Aus der Amazon.de-Redaktion
Auf seiner gefährlichen Reise besucht Alex nicht nur das sagenumwobene El Dorado (dessen vermeintlich reicher Schmuck sich ironischerweise als Katzengold entpuppt) und lernt eine neue, riesenhafte Spezies von faultierartigen Wesen kennen, die aufgrund ihrer langen Lebensdauer als Gedächtnis der schriftlosen Indios fungieren: Er entlarvt auch eine Verschwörung, entdeckt die eigene Sexualität, bändigt mit seiner Flöte die Natur, rettet den Indianerstamm der Nebelmenschen vor dem Untergang -- und wird so Teil einer exotisch-verlockenden, fremden Welt, die als (etwas überzeichnetes) Gegenbild des kalten, gefühlsleeren New York firmiert. Am Ende schaut Alex alias "Jaguar" nicht nur auf ein unglaubliches Abenteuer, sondern nach seiner Initiation mit allerlei bewusstseinserweiternden Drogen (deren Schilderung zu den sprachlich gelungensten Passagen des Romans gehört) auch auf seine beendete Kindheit zurück. Mit dem "Wasser des Lebens" kann Alex vielleicht sogar seine Mutter heilen. Und seine inzwischen überaus liebenswerte Großmutter ist zudem eine gute Freundin geworden.
Auch verlagsgeschichtlich ist der Stadt der wilden Götter etwas Mysteriöses widerfahren. Zeitgleich nämlich kam das Buch in der (im Übrigen sehr flüssigen) Übersetzung von Svenja Becker bei Suhrkamp und im Hanser Verlag heraus. Bei Letzterem fiel es ins Jugendbuch-Segment, und dort ist Die Stadt der wilden Götter auch sehr gut aufgehoben: als Abenteuerroman über das Entdecken einer rätselhaften Welt -- auch die des eigenen, pubertierenden Ichs --, mit allen altbekannten Elementen (falsche Verdächtigungen, überraschende Enthüllungen, gute Indianer und "wilde" Zivilisierte, tumbe Wissenschaftler etc.), die man von einem solchen Plot nicht erst seit Karl May erwarten kann. Auch einige schwer erträgliche, fremden Klassikern entlehnte Klischees ("Man sieht nur mit dem Herzen gut") bekommen von daher einige Berechtigung.
"Ich habe schon Abenteuergeschichten geschrieben, als meine Kinder noch klein waren", hat Allende bemerkt, "und habe sie ihnen dann erzählt. So blieb ich wunderbar in Übung -- bis heute". Dem kann man unumwunden zustimmen: Denn spannend erzählt ist Die Stadt der wilden Götter allemal. Hier hat Allende einmal mehr gezeigt, dass sie zu den besten Unterhaltungsschriftstellerinnen Südamerikas zu zählen ist, und das ist keineswegs negativ gemeint. So wird wohl auch die Suhrkamp-Ausgabe beim erwachsenen Publikum viele begeisterte Leser finden. --Thomas Köster -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Der Verlag über das Buch
»Abenteuer pur.« Spiegel spezial
»Spannend, mystisch und trotzdem voller Komik.« Brigitte Young Miss
»Krimi, Abenteuerroman und Fantasy vermengen sich zu einem tollen Lesestoff, der so ganz nebenbei auch noch eine gehörige Portion Kultur-kritik mitliefert.« Stuttgarter Zeitung -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
Über den Autor
Im Jahr 2011 wurde ihr der Hans-Christian-Andersen-Literaturpreis, einer der wichtigsten Literaturpreise Dänemarks, verliehen.
Auszug aus Die Stadt der wilden Götter von Isabel Allende, Svenja Becker. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Dann, kurz darauf, sahen Alex und Nadia die Bestie. Sie war nur einen Steinwurf entfernt und ging auf die Stadt zu. Wie ein gigantischer Menschenaffe, bestimmt über drei Meter groß, schritt sie aufrecht auf zwei Füßen vorwärts, ihre langen Armen reichten bis zum Boden, und das Köpfchen mit dem melancholischen Gesichtsausdruck wirkte zu klein für die massige Gestalt. Sie war von einem drahtigen, schwarzen Pelz bedeckt, und ihre Pranken endeten in drei langen, scharfen, krummsäbelähnlichen Klauen. Sie bewegte sich so unglaublich langsam, dass sie gar nicht von der Stelle zu kommen schien. Nadia wusste sofort: Es war das gleiche Wesen, dass sie schon einmal gesehen hatte. Vor Schreck blieben sie wie angewurzelt stehen und starrten die Bestie an. Irgendwie ähnelte sie einem Tier, das sie kannten, aber sie kamen nicht drauf.
"Wie ein Faultier", flüsterte Nadia endlich.
Und da erinnerte sich Alex, dass er einmal im Zoo von San Francisco ein Tier gesehen hatte, das so ähnlich aussah wie ein Affe oder ein Bär, in den Bäumen lebte, sich unglaublich langsam bewegte und deshalb Faultier hieß. Es war ein friedliches Geschöpf, überhaupt nicht schnell genug, um zu jagen, wegzulaufen oder sich zu verteidigen, hatte aber auch wenig Feinde: Auf seinen dicken Pelz und sein bitteres Fleisch waren nicht einmal die hungrigsten Raubtiere scharf.
"Und der Geruch? Die Bestie, die ich gesehen habe, hat fürchterlich gestunken", sagte Nadia immer noch flüsternd.
"Die hier stinkt nicht, jedenfalls rieche ich nichts ...", sagte Alex. "Sie muss eine Drüse haben wie die Stinktiereç und kann den Geruch bestimmt steuern, wenn sie sich verteidigen muss oder ihre Beute lähmen will."
Die Bestie musste das Geflüster gehört haben, denn jetzt drehte sie sich ganz langsam nach Alex und Nadia um. Die beiden wichen zurück, aber Walimai schritt, gefolgt von seiner Frau, so gemächlich an ihnen vorbei auf die Bestie zu, als mache er ihre Trägheit nach. Der kleine Schamane reichte diesem Wesen, das da wie ein Turm vor ihm aufragte, gerade bis zur Hüfte. Seine Frau und er fielen auf die Knie und verneigten sich tief, und dann hörten Nadia und Alex ganz deutlich, wie die Bestie mit einer tiefen, hallenden Stimme ein paar Worte in der Sprache der Nebelmenschen sagte.
"Mein Gott, sie kann sprechen!", wisperte Alex und war sicher, dass er träumte.
"Pater Valdomero hat Recht gehabt, Jaguar."
"Aber dann muss sie doch auch denken wie ein Mensch. Meinst du, du kannst mit Ihr reden?"
"Klar, wenn Walimai das kann, aber ich trau mich nicht näher ran", flüsterte Nadia.
Sie mussten eine Weile warten, denn dieses Wesen sprach genauso träge, wie es sich bewegte, und die Wörter plumpsten nur eins nach dem anderen aus seinem Mund.
"Sie fragt, wer wir sind", übersetzte Nadia.
"Das habe ich verstanden. Ich verstehe fast alles...", flüsterte Alex und trat einen Schritt nach vorn. Walimai hielt ihn durch eine Geste zurück.
Die Unterhaltung zwischen dem Schamanen und der Bestie schleppte sich in diesem nervenaufreibenden Schneckentempo dahin, und keiner rührte sich, während es dunkler wurde und der weiße Himmel einen orangefarbenen Schimmer annahm. Irgendwo außerhalb des Berges musste die Sonne der Nacht weichen. Endlich stand Walimai auf und kam zu ihnen.
"Die Götter werden einen Rat abhalten", sagte er.
"Wie? Dann sind das also wirklich die Götter? Und es gibt noch mehr von ihnen? Wie viele?" Aber Walimai fand die erste Frage von Alex wohl unnötig und auf die andere wusste er vielleicht keine Antwort, denn Kate hatte doch erzählt, dass die Indianer nur bis zwei zählen können. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .