigkeit sich deshalb häufig finde, weil es dereinst ein Vorteil im Kampf gewesen sei. Interessant hingegen die Darstellung der engen Verquickung zwischen den uns bevölkernden Mikroorganismen und unserer Gesundheit. Allerdings wird auch hier z.T. wieder eine gezielte medizinische Manipulation ins Auge gefasst bei Problemen, die durch (anstrengende) Lebensstiländerungen ohne High-Tech zu lösen wären (z.B. Übergewicht). Dennoch stellen die Autoren lobenswert den Nutzen von körperlicher Aktivität heraus. So kam ich beim Lesen in ein Wechselbad der Gefühle (Zustimmung, Interesse, Unterhaltung, Aha-Effekte, Schmunzeln, strikte Ablehnung).Das Buch ist trotz der genannten Mängel also durchaus interessant zu lesen, aber man sollte aufpassen, wo einem zu simple Erklärungen angeboten werden. Ebenso ist bei Phänomenen Vorsicht geboten, zu denen viele Theorien existieren, da heißt es nämlich: Es weiß eigentlich keiner, spekulieren wir mal drauf los.