Das lange erwartete Buch von Pascal Gallois, einem der versiertesten Fagottisten unserer Zeit, setzt die Reihe der bei Bärenreiter erschienenen Kompendien zur zeitgenössischen Spieltechnik von Blasinstrumenten fort. Ebenso wie die vorangegangenen Ausgaben zu Flöte und Oboe ist es mehrsprachig (hier: dt./frz./engl.) und richtet sich an erfahrene Spieler, die vor allem zu zeitgenössischen Techniken Rat suchen, sowie an Komponisten.
Im Prinzip deckt das Buch alle denkbaren Techniken erweiterter Klangerzeugung ab, einschließlich Klangbeispielen auf 2 CDs. In den meisten Fällen gibt es sehr gute Hinweise zur Spiel- und Übetechnik.
Wer sich für ein umfangreiches Griffeverzeichnis interessiert, wird jedoch an einigen Punkten enttäuscht werden. Gallois listet unter den nahezu unbegrenzt vielen Möglichkeiten zur Erstellung von Mehrklängen nur eine kleine Zahl auf - diejenigen, die sich bei entsprechender Übung mit Sicherheit reproduzieren lassen. Dieser Ansatz ist zwar praktisch sinnvoll gedacht, zumal die Treffsicherheit, was Mehrklänge anbelangt, beim Fagott abhängig von Modell, Rohr und Spieler oft problematisch ist. Aber aus Sicht des Komponisten stellt dies doch eine starke Einschränkung dar, kaum ein Komponist, der sich für diese Klänge interessiert, wird dem Vorschlag von Gallois folgen und sich auf die nicht einmal zwei Dutzend Klänge beschränken, die hier als praktikabel vorgeschlagen werden.
Besser (aber natürlich auch extrem viel aufwendiger) wäre es wohl doch gewesen, bei allem Risiko, eine größere Anzahl von technisch möglichen Klängen und Griffen zu verzeichnen und die instabilen/unzuverlässigen mit ggf. abgestuften Hinweisen zur Schwierigkeit, Reproduzierbarkeit, Rohrmaterial und Ansatz zu versehen.
Ein weiteres Manko ist das Fehlen einer Grifftabelle für Vierteltöne (und ggf. auch kleinere Intervalle). Auch hier mag es zwar modellabhängig Abweichungen geben, aber wenigstens eine Vierteltonskala mit Griffen für das Heckel-Fagott, auf das sich Gallois ausschließlich bezieht, erscheint für Spieler und Komponisten zumindest hilfreich, für letztere schon einfach, um sich vorstellen zu können, welche Fingerbewegungen oder -verrenkungen der Spieler ggf. ausführen muß.
Die von Gallois verwendeten grafischen Griffsymbole sind zwar unmißverständlich, aber erscheinen für den Notationsgebrauch etwas unpraktisch. Für den Einsatz mit einem Computer-Notationsprogramm müßten sie wohl umständlich als Grafiken erstellt und importiert werden, oder man müßte einen speziellen Font dafür entwickeln. Selbst dann wären sie jedoch im kleinen Druck schwer zu lesen; man kommt also wohl kaum umhin, die Symbole in die gängige Loch + Klappen-Griffschrift zu übersetzen.
Großen Raum (gut 30 der ca. 120 Seiten) nimmt das Thema Triller/Tremoli ein. Hier nun geht Gallois sehr systematisch und erschöpfend vor, unter anderem basierend auf seinen Erfahrungen bei der Zusammenarbeit mit Luciano Berio an dessen Sequenza XII. So verdienstvoll dies ist, zumal bei der Untersuchung von Tremoli über mehrere Register hinweg, so erscheint es dem Leser dennoch, daß dieses Kapitel ein unangemessen großes Gewicht bekommt, besonders in Anbetracht der oben erwähnten Desiderate.
Für Fagottisten sind die zahlreichen detailliert ausgeschriebenen Tonkombinationen - ebenso wie bei den wenigen Mehrklängen - sicher als Studienmaterial interessant. An mehreren Stellen stößt man jedoch bisweilen auf vermeidbare Redundanz. So wird etwa in zahlreichen Beispielserien ausnotiert, daß sich die gegebenen Mehrklänge in jeder Reihenfolge und Artikulation spielen und kombinieren lassen - da hätte ein kurzer verbaler Hinweis desselben Inhalts auch genügt; so blättert man durch viele Seiten, die wenig Neues enthalten. Die äußerlich 126 Seiten des Buches geben also nicht die tatsächliche Substanz wieder.
Fazit: ein verdienstvolles Buch mit vielen enorm wichtigen Informationen und Hinweisen, aber nicht das erhoffte opus summum. Eine Kaufempfehlung würde ich trotz des recht üppigen Preises zwar erteilen, zumal es für das Gebiet zeitgenössischer Techniken kein mir bekanntes Nachschlagewerk auf diesem Niveau gibt, aber mit den beschriebenen Einschränkungen. Die praktische Zusammenarbeit mit versierten Instrumentalisten kann natürlich ohnehin kein noch so erschöpfendes Lehrwerk ersetzen.