Das 1935 erschienene Werk Leonid Dobycins "Die Stadt N." spielt in der Stadt Dünaburg, die vor dem Ersten Weltkrieg zum russischen Zarenreich, in der Zwischenkriegszeit zu Lettland und nach dem Zweiten Weltkrieg zur Sowjetunion gehörte. Heute ist die Stadt unter dem Namen "Daugavpils" Bestandteil der Republik Lettland. Was den Roman, der zeitlich im Zarenreich angesiedelt ist, so faszinierend macht, ist seine unaufgeregte Sprache, seine weltanschauliche Neutralität. Aus der Perspektive des kindlich-unbekümmerten Beobachters schildert Dobycin die hochinteressante Konstellation in der Stadt, in welcher er den größten Teil seiner Kindheit verbrachte: ein buntes Völkergemisch unterschiedlicher Sprachen, Ethnien und Religionen. Letten, Russen, Polen, Ukrainer, Weißrussen, Deutsche und Juden, alle haben ihren Platz im Dünaburg der Vorkriegszeit, und das Leben der bürgerlichen Bevölkerungskreise ist wenig spektakulär. Man ist jüdischen Glaubens (1893 weit über ein Drittel der Bevölkerung), römisch-katholisch, orthodox, protestantisch oder altgläubig. Die Religionsgemeinschaften und die religiöse Praxis verschiedener Glaubensrichtungen werden seitens des Autors nicht ausgespart, das "bürgerliche Leben" keiner Generalkritik unterzogen, was zur Diskreditierung Dobycins in der Sowjetzeit - "Die Stadt N." wurde als "reaktionäres" Machwerk, als "Verherrlichung der kleinbürgerlich-bourgeoisen Vergangenheit" abqualifiziert - beigetragen haben dürfte. Vor dem skizzierten Hintergrund schildert der Autor das Leben seiner Familie in und um Dvinsk, wie die Stadt im Russischen heißt, nicht zuletzt seine speziellen Beziehungen und Freundschaften zu Mitschülern und Gleichaltrigen. Durch den nüchternen, aber exakt beschreibenden Stil Dobycins wird selbst die Schilderung des Alltags zu einem bereichernden Erlebnis für den interessierten Leser.
Sowohl die Übersetzung als auch der umfangreiche Anmerkungsapparat von Peter Urban lassen kaum etwas zu wünschen übrig, auch jeder noch so kleinen Andeutung, jeder "Spur" innerhalb des Textes wird nachgegangen. Lediglich die Begriffe "Kippa" (Kopfbedeckung männlicher Juden) und "Pileolus" (kleine runde, weiße Kopfbedeckung des Papstes) scheinen dem Übersetzer nicht geläufig zu sein (vgl. S. 164).
Die Ausstattung des Bandes ist - wie generell bei den "Winterbüchern" der Friedenauer Presse - gediegen und ansprechend, so dass der kunstvolle Einband, Vorsatz, Papier und Lesebändchen zu dem Lesevergnügen beitragen. Da das Thema des Buches sich eher im Windschatten der Zeitläufte bewegt, wird man abschließend sagen können: Nicht unbedingt ein "must have", aber doch ein "very nice to have".