Die rote Pelerine
Selten habe ich ein Buch gelesen, dass mich so aufgewühlt hat. Die Handlung erzählt von einer jungen Frau, Özgür, einer Türkin (wobei die Nationalität (außer dass sie eine Fremde, eine Ausländerin ist) keine wesentliche Rolle spielt), die in der Ich-Form von Ihrem Leben in Rio erzählt. Mit welcher Begeisterung sie zwei Jahre zuvor in der Stadt angekommen ist, wie die Stadt sie am Anfang fasziniert und mitgerissen und dann ganz langsam ihr wahres Gesicht gezeigt hat. Wie sie ihren Job verloren hat, in eine Wohnung am Rande der Favelas ziehen musste, oft nicht genügend Geld zum Essen hatte, dazu die ständigen Schusswechsel in den Favelas, die Angst als ständiger Begleiter.Auch hat sie immer noch Sprachprobleme, sie ist des Portugiesischen noch nicht so mächtig, ist eine Fremde, eine Gringa. Und sie ist einsam. Dennoch, sie kann sich dem Einfluss dieser Stadt nicht entziehen, ihre Sachen packen und nach Hause fliegen, sie will vorher noch mit der Stadt abrechnen, diese Stadt ist wie eine Droge für sie, sie ist süchtig nach ihr, sie hasst, fürchtet und liebt sie zugleich und deswegen fängt sie an zu schreiben, schreibt ihre Erfahrungen und Gedanken als Ö in ein Tagebuch .
Das Buch beschreibt einen Tag in ihrem Leben, von dem Morgen wo sie aufwacht, in der Wohnung herumhängt, zuviel raucht und Tee trinkt, schreibt, immer den Gedanken nachhängend, die sich wie im Kreise drehen, sich nicht nach draußen wagt, und schließlich, weil die Zigaretten zu Ende sind, doch zum Kiosk und in die Stadt geht. Das Buch beschreibt von den verschiedenen Menschen, denen sie dabei begegnet, Bettlern, Wahnsinnigen, Menschen, die sich längst aufgegeben haben, Menschen, die wie Müll herumliegen, aber auch Menschen die tanzen und singen und im Angesichts des Elends voller Lebensfreude sind, Rio, Himmel und Hölle zugleich.
Ash Erdogan, die selber wohl zwei Jahre in Rio gelebt hat (mich würde schon interessieren, was in dem Buch selber erlebt und was erfunden wurde) führt uns in eine Stadt, die man als Tourist so nicht kennen lernt - und wohl auch nicht kennen lernen will. Sie zeigt die Abgründe dieser Stadt und den Sog den sie ausübt. Die Protagonistin weiß, dass sie nicht gewinnen kann und versucht dennoch in dieser Stadt zu überleben. Man möchte ihr zurufen, pack die Koffer so lange noch Zeit ist und setz Dich in den nächsten Flieger, mach eine Therapie und komme wieder zu Dir selber. Obwohl sie täglich von der Gefahr umgeben ist, ist sie letztendlich doch überrascht, dass es so kommt wie es kommen muss (ich war es übrigens auch - ein für mich überraschender Schluss).
Das Buch ist exzellent geschrieben, ich kann es nur empfehlen, aber es ist nichts für empfindsame Seelen. Ich habe das Buch gleich nach dem ersten Lesen noch ein zweites Mal gelesen und es hat mich doch einige Tage beschäftigt. Natürlich wusste ich bereits im Vorfeld einiges über diese Stadt (obwohl ich bisher noch nicht da gewesen bin) dennoch ermöglicht Ash Erdogan es einem, auf ihre eigene Weise, in diese Stadt für eine kurze Zeit selber einzutauchen um dann - ganz erleichtert - wieder aufzuwachen und festzustellen, man ist ja Gott sei dank hier zu Hause, in scheinbarer Sicherheit".