Ein Mann erblindet plötzlich, am Steuer seines Autos, an einer Ampel auf Grün wartend, ihm wird geholfen, in rasantem Tempo erblinden immer mehr Menschen, bis sich die Regierung gezwungen sieht, die erblindeten Menschen von den sehenden Menschen zu trennen, die Erblindeten also in Lager zu stecken, die von Soldaten bewacht werden. José Saramago lässt den Leser an den Schicksal einer kleinen Gruppe von Menschen teilhaben, die "Namenlos"- der Augenarzt (oder auch nur der Arzt), die Frau des Arztes, die junge Frau mit der dunklen Brille, der schielende Junge, der erste Blinde und andere- bleiben. Einzig die Frau des Arztes behält aus unerklärlichen Gründen ihr Sehvermögen und bleibt bei ihrem Mann, indem sie Blindheit vortäuscht. Erst nachdem die ganze Stadt erblindet ist, gelingt der Gruppe die Flucht.
José Saramago lässt den Leser am Verfall der Moral (unter den Blinden erhebt z.B. eine "terroristische Gruppe" Anspruch auf die Herrschaft und verkauft das von ihr den anderen weggenommene Essen), ohne moralistisch zu sein, der Ethik, am Verfall des Menschseins per se teilhaben, er zeigt aber auch, dass es wohl möglich ist, in einer Situation wie dieser, Mensch zu bleiben, auch wenn die Umstände es fast unmöglich machen. Auch Liebe, und vorrangig, der Glaube an die Liebe, der ungebrochen bleibt, auch wenn man nicht sicher ist, ob man den nächsten Tag noch erleben wird. Ich denke, das ist auch genau die Botschaft (wenn man so will), die José Saramago dem Leser vermitteln will. Wenn man die Geschehnisse abstrakt betrachtet, merkt man rasch, wie sehr José Saramago mit Symbolik arbeitet. Beispiele für die gruppendynamischen Aktionen, für das Ausgrenzen von "Randgruppen", sowie für die opportunistische "Mitläufer-Täter-Rolle" findet man in den dunklen Kapiteln unserer Geschichte (und auch unserer Gegenwart) leider schnell. Großartig finde ich (anders als einige Rezensenten vor mir, die eben das als Schwachpunkt gesehen und bewertet haben), dass José Saramago gar nicht erst versucht, uns die alles erfassende Blindheit, bzw. die Nichterblindung der Frau des Arztes zu erklären, ich denke, die Ursache ist in diesem Fall nicht wichtig.
Wenn man bereit ist, diese beeindruckende und ungewöhnliche Prosa (falls "Die Stadt der Blinden" des Lesers erste Berührung mit José Saramagos Welt ist) auf sich wirken zu lassen, ist man schnell vom Sog dieser Prosa verzaubert und gefangen.
Ein beeindruckender, ein großer, ein wichtiger Roman, der zum Nachdenken anregt, ein Roman, der lange nachklingt. Ein Roman, der Stellung nimmt und kompromisslos auf seiner Linie bleibt. Ein Meisterwerk.