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Die Stadt Ys: und andere Geschichten vom ewigen Leben
 
 
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Die Stadt Ys: und andere Geschichten vom ewigen Leben [Gebundene Ausgabe]

Thomas Harlan


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Gebundene Ausgabe, September 2007 --  

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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Von Geisterstädten, doppelten Leben, vergeblichen Lieben 1937 ergreift Stalin eine Maßnahme, die es den Feinden schwer machen soll, Wotkinsk, Geburtsort Tschaikowskis und Mittelpunkt der russischen Rüstungsindustrie, zu zerstören. Er lässt die Stadt ein zweites Mal erbauen, 52 Kilometer entfernt von der ersten, mit zweitem Schwanensee, mitsamt zweitem Geburtshaus Tschaikowskis, zweitem Klavier, Bett, und zweiten Originalpartituren - nicht aber den riesigen Munitionsfabriken, die nur unter Wotkinsk I liegen und nun fieberhaft erweitert werden. Wotkinsk I war fortan auf keiner Karte mehr zu finden. So ist eine der vielen, ineinander verwobenen Geschichten aus Thomas Harlans Die Stadt Ys. Sie sind bevölkert von geheimnisvollen Figuren und rätselhaften Gestalten, sie spielen in Kasachstan, im Ural, an der Grenze zu Iran und lassen eine Welt zu Literatur gerinnen, die ewig im historischen Gedächtnis bleiben wird: die Welt des sowjetischen Reiches und seiner Satellitenstaaten.

Auszug aus Die Stadt Ys. und andere Geschichten vom ewigen Leben von Thomas Harlan. Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Kurzgeschichten

Die erste bis dritte

Die erste Geschichte ist kurz und bündig. Sie fängt gar nicht erst an. Sie bleibt dir im Halse stecken, Luszek! Luszek schluchzt anstatt. Wenn Luszek schluchzt, hörst du die Schlosshunde. So bitterlich hat noch nie ein Mensch! "Ich habe ein Alter erreicht, wo es erlaubt ist, nur noch zurückzublicken. Was habe ich angerichtet!" In der Tat. Was kann er noch anrichten, fragst du dich. "Ich bin ein Schwein!". Er steht vor seiner Bleibe, nimmt die Hornbrille ab, putzt das Glas, öffnet beim Reinigen der Augenwinkel den Mund wie ein Karpfen und gähnt. Den bösen Satz sagt Luszek mindestens ein Mal pro Tag. Meist weint er dabei nicht. Er blickt dann nur noch zurück. "Bis an den Horizont". Da dämmert es ihm: "Schlimmer kann es nicht kommen. Wer hier sein Leben verbringt, weiß: eine gute Nachricht kommt immer als schlechte daher; und schätzt sich drum glücklich. Ich schätze mich glücklich". So beginnt und endet auch gleich schon wieder die zweite Geschichte. Luszek erwartet sich von einer Katastrophe viel, eigentlich alles. Sein Schwein setzt auf sie, sozusagen. "Oh Gott!" So stöhnt ein jugendlicher Held! Er ist sehr alt und groß und noch viel trauriger. Er ist trauriger und größer als irgendwer und neuerdings außerdem um ein paar Zentimeter kleiner. Er maß mal fast zwei Meter. Jetzt schrumpft er. Sagt er. Die Brust wird enger. "Das Herz macht nicht mehr mit". Auch in diesem Punkt verschlägt es die Sprache. Der Schlosshund denkt an Frau und Sohn. Das Herzstück jeden Gedankens erinnert an den bürgerlichen Tod. "Ich starb tags darauf", sagt er. Wir stehen in Saska Ke731pa, im »Sächsischen Lager«, am Ostufer der Weichsel, als er das sagt - vor seinem Haus. Tags worauf, gestorben woran? - sagt er nicht, will er nicht. Nur: "Das war 1953". Du musst wissen, sage ich zu einem Freund, dem ich die Geschichte erzählen will und erklären, was "tags darauf" heißen könnte: Luszek war als Offizier der Roten Armee nach Polen zurückgekehrt, war 1945 Woiwode von Stettin geworden und mit der Vertreibung der Deutschen befasst ("Meine Untat!"), dann Botschafter der Volksrepublik Polen in der chinesischen Volksrepublik, dann akkreditierter Vertreter des Politbüros beim Politbüro der Bruderpartei in Peking und vorher oder nachher Botschafter der Volksrepublik Polen in der tschechoslowakischen sozialistischen Republik und akkreditierter Vertreter des Politbüros beim Politbüro der Bruderpartei in Prag. Ein Nichts ist er jetzt. Seit 1956 schon - Genosse Niemand: Hilfs-Redakteur im Parteiverlag KiW. "Bierut", sagt er, wenn du ihn fragst, wenn du ihn auf Knien gebeten hast und es noch immer nichts nützt, und dann regnet es, und dann plötzlich nützt es doch, "bitte", sagt er dann: "also Bierut ruft mich an, der polnische Staatspräsident, in Prag: »Luszek, komm, komm sofort; ich brauche dich«. Am nächsten Morgen stand ich vor ihm, er stand, nein, hing, er hing im Wasser zwischen zwei Leibwächtern, machte ein paar Schwimmbewegungen, und sagte: »Danke, Luszek, dass du gleich gekommen bist. Es brennt«. Dazu musst du wissen, dass Bierut eine Schwäche hatte für Wasser, er liebte Wasser, er liebte es so sehr, dass er ganze Regierungssitzungen im Flussbett abhalten konnte, die Minister auf Korbstühlen, am Ufer, und er, im schwarzen Präsidentenbadetrikot mit Monogramm »BB«, im Wasser, schwimmend oder nicht, paddelnd, und links und rechts von ihm die Bademeister-Leibwächter in langen, schwarzen Badeanzügen aus den Pilsudski-Badejahren, den prüden Dreißigern, auch sie, die ihn unter den Armen festhielten im Fluss, dazu musst du wissen, dass die Residenz des Präsidenten an der Weichsel lag, nahe der Ortschaft Blota, an dieser Uferpromenade dem Vorort Falenica zugehörig, kurz, Fluss, das war die Weichsel, seine Regierungsweichsel, die an ihm vorüberfloss, von der hatte Bierut sich einen Arm abzweigen lassen, unterirdisch abzweigen und in seinen Residenzgarten umlegen und für das Weichselärmchen, am Residenzgartenzaun entlang, einen kreisförmigen Kanal durch den Park graben lassen, in den das Weichselwasser gepumpt und, wenn er »baden!« rief, auf ein Signal hin die Wellenpumpe angelassen werden konnte, um stehendes Wasser in bewegtes zu verwandeln und ihm den Eindruck zu vermitteln, wie Mao im Gelben Fluss in Flussmitte gegen die Strömung flussaufwärts zu schwimmen, so, dass es tatsächlich die echte war, die Weichsel, die mit ihm oder gegen ihn floss und er mit ihr auf ihren Wellen oder auch ohne, oder die Oberfläche nur leicht gekräuselt, vom Wind gekräuselt, je nach Lage und Gesundheitszustand, und so war das auch am Morgen, als ich vor ihm stand und er sagte, »nein, nein«, rief er aus, er rief aus dem Wasser, als würde ich schlecht hören: »Luszek, setz dich, willst du Kaffee ?«, während er dies rufend immer noch Schwimmbewegungen machte zwischen seinen zwei schwarzen Engeln, die ihn über Wasser hielten wie einen das Wasser verdrängenden Schiffsleib, denn er konnte nicht schwimmen. Dazu musst du wissen, dass kein Kommunist, kein Revolutionär je schwimmen konnte, die haben keine Zeit gehabt in der Jugend, schwimmen zu lernen oder irgendwo hinzufahren ans Wasser. Jedenfalls, Bierut, der schickte, jetzt, der schickte seine Adjutanten weg, den Kellner, die Leibwächter mit einer Geste, die so aussah, als wolle er Fliegen verjagen, dann paddelte er ein, zwei Meter vorwärts, an mich heran, bis ans Flussufer, und sagte, leise, so leise, dass niemand ihn hören konnte: »Luszek, tut mir leid, deine Frau ist eine Spionin, die muss weg, sofort, widersprich mir nicht, gib mir keine Erklärungen, ich lasse sie nach Kanada ausreisen, einen Prozesswollen wir nicht, so was schadet uns, du lässt dich morgen scheiden, los, fahr nach Prag, mach, was ich dir gesagt hab«, das sagte er im Wasser, um dann augenblicklich wieder die Leibwächter, die Kellner und Feldadjutanten zurückzuwinken, sich Kaffee im Wasser servieren und mich nach draußen begleiten zu lassen, das konnte ich noch sehen, wo eine Limousine des Auswärtigen Amtes auf mich wartete, und aus. Aus der Traum. Drei Wochen später war ich geschieden. Das Erziehungsrecht für meinen Sohn wurde mir zugesprochen. Meine Frau, Brigyta, verließ Polen noch vor Verkündung des Urteils. Sie lebt seitdem in Kanada. Ich habe nie wieder von ihr gehört. Auch mein Sohn hat nicht. Ich bin ein Schwein". Als ich Luszek zum letzten Mal sah, war er einundachtzig Jahre alt und bei bester Gesundheit und immer noch das viel gerühmte Opfer faschistischer Polizeibüttel, der große, schmerzbesessene Held aus den Konzentrationslagern der »Sanacja«, der Vorkriegszeit. Er hatte mehrfach versucht, eines natürlichen Todes zu sterben, erzählte er; das sei ihm nicht gelungen. Am vierzigsten Jahrestag seiner Scheidung nahm er sich das Leben.


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