Berlin im April 1893: Das Leben Oskar Wegeners verläuft eigentlich ganz passabel. Der 16jährige Berliner verdient sich sein Geld als Taschendieb und kommt durch besonders clevere Tricks einigermaßen über die Runden. Eines Tages gelingt es ihm, einen sehr düster wirkenden Mann zu bestehlen, doch Oskar merkt schnell, dass der Fremde ihm folgt. Gerade als er glaubt, ihn abgehängt zu haben, taucht der Mann plötzlich aus den Schatten der Häuser auf und betäubt den Jungen mit einem seltsamen weißen Pulver, bevor der sich überhaupt wehren kann. Als Oskar Stunden später erwacht, ist er gefesselt. Ein Gefangener im Haus des Fremden!
Schnell jedoch wird klar, das Oskar nicht eine harte Strafe für seinen Diebstahl erwartet. Bei seinem Entführer handelt es sich um Carl Friedrich Donhauser, der sich selbst von Humboldt nennt, und der Sohn des berühmten Forschers Alexander von Humboldt sein will. Carl Friedrich ist ebenfalls Forscher und möchte, dass Oskar ihn auf eine Expedition in die Anden begleitet, wo er nach dem sagenumwobenen Volk der Regenfresser suchen will.
"Die Stadt der Regenfresser" ist der Auftakt der vielversprechenden Reihe "Chroniken der Weltensucher" und das erste Jugendbuch des Autors. Wie man es bereits aus seinen Thrillern kennt, versteht er es auch hier, bereits mit dem Prolog zu fesseln.
Bildhaft beschreibt Thiemeyer die Reise seiner so unterschiedlichen Protagonisten, fast kann man die Hitze Perus spüren und den seltsamen Geruch der Ukhu Pacha, riesigen und vor allem gefährlichen Insekten, wahrnehmen. Seine Charaktere hat der Autor ebenfalls sehr komplex erschaffen. Sie entwickeln sich im Laufe der Geschichte weiter und zeigen so bereits ihre Stärken, aber auch ihre Schwächen. Geheimnisse, Begabungen und Emotionen kommen nach und nach ans Licht, wodurch die Geschichte an Tiefe gewinnt und eine große Nähe zum Leser entsteht. Schnell fiebert man mit den fünf Gefährten mit, immer deren Verfolger im Blick, die hier jedoch nicht die Schurken sind, sondern ein weiterer wichtiger Aspekt der Story.
Wer Thiemeyers Bücher kennt, weiß, dass er gern Fakten mit Fantastischem vermischt und auch hier ist er seinem Stil treu geblieben. Neben Abenteuer und historischem Wissen, wartet die Story mit kuriosen Erfindungen wie zum Beispiel dem Linguaphon auf. Es gibt fliegende Schiffe zu bestaunen, chemische Waffen, die zur damaligen Zeit kaum denkbar waren und die Ukhu Pacha, mörderische Insekten, erinnern an Filme wie "Alien". Eine spannende Mischung, die beste Unterhaltung bietet.
Besonders fällt natürlich auch die liebevoll gestaltete Optik des Buches auf. Das Cover auf dem Buchumschlag, gezeichnet vom Autor selbst, passt mit seiner nostalgischen Note perfekt zum abenteuerlichen Inhalt ebenso wie die silberne Prägung auf dem Einband und das farblich passende Lesebändchen. Eine alte Windkarte der Erde schmückt die inneren Buchdeckel und die Encyclopedia Humboldtica, eine Art Glossar, ist ebenfalls zu finden. Es ist nicht zu übersehen, wie viel Liebe zum Detail auf und zwischen den Buchdeckeln steckt.
"Die Stadt der Regenfresser" ist definitiv ein Lesehighlight in diesem Herbst, das nicht nur der Zielgruppe von Jugendlichen ab 12 Jahren ein tolles Leseerlebnis bereiten wird. Eine rundum tolle Story, die mich von Anfang an sehr gefesselt hat. :-)