Aus der Amazon.de-Redaktion
Hildegunst ist als junge Großechse auf der uneinnehmbaren Lindwurmfeste aufgewachsen, einem Ort, an dem jeder davon träumt, einmal ein ganz großer Schriftsteller zu werden und zu diesem Zweck von den Eltern mit einem Dichtpaten ausgestattet wird. Hildegunsts Abenteuer nimmt seinen Anfang, als sein Dichtpate Danzelot von Silbendrechsler das Zeitliche segnet und ihm ein Manuskript hinterlässt, das es in sich hat: Nur zehn Seiten umfasst es, aber es ruft beim Leser eine Vielzahl stärkster Empfindungen hervor wie kein anderer Text der zamonischen Literaturgeschichte.
Leider kennt Hildegunst den Namen des Autors nicht, denn Danzelot hatte die Erzählung von einem angehenden Schriftsteller erhalten und diesem empfohlen, sein Glück in der Bücherstadt Buchhaim zu versuchen. Und so macht sich Hildegunst auf den Weg in die Stadt der Träumenden Bücher, wo an jeder Straßenecke finstere Antiquariate auf Kunden lauern, magisch begabte Buchimisten ihr Unwesen treiben und auch sonst zahllose Gefahren die dem ahnungslosen Bücherliebhaber drohen ...
Um es gleich zu sagen: Moers Übersetzung aus dem Zamonischen ist vorzüglich gelungen. Mit großer Sprachgewalt beschwört er die exotische Bücherstadt mit all ihren merkwürdigen Lebensformen herauf. Ob gepanzerte Bücherjäger, Nebelheimer Trompaunenkonzerte oder Katakomben voller Erstausgaben und Gefährlicher Bücher -- das vorliegende Werk ist eine Großtat der Völkerverständigung. Nicht nur die gekonnt ins Deutsche gerettete Makrostruktur des Buches und die zahllosen Illustrationen legen Zeugnis ab von Moers Kunst, auch im Detail hat er Herausragendes geleistet. Überaus staunenswert sind vor allem die herrlichen Alliterationen in Sätzen wie Eine Weile lauschte ich den beängstigenden Lauten der Labyrinthe ... -- man kommt aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. Die Stadt der Träumenden Bücher ist ein Roman, der auch in Buchhaim für größtes Aufsehen sorgen würde, und das will etwas heißen! --Hannes Riffel
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Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Auszug aus Die Stadt der Träumenden Bücher von Walter Moers. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Buchhaim verfügte über fünftausend amtlich registrierte Antiquariate und schätzungsweise tausend halblegale Bücherstuben, in denen neben Büchern alkoholische Getränke, Tabak und berauschende Kräuter und Essenzen angeboten wurden, deren Genuß angeblich die Lesefreude und die Konzentration steigerten. Es gab eine kaum meßbare Zahl von fliegenden Händlern, die auf rollenden Regalen, in Bollerwagen, Umhängetaschen und Schubkarren Druckwerk in jeder denkbaren Form feilboten. In Buchhaim existierten über sechshundert Verlage, fünfundfünfzig Druckereien, ein Dutzend Papiermühlen und eine ständig wachsende Anzahl von Werkstätten, die sich mit der Herstellung von bleiernen Druckbuchstaben und Druckerschwärze beschäftigten. Da waren Läden, die Tausende von verschiedenen Lesezeichen und Exlibris anboten, Steinmetze, die sich auf Buchstützen spezialisiert hatten, Schreinereien und Möbelgeschäfte voller Lesepulte und Bücherregale. Es gab Optiker, die Lesebrillen und Handlupen fertigten, und an jeder Ecke war ein Kaffeeausschank, meist mit offenem Kamin und Dichterlesungen, rund um die Uhr.
Ich sah unzählige Stationen der Buchhaimer Feuerwehr, alle auf Hochglanz poliert, mit gewaltigen Alarmglocken über den Portalen und angespannten Pferdefuhrwerken, mit kupfernen Wassertanks auf den Anhängern. Schon fünfmal hatten verheerende Brände große Teile der Stadt und der Bücher vernichtet - Buchhaim galt als die feuergefährlichste Stadt des Kontinents. Aufgrund der heftigen Winde, die beständig durch die Straßen fegten, war es in Buchhaim je nach Jahreszeit entweder kühl, kalt oder eisig, aber niemals warm, weshalb man sich gerne drinnen aufhielt, tüchtig heizte - und natürlich viel las. Die ständig brennenden Öfen, der Funkenflug in unmittelbarer Nachbarschaft von uralten, leicht entflammbaren Büchern - das schuf einen wahrlich brenzligen Dauerzustand, in dem jederzeit eine neue Feuersbrunst ausbrechen konnte.
Ich mußte dem Impuls widerstehen, gleich in den erstbesten Buchladen zu stürmen und in den Folianten zu wühlen, denn dann wäre ich vor dem Abend nicht wieder herausgekommen - und ich mußte mir zunächst eine Unterkunft besorgen. So strich ich einstweilen mit glänzenden Augen an den Schaufenstern vorbei und versuchte mir diejenigen Läden zu merken, die über besonders verheißungsvolle Auslagen verfügten.
Und da waren sie, die Träumenden Bücher. So nannte man in dieser Stadt die antiquarischen Bestände, weil sie aus der Sicht der Händler nicht mehr richtig lebendig und noch nicht richtig tot waren, sondern sich in einem Zwischenzustand befanden, der dem Schlafen ähnelte. Ihre eigentliche Existenz hatten sie hinter sich, den Zerfall vor sich, und so dämmerten sie vor sich hin, zu Millionen und Abermillionen in all den Regalen und Kisten, in den Kellern und Katakomben von Buchhaim. Nur wenn ein Buch von suchender Hand ergriffen und aufgeschlagen, wenn es erworben und davongetragen wurde, dann konnte es zu neuem Leben erwachen. Und das war es, wovon all diese Bücher träumten.
Da: Der Tiger in der Wollsocke von Caliban Sycorax, Erstausgabe! Da: Die rasierte Zunge von Adrastea Sinopa - mit den gerühmten Illustrationen von Elihu Wippel! Da: Die Mäusehotels von Wellfleisch, der legendäre humoristische Reiseführer von Yodler van Hinnen, in tadellosem Zustand! Ein Dorf namens Schneeflock von Palisaden-Honko, die vielgepriesene Autobiographie eines dichtenden Schwerverbrechers, in den Verliesen von Eisenstadt geschrieben - mit einer Signatur aus Blut! Das Leben ist schrecklicher als der Tod - die hoffnungslosen Aphorismen und Maximen von PHT Farcevol, in Fledermauspelz gebunden! Die Ameisentrommel von Sansemina van Geisterbahner, in der legendären Spiegelschriftausgabe! Der gläserne Gast von Zodiak Glockenschrey! Hampo Henks experimenteller Roman Der Hund, der nur im Gestern bellte - lauter Bücher, von deren Lektüre ich träumte, seit Danzelot mir davon vorgeschwärmt hatte. An jeder Fensterscheibe drückte ich meine Nüstern platt, wie ein Betrunkener tastete ich mich an ihnen entlang, und ich kam nur im Schneckentempo vorwärts. Bis ich mich schließlich zusammenriß und beschloß, keine einzelnen Titel mehr wahrzunehmen und endlich Buchhaim als Ganzes auf mich wirken zu lassen. Ich hatte den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen, beziehungsweise die Stadt vor lauter Büchern. Nach dem behäbigen, traumverlorenen Dichterleben auf der Lindwurmfeste, das höchstens ab und zu durch eine vorübergehende Belagerung gesteigert wurde, bescherte mir das Treiben in den Straßen von Buchhaim einen Hagelschauer von Eindrücken. Bilder, Farben, Szenen, Geräusche und Gerüche - alles war neu und aufregend. Zamonier aller Daseinsformen - und jeder hatte ein fremdes Gesicht. Auf der Feste gab es nur die immergleiche Parade von vertrauten Visagen, Verwandte, Freunde, Nachbarn, Bekannte - hier war alles unbekannt und kurios.
Tatsächlich begegnete ich auch dem ein oder anderen Bewohner der Lindwurmfeste. Dann blieben wir kurz stehen, begrüßten uns höflich, tauschten ein paar Floskeln aus, wünschten uns gegenseitig einen angenehmen Aufenthalt und verabschiedeten uns wieder. Derart reservierten Umgang pflegen wir alle auf Reisen, was unter anderem damit zu tun hat, daß man nicht in die Fremde gezogen ist, um seinesgleichen zu begegnen.