Auf den ersten Blick findet man sich als Leser der "Stadt in der Wüste" in einer archaischen Wüstenwelt wieder, in der statt Handlung nur die Härte und das Elend der Natur, die Vergänglichkeit von Zivilisationen und die Anfälligkeit des Menschen für Verfehlungen beschrieben wird. Diese Kulisse dient dazu, eine in Übertreibung und Radikalität daherkommende Lebens- und Staatsphilosophie aufzubauen. Da wird den Ausgestoßenen und Kranken unterstellt, sie seien noch stolz auf ihr Elend. Da wird Ehebrecherinnen und Kleinkriminellen ein qualvoller Tod angedroht. "Ich habe eine große Wahrheit erkannt: dass der Mensch ein Heim habe", gemeint ist ein Anwesen, ein Garten, ein Haus. Und nur durch eine strenge, sinnerfüllte Einstellung des Besitzers wird dieses Heim Bestand haben, andernfalls verschwindet alles im Wind. Wenn man davon ausgeht, dass die Wahrheit immer in der Übertreibung liegt, dann wird man dieser Elementarphilosophie des Autors folgen, wenn nicht, wird man archaische, reaktionäre, womöglich diffus faschistoide Elemente darin erkennen. Offenbar will Saint-Exupéry sagen: Um einen geringeren Preis, als hier von mir beschrieben, ist ein sinnvolles Leben nicht zu haben. Leben heißt: Sich vollenden, die Vollendung ist der Tod, alles Vorherige ist im Hinblick auf das wirkliche Leben, jenes nach dem Tod, zu bewerten, im Hinblick auf Gott.
Saint-Exupéry setzt nach 2000 Jahren Christentum und 200 Jahren Aufklärung, 50 Jahre nach den Anfängen der Psychoanalyse, in der Wüste an, wo das Leben am härtesten ist, wo es keinen Luxus, keine Dekadenz geben kann, will der Mensch überleben; es gibt nur die vormodernen, jahrtausendealten Werte, die Strafrituale der Antike. Die Völker des Südens, schreibt er sinngemäß, schöpfen immer wieder Stärke aus ihrem Elend, eine Stärke, die der versklavte und dekadente Westen nie haben wird.
Hier wird der moderne Mensch in all seinen Facetten - seiner humanistischen, christlichen, postmodernen, sozialen oder tiefenpsychologischen Weiterentwicklung - nicht als Fortschritt wahrgenommen. Leben bedeutete demnach etwas grundsätzlich anderes als die moderne Welt glaubt, es wäre fast ausschließlich Bewährung unter widrigen Umständen im Hinblick auf soziale und transzendente Wahrheiten.