Fragwürdiger Fahneneid
Versuch, Alexander Lernet-Holenia zu lesen
Unverdrossen, eher sogar ermutigt durch den im Frühjahr 1996 erfolgten Verkauf an den deutschen Hanser-Verlag, verfolgt der traditionsreiche Wiener Zsolnay-Verlag weiterhin erklärtermassen das Ziel, insbesondere der landeseigenen Literatur zu dienen. Das betrifft gut so auch die Pflege des österreichischen Erzählerbes. Einer seiner bislang populärsten obwohl dem jüngeren Lesepublikum kaum mehr vertrauten Repräsentanten ist Alexander Lernet-Holenia. Ihm widmet Zsolnay nun mehrere Neuauflagen, beginnend mit dem 1934 zuerst bei Fischer in Berlin erschienenen Erfolgsroman «Die Standarte».
Offiziersroman
«Die Standarte» gehört zu der damals weit verbreiteten Gattung des «Militär-», genauer des «Offiziersromans»: Im Mittelpunkt steht der 1915 sechzehnjährig in den Ersten Weltkrieg beorderte Herbert Menis, Sohn eines streitsüchtigen Fregattenleutnants und Grossneffe eines angesehenen Generals der Kavallerie. Seine eigentliche Geschichte setzt im Herbst 1918 ein, als der junge Fähnrich, nach Ausheilung einer schweren Schussverletzung nach Belgrad abkommandiert, von dort umgehend ins nahegelegene Banat strafversetzt wird. Denn in der Belgrader Oper hatte er sich erdreistet, in die Loge einer Erzherzogin einzudringen, um deren «bezaubernder» Begleiterin, der bürgerlichen Resa, spontan Avancen zu machen. Zu ihr führen ihn auch zwei wagemutige Nachtritte, deren «Erfüllung» ihm für die dritte Nacht zugesagt wird. Doch schon zu diesem Zeitpunkt hat sich zwischen ihn und sie ein anderes und wahrhaft kurioses Liebesbegehren gedrängt, die Anziehungskraft der «Standarte», «die reiner als je ein Mädchen war».
Anstatt das dritte Mal nächtens zu Resa zu reiten, muss der junge Offizier unversehens mit seinen Leuten nach Belgrad zurück. Und auf den Donaubrücken nimmt das Unbegreifliche seinen Lauf: «Meuterei» in den Reihen der k. u. k. Armee und die Einnahme Belgrads durch die Alliierten. Dem Niedergang der Donaumonarchie, für ihn schlichtweg das «Ende der Welt», stemmt sich Menis entgegen, indem er sich auf seinen «Fahneneid» besinnt und die ihm mittlerweile zugefallene Standarte nach Wien zurückzubringen schwört. In Schönbrunn aber sitzt das Kaiserhaus bereits auf gepackten Koffern. Die Feldzeichen wandern ins Feuer.
Verklärung
Der Roman liest sich flüssig. In der Episode um den düsteren Rittmeister und Todesboten Hackenberg gewinnt er kleistsche Dimension, ansonsten schwingt ordentlich Abenteuerromantik mit, Flucht hinter Tapetentüren und durch rattenverseuchte Kanalgänge. Wo diese Erzählweise überhaupt (noch) Zuspruch findet, mag man auch das weitverbreitete Lob der Sprach- und Stileleganz Lernet-Holenias teilen, obwohl etwa die anthropomorphe Inszenierung der «Standarte» recht fragwürdig ist und ein mondbeschienenes Überqueren der Donau an Kitsch rührt, wenn «sich der Strom unter uns wie silberne Lava ergiesst».
Doch im Kern frappiert anderes. Denn Menis erzählt seine Geschichte im Jahr 1928, also nach dem «blutigen Freitag» im Juli 1927 (Erschiessung von über 80 vor dem Justizpalast demonstrierenden Arbeitern durch die Wiener Polizei), einem weiss Gott schwarzen Tag für die österreichische Demokratie, der viele Schriftsteller nachhaltig beschäftigt hat. Das alles kümmert den Exoffizier nicht, wie er (im Verbund mit seinem erzählenden Schöpfer) auf die ganze Erste Republik zu pfeifen scheint. Bedenkt man zudem, dass der Roman 1934 erschien, wird die Sache noch heikler. Bekanntlich setzte sich in diesem Jahr der sogenannte «Austrofaschismus» durch, eine auf Dauer ungeeignete Politik zur Abwehr des von der österreichischen Bevölkerung nicht gerade verschmähten Nationalsozialismus Hitlers.
Wie der Roman unter diesen Umständen, bewusst oder unbewusst, nach vielen Seiten hin offenbleibt, ist mehr als bemerkenswert. Zum einen hebt er die Mentalitätsunterschiede zwischen Österreichern und Deutschen deutlich hervor, zum anderen wird ein deutscher Austauschoffizier, der «verdammte Preusse» Bottenlauben, von Menis fast göttlich verehrt. Mehrfach artikuliert der irritierte Fähnrich den Wunsch, an ein «heiliges Reich» zurückzufallen. An das 1806 aufgelöste «deutscher Nation»? Das habsburgische, das sich auf die Integration seiner Kronländer so viel zugute hielt, kann ebenfalls kaum gemeint sein.
Geschichtsverklärung ist angesagt. Allerdings geht Lernet-Holenia nicht so weit, wie es zum Beispiel bei Literaten wie Bruno Brehm und anderen opportun wurde, das militärische Versagen allein den kronländischen Truppen Österreichs anzulasten. Das Drängen der Polen, Tschechen, Kroaten, Rumänen und Ruthenen nach nationaler Eigenständigkeit ist für ihn ein unwillkommener Tribut an die «neue Zeit», und dennoch schwingt der Vorwurf des Verrats mit, dessen ideologische Umdeutung dem zeitgenössischen Leser nicht schwerfallen durfte: Die Meuterer auf der Donaubrücke besitzen «ein wenig platte slawische Bauerngesichter», und der Rittmeister Charbinsky, ein «Pole, ursprünglich sogar Russe», der sich zum Vorsitzenden des «Soldatenrats» macht, lächelt verschmitzt unter einem «Mongolenbart». Alles und nichts erklärt eine Formulierung wie: «Durch den Soldaten brach der Prolet.»
Zwiespältig
Auch wenn «Die Standarte» kein kriegsverherrlichender Roman ist, rehabilitiert er dennoch den Glanz militärischer (Offiziers-)Ehre. Dies und anderes, wie etwa der latente Hass gegenüber einem schmarotzenden, sich aller Verantwortung entziehenden Grossbürgertum, wirft (zumindest aus heutiger Sicht) radikale Fragen auf. Möglicherweise lässt sich in Herbert Menis, der seine Resa zwar bekommen und schwängern, aber niemals wirklich «lieben» wird, sogar eine milde österreichische Variante jenes «soldatischen Mannes» erahnen, wie ihn Klaus Theweleit als genuines Erziehungsprodukt der Zeit in seinen «Männerphantasien» (1978) für Deutschland beschrieben hat. Daneben sollte zumindest erwähnt werden, dass der akribische Analytiker des «Habsburgischen Mythos in der österreichischen Literatur», Claudio Magris, «Die Standarte» 1966 ohne Zögern den «oberflächlichen», ja «unbedeutenden» Werken der Zeit zugerechnet hat.
Fazit: Das Buch war und ist zwiespältig wie sein Autor. Mit dem alten Gegensatzpaar: «ein Talent, doch kein Charakter» skizzierte ihn 1954 Hilde Spiel, die bei allen Bedenken doch immer in seinem Bann blieb, selbst während seiner problematischer Amtszeit als Präsident des Österreichischen PEN, von dem er sich 1972 mit spektakulärem Protest gegen die Verleihung des Nobelpreises an Heinrich Böll verabschiedete. Es bleiben die Fakten: Einerseits sollte Lernet-Holenia auf der am 16. Mai 1933 im «Börsenblatt» veröffentlichten «ersten amtlichen schwarzen Liste für Preussen» aus dem Kanon der «schönen Literatur» verbannt werden. Andererseits avancierte der 1939 im «Polenfeldzug» verwundete Autor und anschliessende Chefdramaturg der Berliner Heeresfilmstelle hinter Figuren wie Richard Billinger und Mirko Jelusich nach und nach zu einem der literarischen Spitzenverdiener des angeschlossenen Österreich. Infolge seiner gelinde gesagt politischen Unbekümmertheit wurde er als Nicht-NSDAP-Mitglied noch 1944 vom «totalen Kriegseinsatz der Kulturschaffenden» freigestellt.
Rund um seinen 20. Todestag am 3. Juli 1996 ist es verhältnismässig ruhig geblieben. Doch zeichnet sich ab, dass in seinem 100. Geburtsjahr 1997 das öffentliche Interesse reger sein wird. Und ebenso sicher scheint, dass schönfärberische Würdigungen eine kritische Diskussion dieses, um noch einmal ein Verdikt Hilde Spiels aufzugreifen, «vielschichtigen» und «paradoxen», «rebellischen Konservativen» nicht werden ersetzen können. Allein deshalb lohnt sich eine (neue) Lektüre der «Standarte». Der romaneske «Weltuntergang» im Takt des «Radetzkymarschs» von Joseph Roth ist freilich ein anderer.
Volker Kaukoreit
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