Fernando Meirelles Stadt der Blinden, nach dem gleichnamigen Roman von Jose Saramago mag die Zuschauer spalten; ich persönlich bin jedoch der Meinung, dass die brasilianisch, kanadisch, japanische Produktion einer der besten Filme des Jahres 2008 ist. Weiß Gott keine leichte Kost. Manchmal unangenehm in der Betrachtung, beklemmend und erdrückend in Szenen voller Leid und Scham, aber was für eine Geschichte! Ausdrucksstark, bis in die Seele erschütternd und mit eindrucksvollen Bildern eingefangen, ist das der Stoff, der Filme unvergesslich macht.
In einer Stadt ohne Namen erblinden die Menschen. Anhand von Einzelschicksalen erkennen wir, wie schnell die Weiße Seuche um sich greift. Es werden Quarantänestationen geschaffen, die an Internierungslager erinnern. Ein Augenarzt(Mark Ruffalo) wird dort eingeliefert. Seine Frau(Julian Moore), die als einzige noch sehen kann, lässt sich als Blinde ebenfalls mit einweisen. Während außerhalb der Station die Seuche wütet, schaffen sich die Blinden ihre eigene Welt in der Station. Sie helfen sich zunächst gegenseitig, aber dann bilden sie sehr schnell eine Hierarchie der Gewalt. Raub, Nötigung und sexueller Mißbrauch sind an der Tagesordnung, bis die Frau des Arztes ihre Sehkraft ins Spiel bringt. Keiner der Blinden kann ihrem Zorn etwas entgegen setzen. Aber die Anarchie besteht nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb des Lagers. Und so steht den Blinden in der Station eine ungewisse Zukunft bevor...
Fernando Meirelles spielt in genialen Kameraeinstellungen mit unserer Sehkraft. Er simuliert das Blindsein und versetzt uns in Angst um unser Augenlicht. Das weiße Rauschen ist allgegenwärtig, bedrückend, bedrohend, grausam. Die Entfremdung der Menschen, die in größter Not nicht an Nächstenliebe, sondern nur ans eigene Überleben und den eigenen Vorteil denken, wird gnadenlos in Szene gesetzt. Dabei ist Meirelles Film nichts für schwache Nerven. Wer sich hier als Zuschauer zu sehr einbringt, dem stehen schlaflose Nächte bevor. Wenn die Frau des Arztes versucht Lebensmittel aus dem Supermarkt zu holen, dann packt einen jede Szene hart und unerbittlich an. Das ist stellenweise nur schwer zu ertragen.
Meirelles untermalt die Sequenzen seines Films mit wirkungsvoller Percussionmusik. Damit transportiert er die Gefühle der Menschen fast eins zu eins. Er schafft es Hoffnung und Leid in die Töne zu packen. Julian Moore, Mark Ruffalo, Alice Braga und Danny Glover spielen ihre Rollen mit Herzblut und Kraft.
Egal, was die Kritiker sagen. Schnuppe, wie sich Liebhaber des Mainestreamkinos über den Film auslassen: Die Stadt der Blinden ist ganz großes Kino. Hier und da unangenehm, belastend und grausam. Aber mit einer Botschaft, die es in sich hat. Mit großen Bildern, einem Drehbuch mit Niveau und Aussagekraft, und hervorragenden Schauspielern. Absolut und unbedingt sehenswert!!!