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Der letzte Briefroman von Natalia Ginzburg
Briefe schreiben, also «sich vor den Gespenstern entblössen», wie Kafka meinte, war schon unzeitgemäss, als Natalia Ginzburg (19161991) ihre Briefromane veröffentlichte: den bekannteren «Caro Michele» (1973) sowie «Die Stadt und das Haus» (1984), den nun Maja Pflug ins Deutsche übersetzt hat, authentisch spröde wie das Original. Briefromane schreiben heisst, sich vor jenen Kritikern entblössen, die sich von einem Prosawerk geschliffene Formulierungen erwarten. Natalia Ginzburg kümmerte sich in ihrem letzten Werk weder um solche Forderungen noch um die Blösse des Altmodischen.
«Die Stadt und das Haus» ist ein wirres Netz von Botschaften, die kreuz und quer verlaufen zwischen Rom, Umbrien und Amerika: Der Journalist Giuseppe geht müde auf die 50 zu und beschliesst, sein Leben in Rom und seine Freunde in einem Haus bei Perugia zu verlassen, um zu seinem Bruder nach Princeton zu ziehen. Dort wird er Italienisch unterrichten und viele traurige Briefe an die Freunde schreiben, die ihrerseits auch untereinander eifrigen Schriftverkehr betreiben. So unwahrscheinlich diese viele mitteilsame Post ist, es entsteht daraus doch ein treffendes Panorama jener Zeit an der Wende von den siebziger zu den achtziger Jahren, ein schriftliches Selbstbildnis der römischen Mittelschicht und ihrer bohémienhaften Ausläufer.
Liebschaften und Freundesklüngel
Giuseppe hatte einst Lucrezia geliebt, die sogar behauptet, dass eines ihrer fünf Kinder von ihm ist. Sie ist mit Piero verheiratet und lebt in einem von allen Freunden viel besuchten Haus in Umbrien. Bald nach Giuseppes Ausreise zerfällt aber dieses frohe Nest, Liebschaften und Freundesklüngel formieren sich neu, zerkrümeln sich dann wieder. Man hat einander nicht viel zu sagen und klebt doch zusammen, solidarisch gegen die Einsamkeit, die in dem turbulenten Landhaus ebenso lauert wie in der chaotischen Riesenstadt. «Alleinsein in Rom ist schön», schreibt die Lehrerin Albina, ein ältliches Mädchen. Aber später zieht sie zu einem verwitweten Tischler in ihr Heimatdorf, weil sonst «nie jemandem in den Sinn gekommen ist», sie zu heiraten.
Auch das Alleinsein in Princeton ist nicht schön. Bald nach Giuseppes Ankunft stirbt sein Bruder. Er bleibt trotzdem dort, schreibt den Roman «Der Knoten», heiratet die Witwe seines Bruders, die er anfangs nicht ausstehen konnte, verliebt sich in deren Tochter, die in Scheidung lebt und ein kleines Kind hat, das zu betreuen schliesslich seine grösste Aufgabe ist. Aus diesem Knäuel entwirrt er sich bis zum offenen Schluss nicht, während daheim in Italien die Dinge nicht geordneter laufen: Lucrezia verliebt sich in den windigen Ignazio, der ständig in Paris zu tun hat. Aus Berlin angereist kommt Giuseppes Sohn Alberico, ein chaotischer schwuler Filmemacher, der mit seiner flugs gegründeten Wohngemeinschaft für neue Unordnung und Gesprächsstoff unter den Freunden sorgt. Auch in Rom gibt es dann jede Menge Tote. So bunt treibt es das Schicksal auf beiden Kontinenten.
Die Episteln über den Ozean hinweg erklären sich noch halbwegs durch die Entfernung. Verwunderlich sind jedoch die vielen Briefe von Umbrien nach Rom, die aufgeregten Depeschen dort von einem Stadtteil in den anderen, die gar so seltenen Telefongespräche. Und das bei der italienischen Post dazumal, wo ein Brief ins Nachbardorf zwei Wochen brauchen konnte. (Hier eine eigennützige Erklärung des Rezensenten: Seit 1999 gibt es in Italien eine Post, die fast europäisch funktioniert, aber nur mit dem blauen Priority-Aufkleber, auch bei Sendungen aus dem Ausland, bitte nicht vergessen!) Doch der Anachronismus dieser umständlichen Mitteilungen ist das geringere Rätsel an diesem Roman. Schwieriger ist es, seine wirre Chronologie zu entziffern, das Geheimnis um die erzählte Zeit. Nach den vagen Angaben der Briefschreiber sind es, je nach Lesart, zweieinhalb oder dreieinhalb Jahre, dass Giuseppe im fernen Princeton vereinsamt. Ein Versehen oder Strategie der Autorin?
Wehmut
In Natalia Ginzburgs erfolgreicherem «Caro Michele» war die Wahl des Kommunikationsmittels logischer: Der Protagonist, aus politischen Gründen nach England geflohen, hält den Kontakt mit Italien in Briefen aufrecht. Als das Alterswerk «Die Stadt und das Haus» erschien, legte die Autorin offenbar nicht mehr viel Wert auf solche Spitzfindigkeiten wie praktische Plausibilität und Erzählchronologie. Die letzten Jahre ihres Lebens hat sie handfeste Politik betrieben, als unabhängige Linke im Parlament. In diesem Roman werden politische Themen nie direkt angesprochen, aber es ist eine ständige Wehmut präsent, eine Sorge um die Gemeinschaft. Der fröhliche Haufen von einst ist zerstoben, jeder rangelt auf eigene Faust. Das Landhaus ist nach dem Verkauf zu einem schmucken Hotel verkommen. In Rom regiert die Gleichgültigkeit.
Giuseppe hat seinen Roman den Freunden nach Italien geschickt. Doch es vergehen Monate, bevor ihn jemand liest. Nach allzu langer Zeit schreibt ihm sogar jemand, dass das Buch sehr gut ist, aber nun interessiert es ihn nicht mehr. So dämmert er hin, im Häuschen im grünen Princeton, während sein Sohn in Rom nach einer Messerstecherei krepiert. Natalia Ginzburg hat ein letztes Mal einen Roman über die schlechten Zeiten geschrieben, die immer schlechter werden. Das ist ein wenig falsch und ein wenig wahr, banal und interessant, ungewiss wie das Alleinsein in der grossen Stadt und anderswo.
Franz Haas
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