Auf hundert Seiten führt die Autorin in die Ansichten eines Denkers ein, dessen gesammelte Schriften aus sieben Jahrzehnten neunzehn Bände füllen. Erfreulicher Weise ohne jeglichen Soziologenjargon vermittelt sie einen Überblick über Elias' Hauptthemen. Man liest und versteht ohne Mühe und erfährt eine Menge. Ein Werkverzeichnis und eine Auswahl von Sekundärliteratur schließen den schmalen Band ab.
Nach einer kurzen Lebens- und Rezeptionsgeschichte stellt die Autorin als Leitmotiv der eliasschen Gedankenarbeit sein Interesse für gesellschaftliche Veränderungen vor, nicht für die Wandlungen als solche, sondern für die Ordnung des Wandels, dem sie unter den Zwischenüberschriften "Interdependenzen und relative Autonomie", "Psycho- und Soziogenese im Zivilisationsproezeß", "Das Gewordensein von Begriffen", "Die Langfristigkeit sozialer Prozesse", "Menschen als Prozesse", "Figurationen in Bewegung", "Macht- und Anerkennungskämpfe in Wissenschaft und Gesellschaft" und "Menschenwissenschaftliches Denken im Plural" einzelne Themen zuordnet.
Hier würden vielleicht einige zusätzliche Anmerkungen dem Leser die großen Linien, die Elias verfolgt, noch deutlicher machen.
Das zugrundeliegende Ordnungsmuster des sozialen Wandels hat Elias so benannt: "Man kann ... zwei Hauptrichtungen gesellschaftlicher Strukurwandlungen unterscheiden: Strukturwandlungen in der Richtung einer zunehmenden ... und ... abnehmender Differenzierung und Integrierung." Er zeichnet nach, wie sich die selbstversorgenden Bauern- und Kriegergesellschaften des Europas um die erste Jahrtausendwende in generationenlangen Ausscheidungskämpfen bis zum Zeitalter des Absolutismus durch Ausbildung von Steuer- und Gewaltmonopolen zu zunehmend stabilen Herrschaftseinheiten integrierten, auf denen die heutigen Staaten wurzeln, und wie die Wandlung des Gesellschaftsaufbaus bei immer größeren Bevölkerungsteilen eine Differenzierung des Verhaltens in Richtung zunehmend gleichmäßiger Dämpfung der angeborenen Affekte erzeugte und erforderte.
"Zunehmende Differenzierung und Integrierung" ist für Elias zugleich ein Schlüsselwort für das Verhältnis zu den Naturwissenschaften und ihren Gegenstandsbereichen. Jede Wissenschaft erarbeitet Modelle. Auf physikalischer Ebene zu Molekülen integrierte Atome bleiben bei Lösung der Sythese unverändert. Deswegen konnten Physiker erfolgreiche Erklärungsmodelle entwickeln, für die ihre Untersuchungsgegenstände tatsächlich oder gedanklich in Unterheiten aufgelöst werden. Je komplexer sich Atome zu Großmolekülen, Zellen, Organismen, Gesellschaften integrieren, umso mehr sind die Untereinheiten aufgrund ihrer Funktion für die höheren Integrationsstufen untereinander differenziert. Die Untereinheiten haben Eigenschaften, die sie nur aufgrund ihrer Integration auf höherer Stufe haben. So sind verschiedene Zelltypen eines Organismus nur durch ihre Funktionen für den Organismus entstanden und ohne diese Funktionen so wenig erklärbar, wie herausgelöste Einzelzellen einen Organismus verständlich machen. Gesellschaften bilden eine weitere, höhere Integrationsstufe. Untersuchungen an einzelnen Menschen können gesellschaftliche Phämomene nicht erschöpfen. "Entsprechend dem gerichteten Wandel, der sich in den Eigentümlichkeiten der Gegenstandsgebiete beobachten läßt, wenn man deren Sequenz in Gedanken von den Gegenstandsgebieten der physikalischen über die der biologischen zu denen der Menschwissenschaften hin abschreitet, läßt sich auch ein Kontinuum der Gegenstandsmodelle beobachten, das deutlich zutage tritt, wenn man in Gedanken von den Modellen der physikalischen Naturwissenschaften zu denen der Menschenwissenschaften hinschreitet. Die Wissenschaftstheorie ... verlangt nach einer Synthese, einem Modell der Modelle."
Die Autorin schreibt eher zu harmlos, es bestehe kein Grund, die physikalischen Wissenschaften zur absoluten Norm zu erheben. Für Elias ist Soziologie so lange keine Wissenschaft, wie sie fremde Methoden kopiert. Er sieht sich - mit gewissem Recht, wie der Rezensent meint - als Pionier, mit dem die Soziologie erst den sicheren Gang einer Wissenschaft gewonnen hat. Das deutet die Autorin vorsichtig an, Elias hat es hier und da direkt gesagt: " ... hätte die Fachdisziplin der Soziologie bereits jene Phase der wissenschaftlichen Reife erreicht, in der sich gegenwärtig viele der naturwissenschaftlichen Disziplinen befinden, ..." oder "auf der menschlich-gesellschaftlichen Ebene ist ein [den Naturwissenschaften] vergleichbarer Durchbruch zu einem angemessenen Wissen und einer zuverlässigeren Kontrolle trotz einer ganzen Reihe proto- und pseudowissenschaftlicher Fortschritte bisher nicht erreicht worden" oder " ... bin ich ... gegen alle Modeströmungen gefeit geblieben, ob Sartre, Wittgenstein, Popper oder Parsons und Levi-Strauss. Nun habe ich langsam das Gefühl, dass ich mich, vielleicht etwas spät, durchgekämpft habe".
Daß er auf zeitgenössische Soziologen kaum eingeht, liegt auf dieser Linie. Er tut es so wenig, wie sich etwa ein Evolutionsbiologe im einzelnen mit den Ansichten von Kreationisten auseinandersetzt, die für ihn schon im Ansatz verfehlt sind.
Ein unerwähntes lebenslanges Leitmotiv für Elias' Wissenssoziologie war die Korrektur der Transzendantalphilosophie Kants. Als junger Mann will Elias klarmachen, daß "die Sache mit dem a priori nicht stimme ... daß alles, was Kant als zeitlos und vor aller Erfahrung gegeben hinstellte, sei es die Vorstellung von einer Kausalverknüpfung, die der Zeit oder die natürlicher oder moralischer Gesetze, zusammen mit entsprechenden Worten von anderen Menschen gelernt werden müssen, um im Bewußtsein des einzelnen Menschen vorhanden zu sein." Mit Absicht trennt er Erkenntnis- und Wissenstheorie nicht. Im Alter spottet er ungewohnt heftig: "Sie [die Transzendentalphilosophen] sind wie Menschen, die in einen Raum eingeschlossen sind, aus dem sie zu entkommmen versuchen. Sie versuchen die Fenster zu entriegeln, aber die Fenster widerstehen. Sie klettern den Schornstein hinauf, aber der Schornstein ist verstopft. Jedoch die Tür ist nicht verriegelt; sie ist die ganze Zeit offen. Wenn sie es nur wüßten, könnten sie den Raum leicht verlassen. Aber sie können die Tür nicht öffnen, weil so vorzugehen mit den Regeln des Spieles nicht übereinstimmen würde, die sie als Philosphen sich selbst gesetzt haben. Sie können die Tür nicht öffenen, weil es unphilosophisch wäre."
Elias nimmt einen angeborenen magisch-mythischen Primärmodus des Erlebens an. Was immer Menschen im Primärmodus an Bedeutsamem begegnet, wirft wie eine menschliche Handlung Fragen nach seinem Zweck und Ziel und nach der Person auf, die so handelt (Animismus). Im Primärmodus erleben die Menschen die Welt als eine Gesellschaft menschenähnlicher Geister. Den Umgang mit ihren Absichten lehren gesellschaftlich tradierte Märchen, Mythen, Beschwörungssprüche, Orakel u.ä.. Wiederholt erzählt er dazu eine Anekdote: Nach einer Mondfinsternis weigerte sich ein Trupp afrikanischer Soldaten, geführt von einem französischen General, weiterzumarschieren; der Prophet Johannes habe seinen Mantel über den Mond gehängt als Zeichen, daß alle gegenwärtigen Unternehmungen sofort zu unterbrechen seien; Zuwiderhandlungen seien äußerst gefährlich. Um sie zu beruhigen, erklärte der Offzier den Afrikanern die Himmelsmechanik der Mondverschattung; ob sie das verstanden hätten? Als sie bejahten, wiederholten sie auf sein "Dann also los" wieder nur, das sei unmöglich, denn, wie der Herr General selbst gesehen habe, habe sich der Mond verfinstert, was, wie jeder wisse, bedeute, daß jedes Unternehmen auszusetzen sei.
Für Menschen, die die Vorstellung von einer Kausalverknüpfung nicht von anderen Menschen gelernt haben, ist eine Erklärung in mechanischen Begriffen sinn- und belanglos. Einen ersten Absprung in die Wissenschaft sieht Elias im alten Griechenland, einen kurzen, heftigen Entmythologisierungsschub; dessen Erbe konnte man im remythologisierten Mittelalter "wohl ehrfürchtig verwalten, aber nicht hoffen, gleiches zu leisten oder gar darüber hinauszukommen". Ab der Renaissance setzte in Europa dann ein neuer, im Generationenstrom tradierter, weit darüber hinausgehender Entmythologisierungsschub ein. Voraussetzung waren und sind Dämpfungen der Erlebensaffekte, denen Elias im Detail nachgeht, hervorgebracht durch zunehmende gesellschaftliche Integration und Differenzierung, die Menschen dazu bringen, sich selbst als Erlebende zu beobachten.
Bei Gelegenheit könnte schließlich ersetzt werden, daß "Über den Prozeß der Zivilisation" 1939 zuerst nicht im Verlag Francke erschien, sondern im Verlag Haus zum Falken, vielleicht nicht ganz nebensächlich, weil der Verleger ein Exilierter war wie Elias.