Das Ereignis des historischen Felssturzes, um den es in dem Buch geht, spielt erst am Ende eine Rolle: Katharina steht im Vordergrund, eine Siebenjährige, die mit ihrem jüngeren Bruder zur Großmutter geht, bis ihre Mutter das sechste Kind zur Welt gebracht hat. Aus Katharinas Sicht wird beschrieben, wie sich nach einer langen Regenphase immer wieder Stücke aus dem Fels lösen, der die Gegend formt; das Rumpeln und Grollen ist die Begleitmusik der paar Tage von Anfang bis Ende der Erzählung. Es geschehen Dinge, die man als Vorzeichen auslegen könnte: der Großmutter laufen fremde Hühner zu, eines Morgens steht die Katze von Katharinas eigener Familie in der Tür; dazu das erwähnte allgegenwärtige Grummeln des Berges und Dauerregen.
Nüchtern und einfühlsam zugleich erzählt der Autor aus der Sicht eines Mädchens in einer Zeit, als Kinder, sobald sie laufen konnten, zum Arbeiten auf dem Hof, wo eben die meisten Menschen damals lebten, angehalten wurden. Hartes Leben, Landwirtschaft oder Arbeiten im Schieferbergwerk, riskante Geburten, Armut verwitweter Frauen, eintöniges Essen, kleine Kinder ganz allein auf dieser Wanderung zur Großmutter durch die Schweizer Landschaft: ein ganzer Kosmos tut sich bei der Lektüre auf. Dialektbegriffe und Wendungen werden eingestreut, die aber unschwer zu verstehen sind. Das Faszinierende ist wirklich der Ton, den Franz Hohler findet: Katharina tut einfach, was sie tun muß, sie funktioniert gemäß der Rollenverteilung und des Verständnisses, das man Ende des 19. Jahrhunderts von Kindern ihres Alters hatte. Sie muß bei der Großmutter im Haus mitarbeiten, während der, wenn auch jüngere, Bruder mit dem Puppenhaus spielen darf. Katharina denkt viel über ihre Situation nach, freilich ohne Vergleiche zu haben, denn der Weg eines Mädchens ist vorgezeichnet; die Kategorien, in denen sie denkt, sind Kinder gegenüber Erwachsenen. Beim Lesen regte sich bei mir immer wieder Widerspruch gegen die Beanspruchung des kleinen Mädchens, aber im Lauf der wenigen Tage bei der Großmutter wandelt sich Katharina tatsächlich zu einer anderen Persönlichkeit und entdeckt ein eigenes Selbstbewußtsein in Gestalt einer 'zweiten Katharina', die den Steinschlag voraussieht und überhaupt Regungen hat, die ahnen lassen, daß in diesem Mädchen mehr steckt, als ihre Zeitgenossen sehen wollten. Am Ende, in einem zusammenhängenden Satz, der über viereinhalb Seiten geht, wird der eigentliche, katastrophale Felsabgang geschildert, der viele Familien auslöscht und der Höfe, Tiere, eine halbe Gemeinde unter sich begräbt.