Selten habe ich so einen himmelschreienden Unsinn gelesen.
Erstens ist das Buch grottenschlecht geschrieben. Grammatik, teilweise Rechtschreibung und vor allem die Rhetorik könnten aus den Klauen eines 12jährigen kommen.
In dem Alter war ich selbst auf einem ähnlichen Trip wie Herr von Retyi, und ich kann die Euphorie für diese Verschwörungstheorien gut nachvollziehen. Man sieht sich als heldenhaften Einzelkämpfer gegen die bornierte traditionelle Wissenschaft, als eine Art Mulder/Daniel Jackson-Typ, der es irgendwann mal allen zeigen wird.
Retyi springt zwischen dutzenden von nicht zusammenhängenden Sub-Themen hin und her, streut überall unnütze und pseudo-witzige
Anmerkungen ein, die offensichtlich vom fehlenden Inhalt des Buches ablenken sollen.
Es gibt wohl irgendeine Art Stargate - Symbol für ein schwammiges, wie auch immer geartetes Eintauchen in Kontakt mit Alien-Göttern und anderen Dimensionen und natürlich der absoluten Erkenntnis - obwohl nirgends deutlich wird, mit welcher Rechtfertigung er auf diesen Begriff kommt. Das Wort Stargate wird doch zusammen mit dem billig geklauten Coverkonzept nur benutzt, um auf den Erfolgszug der Stargate-Saga aufzuspringen. Als Stargate-Fan bin ich beleidigt.
Als Ägyptologiestudent bin ich zudem empört über die perfiden Sticheleien gegen unser Fach. Seit zweihundert Jahren mühen wir uns ab, anhand der Artefakte und der Texte die größte Kultur aller Zeiten, die Alten Ägypter, zu erforschen, und dann kommt so ein dahergelaufener Klugsch... und erklärt uns mal eben kollektiv zu Bremsen des Fortschritts und natürlich Handlangern der anscheinend weltweit operierenden Verschleierungskampagne - die sich als Erzfeind durch das ganze Buch zieht, aber wie das Pseudo-Stargate eine vollkommen schwammige Romanfigur bleibt.
Retyi selbst hält sich offenbar für viel qualifizierter, das Alte Ägypten im Licht seines bizarren Phantasiekonstrukts zu erklären. Er wirft dauernd mit ägyptischen Göttern, Wörtern und Anekdoten um sich und begeht dabei einen Fehler nach dem anderen.
Jedes Mal, wenn er die Zahl 9 findet, wertet er dies als Beweis einer Verbindung mit der Götterneunheit von Heliopolis - die natürlich Aliens sind - obwohl im alten Ägypten die Zahl Neun ganz allgemein ein Symbol der Vollständigkeit und der optimalen Differenziertheit ist. Neun bedeutet einfach drei mal drei und ist damit für den Ägypter der potenzierte Pluralbegriff.
Das Gebetswort "Amen" kommt nicht von Amun, sondern ist ein heräisches Wort, welches etwa "gewiss" bedeutet.
Der Name des biblischen Gottes "Adonai" hat mit Aton genauso wenig zu tun. Adonai bedeutet "mein Herr" - Aton wurde auf Ägyptisch "Yati" gesprochen, und das bedeutet erstens nicht "mein Herr", sondern Sonne, und hat auch sonst bis auf das "a" nichts mit Adonai gemeinsam. Dann springt er einfach von Aton zu Atum, ohne einen logischen Grund anzugeben. Nur, weil beide Namen in unserer Schreibung ähnlich aussehen? Reyti hat offenbar von ägyptischer Sprache nicht die leiseste Ahnung, sondern denkt sich spontan irgendwelche Assoziationen aus, wie sie ihm gerade passen.
Retyi behauptet einfach, die Ägypter seien Monotheisten gewesen, da die Götter der Neunheit nur Aspekte des Urgottes Atum seien. Die Frage nach Poly- und Monotheismus ist seit jeher eine Streitrage in der Ägyptologie und kann nicht abschließend beantwortet werden. Ich empfehle hierzu "Der Eine und die Vielen" von Erik Hornung. Mal abgesehen davon, dass es noch weitere tausende Götter gibt, deren Erklärung ihm in dem Moment wohl nicht wichtig schien. R. hat keine Ahnung vom wissenschaftlichen Diskurs und erklärt seine unqualifizierte Meinung einfach zur Tatsache. Pseudowissenschaftler ist noch zu freundlich ausgedrückt.
Thot wird nicht mit Tahuti gleichgesetzt, sondern ist die griechische Umschreibung dieses Namens.
Auf der anderen Seite der Welt von Ägypten aus gesehen liegt also Tahiti? Na und? Der Name Tahuti hat im Laufe der Jahrtausende seine Aussprache immer wieder verändert, und das gleiche trifft sicher auch für die Insel zu. Die Schwedische Stadt "Uppsala" ist wohl kaum auf einen tolpatschigen Architekten zurückzuführen, oder?
R. lebt in einer Schwarz-Weiß-Welt. Die guten Verschwörungstheoretiker, die gegen den Strom der bösen Weltverschwörung schwimmen. Nichts ist Zufall, alles ist wahr und muss in seine frei erfundene SciFi-Story eingebaut werden.
Thots Name "Trismegistos" soll mit der christlichen Trinität zusammengehören? Trismegistos heißt "dreimal groß" und hat mit einem dreifaltigen Gott nichts zu tun. Wenn schon, ließe sich die Reichstriade Amun-Ra-Ptah damit vergleichen, aber da hatte Herr Reyti wohl keine Lust zum googeln.
Der Gott Upuaut - in ägyptologischer Transkription: Wepi-Wajut setzt sich aus dem Verb wpj "öffnen" und w3jwt "Wege" zusammen und hat mit einem Wort "baubau" für Hund nichts am Hut. Kein Gott ist nach seinem Aussehen benannt!
Das Wort "Alchemie" ("von Khem") stammt seiner Ansicht nach natürlich (es ist erstaunlich, was für ein nicht begründeter Mumpitz für ihn alles natürlich ist) von der Zahl chemenu "8", die auch so ein obskurer Charakter in seinen Phantasien ist. Nur leider ist "al khem" ein arabischer Begriff, der sich vom koptischen Wort "Kame" ableitet, der nichts anderes als Ägypten bedeutet. Nix mit der Zahl 8. Wie gesagt, Mr. R. guckt sich die Wörter einfach nur an und spuckt dann große Prophezeiungen aus, ohne seine Fakten zu sichern.
Desweiteren muss er Zugang zu unzähligen Unveröffentlichten Papyri haben - von Amun, der in einem Pyramidenschiff durch die Gegend fliegt, habe ich noch nie gehört.
Diese Liste ließe sich lange weiter führen. Die Alten Ägypter werden hier mal wieder dreist missbraucht, um ein großes Luftschloss zu bauen, das leichtgläubigen Conspiracy-Nerds das Geld aus der Tasche leiert.
Besonders gerne benutzt er vage Formulierungen wie "okkulte Quellen sagen..." "Thoth gilt außerdem als..." "Zeugenberichten zufolge..." Und dann kommen die bizarrsten Behauptungen, ohne dass er sich die Mühe macht, uns zu sagen, woher er diese prophetischen Weisheiten nimmt.
Mit anderen Worten: Viel Wind um nichts, jede Menge falsche Informationen, dreiste Anschuldigungen, ein wildes Springen zwischen Punkten, die ohne Grund zu einer SciFi-Story zusammengebaut werden. Kein Respekt vor der Wissenschaft, maßlose Selbstüberschätzung, und am Ende vor allem kein Sinn.
Finger weg und lieber ein Buch von einem Wissenschaftler lesen, der sich seine Geschichte nicht ausdenkt, sondern auf Fakten basiert.