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Ernestine Schlant, Professorin für deutsche und vergleichende Literaturwissenschaft, greift diesen Aspekt anhand der deutschen Nachkriegsliteratur auf. "Sprache", so die Autorin, "wird zur Hülle und Verhüllung eines Schweigens, das nur durch Worte vernehmbar wird." Sie zeigt dabei sehr eindringlich, dass es unterschiedliche Gründe waren, die zur "Schere im Kopf" der Autoren führten. Konzentrierte sich die so genannte Trümmerliteratur eines Heinrich Böll oder eines Wolfgang Koeppen vor allem auf den katastrophalen Zustand der deutschen Gesellschaft nach Kriegsende sowie auf die erste Kritik an der "Adenauer-Restauration", so finden sich auch in der Phase der "dokumentarischen Literatur" (z.B. Martin Walser, Günter Grass) nur wenige Hinweise auf den Holocaust. Aber auch die Zeit der "Autobiographischen Romane" wurde von Autoren dominiert, die keinen Widerspruch darin sahen, "einerseits den Vätern deren Rollen in der Naziherrschaft vorzuhalten, aber andererseits über die Greueltaten der Nazis zu schweigen".
Am autobiografischen Werk von Hermann Lenz, Jahrgang 1913, arbeitet die Autorin exemplarisch heraus, wie differenziert und zuverlässig die Selbstschutzmechanismen funktionierten. Dessen Protagonist, Eugen Rapp, registriert zwar durchaus einzelne Erscheinungen der Judenverfolgung, wendet sich dann aber schnell ab. Ein Automatismus, der zur Abstumpfung führt und mit der Zeit alle Lebensbereiche erfasst.
Mit diesem Buch gibt die Autorin der Sprache des Schweigens eine Stimme und verdeutlicht einmal mehr die Schwierigkeiten der Deutschen mit ihrer "Sisyphusarbeit" (James E. Young in seinem Buch Formen des Erinnerns) der Erinnerung. -- Dr. Manfred Schwarzmeier
Eine Studie zum Holocaust in der deutschen Literatur
Am Anfang ihres Buches weist Ernestine Schlant auf ein unspektakuläres, selten erwähntes Holocaust-Denkmal hin, über das es keine landesweite oder gar internationale Kontroverse gab, das aber in seiner Aussagekraft die Autorin berührt haben muss: das Mahnmal vor der Station Grunewald in Berlin, vor jenem Bahnhof, von dem aus die Deportationszüge nach Auschwitz fuhren. Es ist eine Mauer, aus der die Konturen menschlicher Gestalten, die sich in Richtung Bahnhof bewegen, ausgespart sind. Die hier verdeutlichte Anwesenheit der Abwesenheit der verschleppten und ermordeten Juden ist nach Schlant ein Signum der deutschen Literatur seit 1945: Hier sei das Schweigen über den Holocaust das auffallendste Merkmal. Schlants Untersuchung ist als Beitrag der Literaturwissenschaft zum Thema Holocaust eine der wichtigsten neuen germanistischen Arbeiten. Die Autorin erforscht Romane bundesrepublikanischer Schriftsteller, in denen Krieg und Holocaust vorkommen. Sie entdeckt, dass viele Romanciers sich an einer Schweigensstrategie beteiligten, wie sie allgemein bezeichnend war für die deutsche Nachkriegszeit. Schlant benutzt als Erklärungs- und Wertungsgrundlage das psychopolitische Modell von Alexander und Margarete Mitscherlich, wie sie es in «Die Unfähigkeit zu trauern» (1967) entwickelt haben. Der Selbstschutzmechanismus, wie er dort beschrieben wird, habe die Deutschen zwar vor Melancholie bewahrt, ihre Trauerarbeit aber verhindert. Die massenpsychische Verdrängungsmanie war nach Schlant so stark, dass sie auch ihre Wirkung auf die Autoren der Gruppe 47 nicht verfehlte. Sie hätten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, über kein ausreichend kritisch-dichterisches Potenzial verfügt, um den Schweigenskordon zu durchbrechen und den «Zivilisationsbruch» (Dan Diner) zu benennen. In ihrer Literatur sei entweder primär von den Deutschen als Opfern während des Krieges und im Trümmer-Deutschland die Rede (bei Böll und Grass sowie dem Aussenseiter Hermann Lenz), oder es handle sich um philosemitische Konstruktionen, die beim Leser keine emotionale Identifikation mit dem jüdischen Protagonisten zuliessen (so bei Andersch). Schlant übersieht aber keineswegs jene Autoren, welche die Holocaust-Verbrechen benannten und das Verschweigen thematisierten. Hier nennt sie Koeppen und vor allem jüngere Schriftsteller wie Gert Hofmann, Peter Schneider und W. G. Sebald. Mit ihren Romanen hätten sie die von den Mitscherlichs eingeklagte Trauerarbeit geleistet. Die Bücher dieser Romanciers werden subtil analysiert; genaues Lesen wird gekonnt mit kulturgeschichtlichem Kontextualisieren verbunden. Die Interpretation von Koeppens «Tod in Rom» gehört zu den überzeugendsten Arbeiten, die bisher über den Autor veröffentlicht wurden. Schlant attestiert ihm einen objektiven Blick für die Inhumanitäten der Nazizeit und für die Flucht aus der Verantwortung während der Adenauer-Ära. Sie führt seine Unbestechlichkeit darauf zurück, dass der Autor seine literarische Sozialisation noch während der Zeit der Weimarer Republik erfahren habe. Koeppen ist für sie ein Sonderfall in der literarischen Szene der frühen Bundesrepublik. Die ausbleibende Rezeption und sein frühes Verstummen haben, wie Schlant betont, mit der Schonungslosigkeit seiner Zeitkritik zu tun. Die Interpretation von Gert Hofmanns «Veilchenfeld» führt ebenfalls ins Zentrum der Problematik, des Verschweigens des Holocaust. Hofmann zeigt, wie der Verdrängungsmechanismus, das Nichtwissenwollen um die Verbrechen an den Juden, bereits mitten in der Nazizeit begann und dass das Schweigen nach 1945 die Fortsetzung eines eingeschliffenen Verhaltens war. Ein eigenes Kapitel hat die Autorin jenen neusubjektiven Väter- und Mütter-Romanen gewidmet, in denen die Nachgeborenen Verstrickungen der Elterngeneration zur Sprache bringen. Hier wurde, etwa bei Elisabeth Plessen, Bernward Vesper und Hanns-Josef Ortheil, das bleierne Schweigen gebrochen. Überzeugend ist auch die Argumentation im Kapitel über Peter Schneiders «Paarungen». Schneider sei es gelungen, den Umgang junger Deutscher mit jüdischen Freunden als Teil einer neuen kulturellen Befindlichkeit zu vergegenwärtigen. Die Enttabuisierung werde bei Schneider nicht bloss als moralische Anstrengung oder als aggressiver Akt im Kampf der Generationen, sondern als gelebter Alltag beschrieben. Souverän fallen auch Schlants zusammenfassende Darstellungen am Schluss des Buches aus. Da werden die verschiedenen Kontroversen, den Holocaust speziell und die Hitlerzeit allgemein betreffend, analysiert: Bitburg-Skandal, Historikerstreit, Fassbinder-Debatte, Jenninger-Rede, Wiedervereinigungsdiskussion. Literatur arbeitet bekanntlich nicht mit mathematisch eindeutigen Formeln, sie ist immer offen für neue Deutungen. Bei der Lektüre von Schlants Studie drängen sich auch Fragen auf. Werden in Bölls Erzählung «Über die Brücke» oder im Roman «Neue Zeit» von Hermann Lenz nicht Metaphern gefunden und Erzählweisen ausprobiert, um die neue Inhumanität, das Schweigen über die Verbrechen der NS-Zeit, zu verdeutlichen? Wird der Holocaust dort vielleicht deswegen nicht erwähnt, weil das Schweigen über ihn selbst das Thema ist? Was «Die Unfähigkeit zu trauern» als Massstab betrifft: Könnte man nicht die Mitscherlich'sche Massenpsychologie und die behandelten Romane dialektisch aufeinander beziehen? Die Autorin betont die seismographische Fähigkeit der Dichtung. Kann also Literatur nicht auch zur Kritik theoretischer Modelle herangezogen werden? Relativiert nicht Hofmanns «Veilchenfeld» die These der Mitscherlichs, dass der deutsche Verdrängungsmechanismus durch die blockierte Trauer über den Tod des «Führers» ausgelöst worden sei? Schlants Buch ist kein Abschluss, sondern ein Anfang. Durch ihre exemplarischen Studien zum Thema Schweigen über den Holocaust wird auch deutlich, wie viel Literatur unter diesem Aspekt neu zu lesen ist: über den von ihr behandelten Erzählbereich hinaus in den übrigen Dichtungsgattungen und aus den anderen deutschsprachigen Literaturen. Paul Michael Lützeler Ernestine Schlant: Die Sprache des Schweigens.
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