Das Leben eines Mafia-Paten ist nicht leicht. Vor allem, wenn man Tony Soprano (James Gandolfini) heißt. Nein, die Mafia ist kein Verein ehrenwerter Männer mehr. So hat sich Tony mit seinem brutalen, aber dummen Neffen Chris (Michael Imperioli) herumzuärgern. Dieser hat in der letzten Episode (
Verwandte und andere Feinde -- diese Folge befindet sich auch der ersten
Sopranos-Kassette) einen LKW überfallen, dessen Besitzer eigentlich Schutzgelder bezahlt, damit genau solche Dinge nicht passieren! Zwar ist diese Geschichte inzwischen bereinigt und man hat sich arrangiert, doch für Onkel Junior (Dominic Chianese) ergibt sich aus diesem Zwischenfall die Chance zu intrigieren! Junior, der nach Außen hin die Liebenswürdigkeit eines netten, seinen Ruhestand genießenden Rentners verkörpert, ist schließlich alles andere als ein netter Mensch. Hinter seinem unscheinbaren Äußeren verbirgt sich ein fieser Intrigant, der in früheren Zeiten schon Probleme mit seinem Bruder, dem früheren Paten, hatte -- und der heute der Überzeugung ist, dass sein Neffe Tony ein schwacher Pate sei. Um Tony das Leben schwer zu machen (mehr traut er sich zunächst nicht), verbündet er sich mit seiner Schwägerin Livia (Nancy Marchand), Tonys Mutter.
Der Deal ist eine Hammer-Episode. Derart radikal wie Die Sopranos hat noch keine Serie mit dem Mythos Mafia aufgeräumt, diese Episode aber ist der frühe Höhepunkt! Vor allem die Figur der unantastbaren Mutter, bislang eine Ikone des Mafia-Filmes, wird in jeder Form von ihrem Heiligenpodest gestürzt. Livia hasste ihren Ehemann. Dies ist klar. Auch wenn dies niemals laut gesagt wird, spürt man jedoch sehr schnell, dass sie ihn nicht gehasst hat, weil er ein Mafia-Gangster gewesen ist. Sie sah in ihn vielmehr einen Versager, der es gerade einmal zum Paten von New Jersey gebracht hat, während nur ein paar Kilometer weiter südlich, in New York, das richtige Geld zu holen gewesen wäre. In ihrem Sohn sieht sie nun eine Reinkarnation ihres Mannes. So ist das, was sie für ihn empfindet, keine Liebe. Sie verabscheut Tony, wie sie ihren Mann verabscheut hat.
Die Seifenoper trifft die Mafia! Mit Zynismus, schwarzem Humor und ungeschönter Gewalt! Wer nun glaubt, dies sei der vorläufiger Höhepunkt der Serie gewesen, der irrt: Tonys Schachzug geht noch einen Schritt weiter: Tony träumt von seiner Psychiaterin Dr. Melfi (Lorraine Bracco), was ihn entsetzt. Mit Prostituierten zu schlafen, das ist in Ordnung, denn dabei geht es nur um Sex. Dr. Melfi aber ist anders. Er fühlt sich zu ihr wegen ihrer Intelligenz erotisch hingezogen. Da er seine Frau (Edie Faden) jedoch über alles liebt, entschließt er sich, seine Therapie zu beenden, um nicht irgendwann der Versuchung nicht widerstehen zu können -- Carmela, seine Frau, aber drängt ihn, weiter zu machen, denn die Therapie hat ihn zum Guten verändert. Wenn er sie abbricht, wird sie sich scheiden lassen.
Während der Familiensegen schief hängt, soll Tony einen verstorbenen Mafia-Paten beerben. Allerdings würde er damit in den Wirkungskreis seines Onkels Junior eindringen. Tony entschließt sich dennoch, diesen Schritt zu unternehmen.
Tony, dies macht diese Episode klar, ist alles andere als ein dummer Mensch. Mag er in den ersten drei Episoden -- vor allem auf Grund seiner fehlenden Bildung -- nicht gerade als Intelligenzbestie erscheinen, beweist diese Episode, dass er sehr wohl ein intelligenter Pate ist, der nicht nur die Gewalt, sondern auch das Intrigenspiel beherrscht. So hat Tony längst das verräterische Treiben seines Onkels durchschaut, den er nun seinerseits hintergeht. Dadurch erschafft sich Tony gleichzeitig eines Lebensversicherung, denn noch mag Junior vor Morden in der Familie zurückschrecken -- er ist dennoch für den Mord an einem Freund von Chris verantwortlich! Chris hat mit dem Überfall auf den LKW gegen die Regeln verstoßen, Tony aber hat dies wieder in Ordnung gebracht. Der Mord ist nun eine Schwächung von Tonys Position, die ihm zeigen soll, dass seine Macht begrenzt ist. Doch Tony weiß seine Macht sehr wohl zu festigen. Eigentlich könnte er nun einen Triumph feiern, gäbe es nicht ein weiteres familiäres Problem, das ihn wie ein Dampfhammer trifft: Sein Sohn Anthony Jr. (Robert Iler), den er bislang aus allen Aktionen herausgehalten hat, erfährt von seiner Schwester Meadow (Jamie Lynn Sigler), dass sein gutherziger Vater ein Mafiaboss ist. --Christian Lukas