Karajan und Mozart? Passt das zusammen. Es gibt ja fast nichts, was Karajan wirklich gar nicht angefasst hätte. Ob man das nun als Engagement für die Verbreitung klassischer Musik auffasst oder als narzistisch gefärbte Hybriss, darüber ließe sich streiten. Es ist sicher von beidem etwas dabei.
So gibt es natürlich auch zahlreiche Mozart-Aufnahmen. Unter anderem die hier besprochene Doppel-CD mit späten Mozart-Symphonien. Ist es nun gut?
Ich hatte hier vor etwa einem halben schon einmal eine sehr enthusiastische Rezension veröffentlicht. Mittlerweile kenne ich eben auch Norrington, Jacobs, Gardiner, einige ältere Aufnahmen der Deutschen Kammerphilharmonie (Bremen) sowie von den Älteren Marriner, Levine, Mackerras und natürlich Böhm.
Angesichts dieser Konkurrenz, muss ich sagen, Karajan hält sich in meinem persönlichen Ranking tapfer, fällt keinesfalls ab, aber gehört nicht zur Spitze. So richtig unzufrieden stellt mich keine Aufnahme, weswegen ich diese Doppel-CD auch locker für den Einsteiger empfehlen - zumal der Preis mehr als fair ist!
Aber so bereichernd und aufwühlend wie bei Jacobs ist keine der Symphonien hier. Auch nicht so fein durchgearbeitet wie v.a. bei Norrington. Mit Ausnahme der Jupiter-Symphonie vermag z.B. auch Charles Mackerras problemlos mit Karajan mitzuahlten, überflügelt ihn meistens sogar. Böhms Aufnahmen (soweit mir bekannt) sind i.d. Regel etwas wohlklingender und von der Interpretation her etwas zäher und langweiliger.
Zu Karajan selbst: schwerster Kritikpunkt (auch bei Böhm): alle Menuett-Sätze sind total verschleppt. Hören Sie mal Norrington oder gar Jacobs Menuett-Sätze dirigieren und danach Karajan und sie haben das Gefühl, hier spiele ein Orchester in Bleiwesten. Was stört sonst? Man mag mir vorwerfen, ich hielte Karajan vor wie Karajan zu dirigieren, aber es fehlt eben die Ausdifferenzierung. Wo z.B. Norrington fein jede Instrumentengruppe, jede Phrasierung, jedes Melodie- und Begleitungsdetail herausarbeitet geht bei Karjana vieles in einem Einheitsklang unter. Crescendi, Diminuendi etc.? Fehlanzeige. Auch Akzentuierungen gehen verloren. Man muss ja in die Jupiter-Symphonie nicht so polternd starten wie Jacobs oder Gardiner (mir gefällt deren Extremismus an dieser Stelle nicht), aber bei Karajan (und schlimmer noch bei Böhm) klingt es eben wieder zu harmlos.
Verriss? Nein, ich will das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Auch wenn mir oft die letzte Prise Temperament, das letzte Mitgehen und vor allem die Differenzierung und Transparenz fehlt. Es klingt immer schön, es ist immer das Anhören wert und manche Interpretationen sind im Zuge der (vielleicht übertriebenen) Suche nach der "historichen Wahrheit" etwas überakzentuiert und man kann mit Karajan mehr im Mozart'schen Wohlklang schwelgen.
Fazit: sicher gut für Einsteiger, sicher interessant als Vergleich mit historisch informierten Ansätzen (ob mit und oder ohne alte Instrumente), aber für meinen Geschmack auch deutlich von der absoluten Spitze entfernt.