Sabine Scholz hat einen Roman über Max Stirner verfasst
Johann Caspar Schmidt, geboren 1806 in Bayreuth, gestorben nicht ganz fünfzig Jahre später in Berlin, war eine widerspruchsvolle Persönlichkeit: ein philosophierender Schriftsteller, der alles Bücherwissen verachtete, ein „Anarchist" auf der Suche nach Sicherheit von Heim und Herd. Seinen bescheidenen Nachruhm verdankt er seinem Hauptwerk „Der Einzige und sein Eigentum", das er unter dem Pseudonym „Max Stirner" veröffentlicht hat.
Durch die mehrmalige (!) Lektüre dieses allemal schwer verdaulichen Buches ist auch die aus Nürnberg stammende und seit Jahren in Turin lebende Autorin Sabine Scholz auf Stirner aufmerksam geworden. Anders als anderen Lesern imponierten ihr die grenzenlose Ignoranz und die Selbstbezogenheit des „Einzigen". Rechtzeitig zu dessen 200. Geburtstag im kommenden Jahr präsentiert sie jetzt einen kleinen Roman, in dem Stirner zumindest indirekt die Hauptrolle spielt.
Kein leichtes Unterfangen, denn objektiv betrachtet verlief das Leben des tatenarmen und gedankenvollen Sonderlings fast ohne äußere Höhepunkte. Die in jeder Hinsicht aufregendste Zeit hatte er wohl während seiner Ehe mit Marie Dähnhardt, einer eigenwilligen, selbstbewussten Bürgertochter aus einer mecklenburger Kleinstadt bei Schwerin. Ein Bündel verstaubter Briefe, in denen Marie einer Kusine das Fiasko ihrer Verbindung mit Stirner in allen grotesken und deprimierenden Einzelheiten schildert, bildet denn auch den Ausgangspunkt der von Sabine Scholz erfundenen Geschichte. Um diesen sorgfältig recherchierten historischen Kern herum arrangiert die Autorin eine Rahmenhandlung, die belegt, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse im heutigen Deutschland denen im 19. Jahrhundert nach wie vor sehr ähnlich sind. Was wiederum folgerichtig erscheinen lässt, wenn gerade hier zu Lande manche jungen Leute auch heute noch ganz und gar dem Typ des Stirnerschen „Empörers" entsprechen. Ebenso wahr ist allerdings, dass deren individualistisches, nur emotional begründetes Rebellentum in der Regel in eine Sachgasse führt. Die jugendlichen Empörer enden wie Stirner, der seinen Weg konsequent bis ins völlige Abseits gegangen ist, oder wie Marie Dähnhardt, die sich im Alter reumütig auf ihre spießbürgerlichen Wurzeln besonnen hat.
Ganz so trostlos wollte Sabine Scholz die Geschichte ihrer zeitgenössischen Helden nun doch nicht ausgehen lassen. Fast ein Happy-End gönnt sie zum Beispiel „Ambra", einer jungen Frau, die offenbar als eine Art verbesserte Reinkarnation von Marie Dähnhardt gedacht ist. Jener Ambra gelingt es, sich eine bescheidene materielle sowie eine beachtliche geistige Unabhängigkeit im Berliner Literaturbetrieb zu sichern. Eine Konstante in ihrem wild bewegten Leben ist ihre freundschaftlich-kollegiale Verbindung mit dem Leiter des „Max-Stirner-Archivs" in Leipzig. Bernd Zachow (Nürnberger Nachrichten)