Dieses Live-Doppelalbum kann man getrost als Kunzes viertes Originalalbum betrachten. Von den 21 Nummern kennt man nämlich nur ganze 7 von den drei Studio-Alben her. Der Rest sind 7 bislang unveröffentlichte Songs und 7 Textbeiträge.
Das Album fängt sehr gut die Atmosphäre früher Kunze-Konzerte ein. Noch füllt er nicht die ganz großen Hallen. Dafür kann er es sich leisten, im kleineren Rahmen auch literarische Texte zum Besten zu geben.
Der Opener "Eine ruhige Kugel" schildert die konträren Gefühle eines Arbeitslosen und seiner Umgebung. Wie sich ein Arbeitstier wie Kunze so authentisch in den Kopf eines vorzeitig zum alten Eisen gelegten Arbeiters versetzen kann, ist schon erstaunlich. Hervorragend ist auch Kunzes alternatives Deutschland-Lied (Verlassen von allen guten Geistern) und der als Single veröffentlichte Song "Sicherheitsdienst", a cappella gesungen und nur von einer Rhythmusmaschine unterstützt. "Du also bist mein Tod" führt uns in die Realitäten metaphysischer Begegnungen ein, während die stille Ballade "Lisa" zu Kunzes schönsten Liebesliedern zählt.
Genial auch die halsbrecherischen Gratwanderungen auf der Worte mehrfacher Bedeutungen. Von den literarischen Beiträgen möchte ich "Variationen über den Satz: Gewaltloser Widerstand ist Gewalt", "Ich bin gegen den Frieden" und "Abendprogramm" hervorheben. Alles sind ansprechende Statements eines politischen Künstlers. Ja, damals konnte er in seinen Konzerten auch noch so was bringen...
Aber wieso versuche ich hier, mit langem Gesabbel meine Voreingenommenheit zu rechtfertigen? Mein erstes HRK-Konzert fand statt in Hannover während eben jener Tour, bei der das vorliegende Live-Album aufgenommen wurde. Kein zweites Mal erlebte ich, dass von einem Musiker 9 (in Worten: neun!) Zugaben gefordert und auch gegeben wurden.
Allein für diese schöne Erinnerung vergebe ich die volle Punktzahl! Und damit basta!