Was passiert, wenn ein Wiener Slacker, der mehr zufällig denn aus Berufung Bibliothekar ist, nach Rumänien geschickt wird, um dort eine österreichische Bücherei zu betreuen? Einer, dem zumeist die Überwindung der eigenen Türschwelle mühevoll erscheint, soll sich aufmachen gen das magische, dunkle, glitzernde Transdanubien, raus aus Wien, rein ins wilde Unbekannte: Die Donau, die sich in geheimnisvollen Biegungen nach Osten windet, empfindet er wie eine Schwelle.
Servaes, diesen Namen hat Johannes Gelich für den Icherzähler seiner Novelle »Die Spur des Bibliothekars« gewählt, reist nach Iasi, wo er in seiner Dienstwohnung glücklicherweise ein äußerst bequemes Sofa vorfindet. Die Belastungen, die seine Bibliothekarstätigkeit mit sich bringt, halten sich in Grenzen. Dumm bloß, dass Servaes neben seinen Neurosen, einer Salami und löchrigen Socken auch ein Geheimdossier über Tanzer, seinen Vorgänger an der Österreichischen Bibliothek in Iasi, mit im Gepäck führt. Und der Tanzer ist verschwunden. Spurlos.
Von knapper, zurückgenommener Sprache begleitet, die Gelich Servaes leiht, mäandern wir durch gut 200 Seiten; wir schlagen uns mit rumänischen und österreichischen Behörden herum, beobachten das Leben auf den Boulevards in Iasi, treffen auf die änigmatische Ilinka, verlieben uns prompt in sie und projizieren flugs vermeintlich längst vergessene Fluchtfantasien auf sie und ihre Familie (war es das, was Servaes in Wien so lange erträumt hatte, musste er nach Rumänien kommen, um das zu finden, war es überhaupt nur dort möglich?), indem wir einfach Westen gegen Osten eintauschen: Mit sechzehn habe Servaes nach Kanada auswandern wollen. Seine Generation sei mit der zwanghaften Idee aufgewachsen, aus Österreich wegzugehen. Er habe die Idee nicht weiterverfolgt. Schließlich enden wir mit Servaes weder in einer Blockhütte, tief verborgen in den kanadischen Wäldern, noch auf dem idyllischen Bauernhof von Ilinkas Eltern, vielmehr im sumpfigen Donaudelta. Und der Tanzer ist auch schon dort.
Gelich schöpft aus dem selbst Erlebten, war er doch als Universitätslektor einige Zeit in Rumänien tätig. Er weiß also, so darf angenommen werden, wovon er schreibt. Und das, was er erlebt, gesehen, empfunden, gedacht hat, gestaltet er literarisch; er gibt seiner Erinnerung Form. Durch Servaes, der immer die Geschichten anderer um sich gehabt habe, wie er sagt, aber nie die eigene: Dies solle auch seine eigene Geschichte werden.
Dem Salzburger Autor ist nicht daran gelegen, ein möglichst adäquates Bild Rumäniens zu malen, sondern die Art und Weise abzubilden, in welcher seine Figur Servaes auf dieses Land reagiert, und, entscheidend, eine Stringenz zwischen Icherzähler, dessen Sprache und dessen Reaktionen herauszuarbeiten. Servaes ist (wort-)faul, weitgehend sich seines Gefühlslebens unsicher, indifferent seiner Existenz gegenüber. Da ist es schon verwunderlich, dass sich so einer aufrafft, sein Erlebtes, seine Geschichte niederzuschreiben; er tut dies, weil er erkennt, dass seine Erinnerung ihm gehören müsse wie auch seine Sätze. Wäre es glaubhaft, Servaes in gedrechselter Sprache, voller Einfallsreichtum oder sprühend vor Lebensfreude treffliche Beobachtungen machen zu lassen?
So liefert uns Gelich nicht einen Reisebericht, er will uns nicht mitteilen, was in Rumänien passiert, wie es ist, wie die Leute dort leben, er ist kein Journalist; er geht darüber hinaus, indem er eine Figur erschafft (einen Menschen, der vielen von uns in weiten Zügen bekannt sein dürfte, sei es, weil ein Servaes in uns, sei es, dass so einer mit uns lebt), deren Limitierungen in emotionaler, intellektueller und eben auch sprachlicher Hinsicht uns zwingen, die eigenen Unzulänglichkeiten schärfer zu sehen. Durch Servaes führt Gelich vor Augen, worum viele von uns ringen: um Liebe, um Glück, um ein bisschen Abenteuer. Aber dieses Ringen ist für Servaes nur mehr als von weither erahnte, fast schon vergessene Sehnsucht spürbar. Und wie viel davon ist unreflektiertes Klischee? Als unerreichbar längst abgelegt, nicht mehr hinterfragt: die große, vorbehaltlose Liebe, das neue Leben in Kanada, die Ursprünglichkeit, Natürlichkeit des rumänischen Landlebens, das geheimnisvolle Donaudelta. Sukzessive wird Servaes im Fortschreiten der Novelle mit seinen verwischten Begehrlichkeiten konfrontiert. Er glaubt zwar nicht mehr an die große Liebe, als er sie jedoch in Gestalt Ilinkas vor Augen hat, reagiert er defensiv, zuerst, dann obsessiv. Als Teenager will er Österreich verlassen, als Erwachsener glaubt er nicht, jemals aus Wien wegzukommen. Was er am rumänischen Landleben idyllisch findet, begreift Ilinka zu Recht als bloße Rückständigkeit und Armseligkeit. Und das Donaudelta wird für Servaes zur Nemesis.
Das Ende der Novelle könnte für den Icherzähler einen Neubeginn bedeuten. Doch wir müssen daran zweifeln. Servaes bleibt nicht viel. Uns als Leserinnen jedoch einiges.