"Birthmarked" lautet nämlich der Originaltitel, und im Gegensatz zum deutschen Titel hat er viel mit der Handlung zu tun. Was, das möchte ich hier noch nicht verraten, denn das wird erst langsam im Lauf der Geschichte klar.
Das Szenario ist nicht neu. Waren es früher Aliens, Meteoriten, Seuchen oder - besonders beliebt - Atomkriege, die die Erde verwüstet und nur wenige Menschen in einer feindlichen Umwelt zurückgelassen haben, so ist es heute der Klimawandel, der dafür verantwortlich ist. Science Fiction projeziert in die Zukunft, was die Menschen der Gegenwart beschäftigt.
Anders als der Einschlag einer Bombe oder eines großen Himmelskörpers geht der Klimawandel aber allmählich vor sich und lässt den Menschen Zeit, sich Lösungen auszudenken.
Eine davon, und ganz sicher keine perfekte, ist die Enklave in "Die Stadt der verschwundenen Kinder", in der die Kinder nur insofern verschwinden, als sie zwangsadoptiert werden. Warum das so ist, findet Gaia, die Hauptperson der Geschichte, nach und nach heraus.
Sicher gibt es eine Reihe von Unstimmigkeiten und oft wird nicht klar, warum die Personen so handeln, wie sie es tun. Wäre dies ein Roman für Erwachsene, würde ich höchstens drei Sterne vergeben. Aber wir haben es hier mit einem Buch für Teenager zu tun, die sich schon mit den Ungereimtheiten ihrer eigenen Welt herumschlagen müssen und sich daher gerne mal in eine andere Welt flüchten, ohne auch da gleich nach Logiklöchern zu suchen.
Obwohl die Geschichte über 300 Jahre in der Zukunft spielt, behandelt sie Themen, die Jugendliche zu allen Zeiten interessieren: erwachsen werden, abnabeln von den Eltern, Berufswahl, Freundschaft, erste Liebe, Schönheit (Gaias Gesicht ist durch eine Narbe verunstaltet), Abenteuer, Geburt und Tod. Einerseits wird die sechzehnjährige Gaia nach dem Verschwinden ihrer Eltern als Erwachsene akzeptiert und muss auch als solche handeln, andererseits wird sie von den Mächtigen der Enklave herumgestoßen wie ein Spielzeug, das nicht richtig funktioniert. Ein Gefühl, das Jugendliche nur zu gut kennen, auch wenn es bei ihnen selten um Leben und Tod geht.
Das Buch ist recht spannend (manchmal möchte man den handelnden Personen aber schon gerne einen Schubs geben), in einer gut verständlichen, aber nicht simplen Sprache geschrieben und mit ca. 460 Seiten ohnehin nur etwas für Viel- und Gernleser. Daher darf man ruhig eine gewisse Leseerfahrung voraussetzen.
Das offene Ende hätte mich früher füßescharrend auf eine Fortsetzung warten lassen. Heute stelle ich mir lieber selber vor, wie es weitergehen könnte.