Das Faszinierende und Außergewöhnliche an Anne Kuhlmeyers neuem Roman findet man nicht in ihrer gewohnt soliden, bildreichen Sprache, nicht in den fein gezeichneten Nebenfiguren, nicht in ihrer schonungslosen Zurschaustellung einer gängigen, und wohl schon allzu leicht akzeptierten, Abschiebepraxis von Illegalen, die keine Maschen des Sozialnetzes aufgefangen haben, findet man nicht in der wunderbaren Melancholie der Sprache, die Kuhlmeyer diesem Münsterländer Mikrokosmos hinzugesellt, nicht in der fesselnden Dramatik und Zuspitzung des Aufsehen erregenden Kriminalfalles, sondern in der Figur der Julia Morgenstern, die Anne Kuhlmeyer mit einer derart unerhörten Meisterschaft auf das Papier gebracht hat, dass man mit Recht von einer Entdeckung sprechen wird können.
Julia Morgenstern, eine moderne Frau, tough, passt so gar nicht in das Bild, das sich eifrige Krimileser von einer Kriminalistin gewöhnlich zu machen pflegen.
Ja, sie trinkt manchmal zu viel, ja, da gibt es einen Lover, irgendwo, irgendwann, ja, da wird zurückgestänkert, wenn Kollegen sie attackieren, wenn ein Oberarzt sich protzig gibt, eine Beamtin der Einwanderungsbehörde abgeklärt über Schicksale von Illegalen plappert, ja, sie lässt sich nicht den Mund verbieten, lässt sich nicht ablenken, nicht aus der Bahn werfen, sei es von den dienstlich verordneten Therapiestunden, die sie widerwillig erst akzeptiert um schließlich in der Person des Therapeuten einen wunderbaren Halt zu finden, sei es von der schulterzuckenden Gleichgültigkeit, die sie stets dort antrifft, wenn sie die Sprache auf den ermordeten libanesischen Jungen bringt. Da sucht eine Frau, die sich keine Illusionen mehr über ihren Job zu machen scheint, mit Hartnäckigkeit und Ausdauer nach der richtigen Spur in diesem Mordfall.
Das Wunderbare an dieser Kommissarin ist, dass sie eben nicht aufgibt, eben nicht hinschmeißt, eben nicht sich damit abfindet, eigentlich ja Krankgeschrieben zu sein, dass sie alle Widerwärtigkeiten, Widerstände und Schwierigkeiten akzeptiert, sich nicht davonstiehlt, und dabei nach und nach erkennt, dass sie diesen Beruf, der ihr verhasst zu werden begann, liebt, da sie mit den Mitteln eben dieses Berufes die Wahrheit finden kann, die scheinbar niemand hören möchte. Das zeichnet die Kommissarin Julia Morgenstern eben aus, dass sie nicht untätig bleibt, wenn sie mit Ungerechtigkeiten konfrontiert wird; konnte schon niemand den libanesischen Jungen retten, die Verantwortlichen für diese Tat wird sie suchen, wird sie finden!
Was nun von allen Seiten auf sie einwirkt: Die Suche nach der vermissten Rosa Marie Lux, die ihr übertragen worden war, der tote libanesische Junge, den keiner zu vermissen scheint, der verletzte Hauptkommissar Conrad Böse, der eben jenem Jungen zu Hilfe eilte, als dieser von halbstarken Schlägern ins Koma geprügelt wurde, die offen zur Schau gestellte Aversion, die ihr der Dienststellenleiter entgegenbringt, die nüchterne Erkenntnis, dass ihr Liebhaber sie betrügt, die Verstrickungen und Verwicklungen ihrer eigenen Familiengeschichte, die erst mit Hilfe Bayers, des Therapeuten, sich lösen und klären, die steten, täglichen Anfeindungen, Mühen und Irrwege, die sie auf sich nehmen muss, da ihr das Schicksal des getöteten Jungen umso mehr ans Herz wächst, umso mehr die Allgemeinheit diesen Fall vergessen möchte.
Anne Kuhlmeyer zeichnet ihre Figuren mit künstlerischer Leichtigkeit, die aber niemals Akribie und Präzision vermissen lässt. Es finden sich meisterhafte Formulierungen wie diese: 'Die Gedanken nahmen ihren eigenen Weg, verdrillten sich zu Knäueln, wanderten durch Ödland, durch feuchte Gewölbe, verloren sich im Unwägbaren, um zu ihrem Anfang zurückzukehren.'.
Es ist dieser feine, sprachlich so wunderbare Stil, der zu fesseln versteht. Unaufgeregt, präzise entsteht eine Landschaft, entstehen Charaktere, mündet alles schließlich in ein furioses Finale.
In einer Widmung schreibt die Autorin: ' Einen, der auf Nicht-Pfaden achtsam durch die Fülle wandelt...' ; jene Fülle, die Anne Kuhlmeyer hier vor dem Leser ausgebreitet hat an wunderbarer Sprache, herausragenden Charakteren, an Schicksalen und täglichen Kampf um Recht und Gerechtigkeit, an Versagensängsten und an Sich Behaupten, an Nicht Aufgeben und an Wahrheit.