"Die Toten waren jetzt die Lebenden, und die Lebenden waren die Toten."
Alexander Lernet-Holenia, der als junger Offizier den ersten Weltkrieg miterlebt hat, verarbeitete seine Eindrücke und Erlebnisse aus diesem Krieg in dem hier vorliegenden Roman. Er schildert den Zersetzungsprozeß, dem das Vielvölkergemisch Österreich-Ungarns gegen Ende des Krieges unterworfen war, bis hin zu seiner Auflösung in Anarchie und Chaos.
Der Dualismus, die Doppelnatur alles Seienden, der aus dem oben angeführten Zitat spricht, ist bezeichnend für Lernet-Holenia. Seine Personen durchleben immer wieder die Unsicherheit einer Identitätskrise, der Fähnrich Menis als Hauptperson macht eine solche Krise durch, und ganz tief im Geheimnisvollen verborgen liegt die Identität des Rittmeisters Hackenberg, der etwas Gespenstisches an sich hat, er scheint gar nicht er selbst zu sein, sondern vielmehr von einem Dämon besessen, der auf unheimliche Weise ins Schicksal der Menschen einzugreifen vermag. Lernet-Holenia drückt es so aus: "Damals ist Ungeheures geschehen. Warum sollte, in so gewaltigen Momenten, das Unsichtbare nicht wirklich, und deutlicher als sonst, waltend in das Sichtbare herübergegriffen haben." Diesen symbolhaft wirkenden Gestalten, wie in diesem speziellen Fall dem Rittmeister Hackenberg, die scheinbar den Gang der Dinge beeinflussen können, begegnet man immer wieder in den Romanen Lernet-Holenias, der sich, bevor er zum Roman kam, vorwiegend mit Dramen und Lyrik befaßt hat.
Die mangelnde thematische Vielfalt, das immer wieder in neuen Varianten aufgegriffene zentrale Thema der gespaltenen Persönlichkeit, ist dem Autor von einigen Kritikern vorgehalten worden. Sie mögen damit Recht haben, trotzdem sind seine Romane durch die Bank lesenswert. Das gilt natürlich auch für dieses Buch, obwohl es sich nach meinem Dafürhalten dabei nicht um das beste Werk des Autors handelt.
In "Die Standarte" spielt logischerweise auch der Einfluß der Kriegserlebnisse auf die menschliche Psyche eine tragende Rolle. Aber ich möchte möglichst wenig von der eigentlichen Handlung verraten und nicht mehr dazu sagen. Leider haben Rezensenten vor mir viel zu ausgiebig (nach meinem Geschmack) den Inhalt des Buches einfach nacherzählt.
Zum Abschluß noch ein bezeichnendes Zitat Lernet-Holenias zum Krieg und zur Dialektik von Leben und Tod: "Sie selbst waren aus dem Felde nicht mehr zurückgekehrt. Was zurückgekehrt war, waren Schemen. Die Lebenden, die zurückgekehrt waren, waren selber die Toten."