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Ein Jungmädchenroman von Alan Warner
In einem Roman des englischen Erfolgsautors P. G. Wodehouse übernimmt Bertie Wooster, der hilflose Oberklassenlebemann, für einen Monat die Erziehung seines Cousins und findet ihn allmorgendlich betrunken vor der Tür. Nach seinen Motiven befragt, antwortet der junge Trunkenbold, er müsse sich während der vier Wochen, in denen er von der Leine seiner Mutter gelassen sei, «eine Vergangenheit zulegen». Ähnliches haben die jungen weiblichen Hauptfiguren aus Alan Warners Roman «Die Soprane» vor; für sie ist die Aufgabe jedoch ungleich schwieriger, denn ihnen steht nur ein Nachmittag zur Verfügung. Bei den jungen Damen handelt es sich um den Chor der katholischen Mädchenschule «Our Lady of Perpetual Succour» (nach der Lektüre des oft deftigen Inhalts und im Wissen um Alan Warners Sprachwitz ist ein pun zwischen «succour» und «sucker» nicht ausgeschlossen). Die Schule steht in einem gottverlassenen Küstendorf in Schottland mit einem kleinen Hafen, wo das einzig Bemerkenswerte die gelegentlich einlaufenden Marineschiffe mit den attraktiven Matrosen sind.
Der alljährliche Chorwettbewerb der Nonnenschulen führt die pubertierenden Mädchen in die Hauptstadt, wo ein Nachmittag zur freien Verfügung steht und dementsprechend mit den höchsten Erwartungen und Absichten belegt wird. Das Leben der Mädchen besteht aus Schule, Langeweile und den Versuchen, trotz dem vorgeschriebenen Eintrittsalter von 18 Jahren in die örtliche (von den Matrosen frequentierte) Disco einzudringen. Grossspurig schildert man die dort überstandenen sexuellen Abenteuer und übertrifft sich dabei gegenseitig an Derbheit, man will die anderen Mädchen mit der eigenen Abgebrühtheit beeindrucken, die Ordinärste und Offenste ist für den Augenblick die Anführerin. Die Disco wird zum mythischen Ort der Erfüllung, einer Heimat fern der Spiessigkeit der Eltern, ein Freiraum verfrühter Erwachsenheit, wo sexuelle Zwänge vermeintlich abgelegt werden können, aber eher die konventionellen Träume und Hoffnungen der schottischen Dorfmädchen offensichtlich werden.
Ausdrucksmittel für Protest und Auflehnung der Mädchen ist die Kleidung, wie auch umgekehrt ihre Disziplinierung durch die Nonnen im Bereich von Textilien und Schmuck stattfindet, wo die Grenzen genauestens vorgeschrieben sind. Sobald die Mädchen in der Hauptstadt ausser Sichtweite sind, legen sie auf der Toilette des nächsten Pubs ihre Schuluniformen ab und stürzen sich in die heimlich mitgebrachte coolere Aufmachung. Der Nachmittag endet für einige im totalen Besäufnis und im Krankenhaus; andere werden des Ladendiebstahls verdächtigt, anderen wiederum kommen unter dubiosen Umständen die Schuluniformen abhanden. Unter diesen Voraussetzungen muss der Chorwettbewerb ein Reinfall werden.
Nach der nächtlichen Heimfahrt, im Wissen um den sicheren Rausschmiss aus der Schule, wollen die Mädchen ihre Abenteuer in der Disco beschliessen. Der Ausflug endet in einem Feuerwerk (und das in mehrerer Hinsicht) von Katastrophen und Erfolgserlebnissen, aus dem das Dorf aber leider nur allzu bald wieder in Einsamkeit und Trägheit zurückfallen wird. Symbolisch dafür, und sehr poetisch, das Bild des sich aus der bleiernen Wasserfläche der nächtlichen Bucht erhebenden U-Boot-Turms und das Auftauchen des gesamten Schiffes (mit vielen sexuellen Konnotationen unterlegt), dann dessen langsame Wegfahrt aus der Bucht. Es nimmt die Matrosen, auf die die Mädchen so grosse Hoffnungen gesetzt hatten, wieder mit und hinterlässt eine nicht zu füllende Leere.
Der Erzähler nähert sich im Verlauf des Romans immer mehr der deftigen Wortwahl der Mädchen an, was eine Identifikation von Erzähler und Charakteren nahelegt. Auf den ersten Blick ist man versucht zu sagen: So stellt sich ein Mann Jungmädchenphantasien vor, hier lässt sich ein Machoerzähler gehen, so hätte es ein Sexualphantast gerne nämlich die ständige sexuelle Verfügbarkeit der Mädchen, ihr Suchen nach Partnern, ihre Bereitschaft, auf die kleinste Anmache positiv zu reagieren. Dem altersgemässen Interesse der Mädchen an der eigenen Körperlichkeit und derjenigen der anderen entsprechend, fokussiert der Roman häufig diese Dimension: So scheint die erzählerische Perspektive oft von Voyeurismus geprägt, auch wenn sie vorgibt, die Perspektive der Mädchen wiederzugeben. Die Trennung von Erzähler und Figuren findet dann aber doch statt, und zwar in den vereinzelten sprachlichen Meisterleistungen, atmosphärischen Vignetten, Metaphernreihungen und umwerfend komischen, gelegentlich auch erschütternden Situationsbeschreibungen. In diesen Situationen ist der Roman anrührend und geradezu pathetisch, in anderen kann er sich kaum über Plattheiten erheben. Insgesamt wird sich ein aufmerksamer Leser allerdings kaum von dieser Erzähltechnik gefangen nehmen lassen.
Bruno von Lutz -- Neue Zürcher Zeitung
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