"In Coldhaven, einem kleinen Fischernest an der Ostküste Schottlands, wachten die Menschen vor langer Zeit an einem düsteren Morgen Mitte Dezember auf und sahen nicht nur, dass ihre Häuser tief und traumverloren unter einer so dicken Decke Schnee begraben lagen, wie sie nur ein- oder zweimal in jeder Generation ausgebreitet wird, sondern dass darüber hinaus, während sie geschlafen hatten, etwas seltsames geschehen war, etwas, was sie nur mit Geschichten und Gerüchten zu erklären wussten, die sie allerdings, da sie ein braves und gottesfürchtiges Volk waren, höchst ungern weitererzählten, Geschichten, in denen der Teufel vorkam (...). Jene, die am lang vergangenen Wintermorgen als Erste aus den Betten waren, (...) sollten die Ersten sein, die jenes Phänomen bemerkten, das die ganze Stadt später die <Spur des Teufels> nannte."
Temporeich, kunstvoll und vor allem recht unheimlich lässt der Schotte John Burnside seinen Roman "Die Spur des Teufels" beginnen. Doch wird es, anders als der Duktus der ersten Seiten vermuten ließe, keine Schauermär vor der rauen, schottischen Küste geben, keine Phantastik, die ein Stephen King in einem nicht minder verschlafenen Nest in Maine erzählt hätte und auch keinen mystischen Gesang aufs Meer, der doch so typisch ist für britische und irische Autoren, von einer Iris Murdoch bis hin zu John Banville.
Für das, was uns Burnside erzählen will, hätte es der Sage vom dem Meer entstiegenen Teufel nicht bedurft. Wollte man John Burnside böse, würde man ihm einen kleinen Trick unterstellen, denn die ersten Seiten eines Buches, sind schließlich die, auf die es durchaus ankommt, zumindest, wenn es um die vorrangige Weckung des Leseinteresses geht. Und dort punktet Burnside gewaltig, doch schon bald konzentriert sich das Handlungsgeschehen auf Michael Gardiners Leben; Burnsides Protagonisten, der uns in besagtem Coldhaven die Geschichte eines höchst verschrobenen, provinziellen Pöbels erzählt, der Michaels Eltern - die nicht nur das Stadtleben satt hatten, sondern auch an einer unheilvollen Vergangenheit zu leiden haben, um an der beschaulichen Küste ein Refugium und zugleich Inspiration zu finden (der Vater ist Photograph) - bei jeder sich bietenden Gelegenheit drangsaliert.
All diese Kindheits- bzw. Jugenderinnerungen an Coldhaven brechen hervor, als Michael - wohlhabend, müßiggängerisch, sich in seiner Ehe langweilend - eines morgens die Zeitung aufschlägt, und erfährt, dass Moira, seine Geliebte von anno dazumal, sich und ihre beiden Kinder umgebracht hat. Allein Hazel, ihre 14-jährige Tochter, ist dem grauenvollen Ereignis nicht zum Opfer gefallen. Michael erinnert sich zurück, an Tom Birnie, den grobschlächtigen Kerl, der Moira freite, und der Stachel des Zweifels bohrt sich in Michaels Brust: Vor 14 Jahren hatte er eine Affäre mit Moira, 14 Jahre alt ist Hazel - ist sie, die Hinterbliebene, womöglich seine leibliche Tochter? Manisch besessen von diesem Gedanken, einem Stalker gleich, verfolgt Michael Hazel auf Schritt und Tritt, bis die beiden schließlich eines Tages durchbrennen und eine scheinbar ziellose Reise antreten.
John Burnside versteht sich in seiner Sprache auf schöne, kraftvolle Bilder. Dass er auch Lyriker ist, liefert dem Roman an vielen Stellen einen sehr erfreulichen Benefit. Die Schatten der Vergangenheit nehmen einen großen Raum ein in der Farbsymbolik des Romans. Man denke hier an die kunstwissenschaftlichen Bemerkungen zu Lichtquellen in Bildern, ehe Michael kurze Zeit später eben jene eigene Schattenseite zeigen wird. Darüber hinaus gibt es viele weitere Textstellen, die stets Licht- und Schattenflächen genauestens charakterisieren. Zudem ist Michael selbst durchaus überzeugend gezeichnet, das Dahinsiechen seiner Ehe zu Amanda metaphernreich geschildert.
Und doch, bei aller Atmosphäre, Mystik, dem kunstvollen und zugleich unterhaltenden Erzählstil kommt man nicht umhin, Schwachstellen des Romans auszumachen. Dazu zählt vor allem jene Reise mit Hazel, in der Nabokovs "Lolita" als Intertext allzu bemüht beschworen wird. Hazel bleibt leider gänzlich rätselhaft, die psychologische Spannung zwischen den beiden hätte - wenn man schon so krampfhaft "Lolita" bemüht - überzeugender gestaltet sein dürfen.
Dennoch ist "Die Spur des Teufels" durchaus lesenswert. Die kleinen Abstriche tun dem insgesamt kunstvollen und zugleich kurzweiligen Erzählduktus keinen Abbruch: Der Sätze, die sich über eine ganze Seite bewegen, sind nicht wenige. Allenthalben streut Burnside Zitate aus Filmen und der Literatur ein. Und allenthalben überzeugen den Leser schöne Bilder und weitere Eindrücke, die das Gefühl erwecken, gerade selbst den salzigen Geschmack des schottischen Meeres auf der Zunge zu spüren, umweht von einer eiskalten Brise.