"Alter Hippiescheiß, eiskaltes Business, verpisst hat sich der Geist ..." - irgendwie hat Westernhagen mit der Textzeile vom letzten Song des Albums seine eigene Bewertung vorweg genommen. Das Gesamtwerk ist eher durchwachsen: musikalisch teils belanglose Songs reihen sich aneinander, erstmals entwickelt sich die Tendenz zu völlig wirren Texten, und die Version von "Mackie Messer" (Brecht/Weill) ist für mich künstlisch der absolute Tiefpunkt.
Dennoch: von allen Synthie-Alben, die Westernhagen im zeitgemäßen Stil der 80er Jahre auf den Markt gebracht hat, ist "Die Sonne so rot" immer noch das ein wenig bessere. "Rumpelstilzchen" und "Bar bezahlt" ließen ein letztes mal auf gelungene Weise den Schmuddel-Marius aus der Unterschicht durchkommen, das (leider weitestgehend unbekannte) "Baby" bestätigt eindrucksvoll, dass Rock, Drumcomputer und Marius' röhrendes Organ sich durchaus sinnvoll ergänzen können, und Songs wie "Keine Zeit" oder "So viele Leute" waren trotz mäßigem kommerziellen Erfolg des Albums lange Zeit feste Tournee-Highlights, wenn auch mit geändertem Arrangement.
Unterm Strich ergibt dieser Mix aus musikalischen Experimenten, Fehltritten und kleinen Perlen immerhin ein Album mit einer gewissen Spannung, was manch' andere Werke Westernhagens gerne vermissen lassen. Kein typisches Westernhagen-Album also, eher was für Fans. Man muss es mehrfach hören, bevor man die eigene Meinung festigt.