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Die Sonne: Biographie unseres Sterns
 
 
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Die Sonne: Biographie unseres Sterns [Gebundene Ausgabe]

Dieter Hildebrandt
2.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

"Eine rund dreitausendfünfhundert Jahre lange Lebensabschnittsgeschichte. Sie ist ökologischer Traktat, kulturkritisches Pamphlet und großer Essay, hymnische Festschrift und apokalyptisch gefärbter Nekrolog, nicht nur verantwortungsbewusste Abhandlung, sondern auch hinreißendes Feuilleton." Christian Thomas, Frankfurter Rundschau, 07.05.08 "Ein eminent allgemeinbildendes Buch." Burkhard Müller, Süddeutsche Zeitung, 21.04.08 "'Die Sonne' ist ... zu einem der gelungensten Bücher zur Kulturgeschichte geraten, die Hildebrandt vorgelegt hat." Peter Illetschko, Falter, 14.03.08 "Es geht in dieser spannend erzählten Geschichte im Grunde um das unauflösliche Paradox: des durch keine Wissenschaft widerlegbaren Triumphs des Augenscheins über den 'wahren' Lauf." Gerhard Neumann, Die Zeit, 13.03.08 "Hildebrandt schreibt .... springlebendig, voller Esprit, Eleganz und Ironie und beglückender, hinreißender Formulierungen." Alexander Kluy, Buchkultur, 04./05.08 "Eine faszinierende Lektüre." Martin Ebel, Tages-Anzeiger, 14.04.08

Kurzbeschreibung

Eine kosmische Kulturgeschichte - Dieter Hildebrandt erzählt, wie die Sonne seit Jahrtausenden unser Denken und Fühlen bestimmt. Die Zyklen des Kalenders, die Kugelgestalt der Erde, die Ordnung der Gestirne, die Gesetze der Gravitation: all diese Kenntnisse leiten sich aus einer jahrtausendelangen Beobachtung der Sonne ab. Die Grundlagen unseres Lebens sind auf das Kraftwerk am Himmel angewiesen. Und noch bevor die Menschen von diesen komplizierten Zusammenhängen eine Ahnung hatten, erfanden sie den Sonnenkult als Vorläufer aller monotheistischen Religionen. In der Biographie der Sonne, wie Dieter Hildebrandt sie darstellt, spiegelt sich die Biographie des Menschen und seiner Ideen. Ein außergewöhnliches, wunderbar geschriebenes Buch, voll überraschender und verblüffender Einsichten.

Auszug aus Die Sonne. Biographie unseres Sterns von Dieter Hildebrandt. Copyright © 2008. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Die liebe Sonne!
Die Sonne ist unsere älteste Liebe.
Von der physikalischen Solarkonstante war soeben die Rede; daneben aber gibt es so etwas wie eine poetische Solarkonstante, einen Heliozentrismus der Begeisterung, eine Anbetung aus hymnischer Sprache. Die Liebe zur Sonne, das ekstatische Bekenntnis zu unserm Zentralgestirn, die hymnische Hinwendung zum wärmenden Kern unserer Welt verbindet Völker und Erdteile. Die Sonnengesänge aller Zeiten bilden zusammen einen großen Choral. Sie alle, vom alten Ägypten bis zur Aufklärung, vom Mittelalter bis zur Moderne, benutzen dieselben Wendungen, äußern das gleiche Entzücken und bezeugen eine leidenschaftliche Dankbarkeit.
Solche Hymnen begleiten auch dieses Buch bei seinem Gang durch die Jahrhunderte und auf seinen astronomischen Exkursen, bei den Begegnungen mit den antiken Philosophen, den großen Entdeckern und Rechenkünstlern. Sie sind die humanen Einsprüche gegen den Taumel, in den uns »der Zusammenstoß mit dem kosmischen Grauenhaften« (Sgalambro) zu allen Zeiten versetzt hat; sie leisten Widerstand gegen die unauslotbaren Dimensionen, mit denen die neuesten Theorien uns schwindeln machen. Aristoteles verdanken wir den wunderbaren Satz, dass Komödien und Tragödien aus den gleichen Buchstaben gefügt seien; auch die Sonnengesänge sind aus jenen Lettern komponiert, mit denen die avanciertesten Formeln sich verklausulieren.
Man höre nur und lese sich das laut vor, wie sie einander zurufen: die Dichterin des zwanzigsten Jahrhunderts, Ingeborg Bachmann, mit ihrem Jauchzer »Nichts Schönres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein« dem dreitausend Jahre älteren Pharao Echnaton, der ihr erwidert: »Schön erscheinst du im Lichtland des Himmels, du lebende Sonne, die das Leben bestimmt«; der fromme Heilige des Mittelalters, Franz von Assisi, mit seinem Lobpreis auf den »Bruder Sonnenstern, der uns den Tag heraufführt und Licht mit seinen Strahlen, der Schöne, spendet« im Duo mit dem aufgeklärten Skeptiker des 16. Jahrhunderts, Montaigne, der seinen Hymnus so beginnt: »Dieß große Sonnenlicht, dieß Auge aller Welten«; der frühchristliche Mystiker Melito von Sardes, der die Sonne mit großer Andacht untergehen sieht: »Sich badend in geheimnisvoller Tiefe jauchzt sie auf gar sehr, das Wasser ist ihre Nahrung«, wie er, über anderthalb Jahrtausende hinweg, dem französischen Dichter Charles Baudelaire Mut zu machen scheint, der den »Untergang der romantischen Sonne« beklagt:
Wie ist die Sonne schön, die in ganz frischem Steigen
wie eine Explosion uns Guten Morgen schickt!
- Glückselig der, der noch voll Liebe nach ihr blickt,
Sieht er sie wunderbarer als ein Traum sich neigen!

Selbst ein Sonnenkönig, Ludwig XIV., stimmt ein in den Chor, wenn er sich die Sonne zum Vorbild nimmt »durch die gerechte Verteilung des Lichts über die verschiedenen Himmelsgegenden der Welt, durch die Wohltaten, die sie überall spendet, durch das Leben, die Freude und die Tätigkeit, die sie überall weckt.«
Aber gerade das zwanzigste Jahrhundert hat die bewegendsten Sonnenekstasen gezeitigt; in den Jahren vor der großen Katastrophe des Hitlerterrors und des Völkermords und der Weltverwüstung des zweiten großen Krieges wurden sie mit einer Intensität laut, als gelte es Abschied zu nehmen von einem Himmel, aus dem bald nur noch Bomben fallen würden. Da ruft D. H. Lawrence wie in verzweifeltem Trotz aus: »Wer sagt, dass die Sonne nicht zu mir sprechen kann? Die Sonne hat ein großes glühendes Bewusstsein. Wenn ich das hindernde Halsband der persönlichen Gefühle abstreifen kann und hinuntergelange bis zu meinem nackten Sonnenselbst, dann können wir, die Sonne und ich, uns stündlich vereinigen, unser Glühen miteinander tauschen; sie gibt mir Leben, Sonnenleben, und ich sende ihr ein klein wenig neues Feuer aus der Welt des feurigen Blutes.«
Zur selben europäischen Stunde, Anfang der dreißiger Jahre, ruft der Schriftsteller Alfred Döblin, der Mythologe von »Berlin Alexanderplatz«, mit ähnlicher Endzeitstimmung aus: »Gefesselte Sonne! Wie ruft man dich, Sonne? Gefesseltes Licht, wie rufen wir dich? Verborgene Wärme, Seligkeit unseres Daseins, wie rufen wir dich? Seligkeit unseres Daseins, du bist uns geraubt, zu Trümmern zerfallen wir ohne dich. Schrecklich ist die Macht, die da schweigt, wir wissen es jetzt. Gewaltig ist die Kraft, die da schweigt, wir fühlen es jetzt. Sonne erbarme dich, sprich selbst deinen Namen, nimm uns wieder an dich. Erhebe uns.«

Die Sonne bringt es an den Tag.
Sind unsere Tage aber gezählt?
Wir haben riesige, unvorstellbar große Zahlen genannt, mit denen die Sonnenkräfte definiert werden. Eine andere Zahl ist noch nachzutragen, die umso erschreckender ist, als sie sich so klein macht: 8 Minuten. Etwa acht Minuten brauchen die Sonnenstrahlen vom Moment, da sie die Korona verlassen, bis zu dem Augenblick, da sie uns erreichen; es ist die simple Rechnung mit der Lichtgeschwindigkeit. Das heißt aber auch: Von allem, was auf der Sonne passiert, sind wir nur acht Minuten lang entfernt, verschont, gesichert. Und es besagt mehr, nämlich die jederzeit nahe Katastrophe, so wie sie Gerhard Staguhn lakonisch beschrieben hat: »Würde die Sonne »jetzt« explodieren, so würden wir nichts davon merken. Das Leben auf der Erde ginge seinen gewohnten Gang - acht Minuten lang! Erst dann würden wir sehen, dass die Sonne explodiert ist - und Gott sei Dank keine Zeit mehr haben, darüber zu erschrecken.« Acht Minuten sind unsere Gnaden-, unsere Galgenfrist.
Nein, keine Angst. Die Sonne gibt uns noch weitere fünf Milliarden Jahre Zeit, ehe sie das letzte Helium verbrennt, sich zum roten Riesen aufglüht und die Erde dabei als quantité négligeable einschmilzt. Die Frage ist nur, ob wir ihr auch so viel Zeit geben? Genauer: Geben wir unserer Erde auch so viel Zeit? Ist die Erleuchtung, mit der uns die Sonne beschenkt, nicht just der Funke, der diesen Planeten vor der Zeit zur Explosion bringt? Werden wir, von der Sonne geblendet, verblendet, eines nicht mehr ganz schönen Tages unsern Planeten, dieses Himmelsgeschenk, ruiniert haben?
Denn nicht die Gefahr, dass die Sonne binnen kurzem ihr Erscheinen einstellen könnte, macht unsere gegenwärtige irdisch-kosmische Furcht aus; nicht die Panik, wir könnten binnen Minuten im Dunkel sitzen und, mangels Sonnenlicht, unter einer Eiskruste erstarren, sollte uns umtreiben, sondern die Gefahr, dass nicht ein kosmisches Ereignis, sondern der Mensch selbst seinen Globus aufs Spiel setzt, indem er ihn aufglüht, überschwemmt und verpestet. Alarmierender als die denkbare Atempause von acht Minuten ist eine ganz andere Zeitspanne, die unsere Lebenserwartung viel konkreter begrenzt und von der aktuellen Prognostik mit apokalyptischer Dringlichkeit genannt wird: Die neue Frist, die unsere Existenz auf diesem Planeten gewissermaßen anzählt, beträgt - dreizehn Jahre. Dreizehn Jahre - bis 2020 - bleiben uns noch, um die Klimakatastrophe abzuwenden, die sich derzeit wie ein von unserer eigenen Hand geschriebenes Menetekel am Horizont unserer Erdenbürgerschaft und -bürgschaft abzeichnet. Dreizehn Jahre, in denen es noch nicht um Leben oder Tod geht, aber auf Einsicht und Schonung, auf Umdenken und Umsteuern ankommt, zur Sicherung der schönsten menschenmöglichen Ressource: der Zukunft.
Dazu bedarf es des allergrößten Spins, den die Menschheit bisher zu vollbringen hatte: die Plünderung des Planeten zu beenden und sich mit neuem Ingenium der Sonne zuzuwenden und der Kraft, die sie zu unserem Überleben spendet. Wir stehen erst an der Schwelle des Solarzeitalters, eines Millenniums der stets verfügbaren und (nach menschlichen Maßstäben) unendlich erneuerbaren Energie, einer Ära, von der uns die derzeitige Nutzung der Photovoltaik und der Solarthermie, aber auch von Biomasse und Windkraft kaum mehr als eine Ahnung verschaffen. Walter Benjamin hat das noch im hegelschen Sinne formuliert, als er schrieb: »Wie Blumen ihr Haupt nach der Sonne wenden, so strebt, kraft eines Heliotropismus geheimer Art, das Gewesene der Sonne sich zuzuwenden, die am Himmel der Geschichte im Aufgehen ist.« Am Himmel unserer Geschichte aber geht kein philosophisches Konstrukt, kein Weltgeist, keine Utopie mehr auf, sondern die Sonne selbst, und unsere einzige Aufgabe ist, aus ihrem Schein unser Sein zu machen.
Die Frage ist: Werden wir es in den nächsten Jahrzehnten schaffen, dem ruinösen Trend Einhalt zu gebieten, der sich auswirkt in der explosionsartigen Freisetzung von Treibhausgasen, in der dadurch verursachten Erderwärmung (die nichts Segensreiches mehr hat), in der Abschmelzung von Gletschern und Poleiskappen, in der desaströsen Erhöhung der Meeresspiegel und der zunehmenden Überflutung bewohnter Gebiete, in der Verwüstung heute noch fruchtbarer Landstriche und Länder? Dazu könnte uns eine weitere 13 als Schocktherapie dienen, der Befund nämlich, dass wir derzeit zum Aufglühen unseres Globus dreizehn mal mehr beitragen als die Sonne; dass wir also auch die Chance hätten, diese fatale Selbstverbrennung zu stoppen.
»Die Erde ist noch zu retten« lautet die Schlagzeile einer großen seriösen Zeitung in den Tagen, da dies geschrieben wird. Der Satz ist Ansporn und Sarkasmus zugleich. Denn nicht die Erde ist in Gefahr, sondern einzig wir selbst, wir späten Gäste auf dem blauen Planeten. Die Erde ist noch zu retten. Aber: Sind wir es auch?
Die Sonne scheint. Sie scheint auf uns. Sie scheint über uns. Sie scheint auch über uns hinaus.

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