Nach "Rendezvous mit Rama" mein zweiter Roman von Clarke, der ähnliche Themen behandelt, jedoch vorwiegend auf der Erde spielt und mir eindeutig besser gefiel.
Die Handlung spielt in einer sehr fernen Zukunft. Einst haben die Menschen den Weltraum durchpflügt, ferne Sonnen und Sterne angeflogen und sogar Himmelskörper von gewaltigen Ausmaßen geschaffen. Dann geschah etwas Seltsames - so die Legenden: die Menschen wurden von einer fremden Macht angegriffen. Die Vorherrschaft um den Weltraum wurde schnell zugunsten der Fremden entschieden und die Menschen mussten sich auf die Erde zurückziehen. Es gab einen letzten entscheidenden Kampf, wobei einige wenige Menschen mit besonderen Gaben die Menschheit vor dem endgültigen Verschwinden bewahrten.
Seither lebten die Menschen in einigen wenigen Städten. Jetzt - Millionen Jahre danach - gibt es nur noch eine Stadt: Diaspar. Der Stand der Technik ist so weit fortgeschritten, wie Clarke es einmal (in einem Sachbuch) formulierte: "Jede hinreichend fortschrittliche Technik ist von Magie nicht mehr zu unterscheiden". Es gibt ein lückenloses Kontroll- und Erneuerungssystem, Gebäude und Fließstraßen, die - wie alles andere auch - vom Zentral-Elektronengehirn gesteuert und überwacht werden. Die Stadtbewohner kommunizieren seltener direkt als vielmehr über Visiofone und können jegliche Gegenstände in der eigenen Wohnung materialisieren. Zu den beliebtesten Aktivitäten zum Zeitvertreib gehören die sogenannten "Abenteuer", die man mit Freunden unternehmen kann - natürlich via PC, vom heimischen Sofa aus. Und mit einem solchen Abenteuer beginnt der Roman.
Somit wird auch ohne Umschweife der Protagonist der Handlung, der junge Alvin, vorgestellt. Zwar nahm sein Leben - wie das jedes anderen Stadtbewohners - in der Halle der Schöpfung seinen Anfang, doch Alvin ist nicht wie alle anderen; er ist ein Einzigartiger. Er erfährt es von seinem Lehrer, der für sein geistiges Wachstum verantwortlich ist. Was das nun konkret bedeutet, verrate ich an dieser Stelle nicht.
Als Leser begleitet man Alvin bei seinem Selbstfindungsprozess und der Realisierung seiner Wünsche, die den der Stadtbewohner in einigen Punkten diametral entgegen stehen. Alvin erkundet die Stadt und der Leser erfährt einiges über ihre Geschichte; er trifft der "Spaßmacher" und man wirft einen Blick hinter die Kulissen der seit Millionen reibungslosen Abläufe und Strukturen der großen Stadt; schließlich gelingt Alvin eine Entdeckung, die sein Leben und das der anderen für immer drastisch verändern wird ...
Was fesselt an dem Roman am meisten? Sicherlich ist es die Architektur und die Fokussierung auf Diaspar, Legenden ihrer Entstehung und Alvins Bestimmung(?). Man erhascht einen Blick auf die Stadt, lernt einige Personen kennen und kann sich die Strukturen in etwa vorstellen. Das Erzähltempo ist recht flott, die Spannung bleibt konstant, Clarkes Ideen wissen zu fesseln, der Plot bleibt im Gedächtnis. Clarke ist weniger kopflastig als Lem, die Geschichte ist deshalb etwas dynamischer. Symptomatisch dafür ist vor allem das letzte etwa Fünftel des Buchs, wo man als Zuschauer die Erde verlässt. Andere Autoren hätten diese Passagen sicherlich ausgewalzt, nicht so Clarke. Ihm geht es nicht um das große Ganze, sondern um die Entwicklung Alvins. Ich hätte mir zudem etwas mehr "Innenschau" und philosophische Betrachtungen hinsichtlich der Lebens- und Denkweisen etc. gewünscht, doch das tut dem Lesevergnügen keinen Abbruch.
Dieser Roman ist wegen seiner außergewöhnlichen Grundidee, seines visionären Plots und komprimiert-flotten Stils auch allen Lesern uneingeschränkt und wärmstens zu empfehlen, die sonst keine SF lesen.
Das Vorwort verrät zwar nicht zuviel von der Geschichte, sollte trotzdem nach dem Auslesen vorgenommen werden, um den Genuss noch zu steigern.
Und noch ein Wort zur Übersetzung: sie ist hervorragend!