Die englische Originalversion ist kantig und mehrdeutig und verschließt sich so dem schnellen, oberflächlichen Leser. Die Übersetzung ins Deutsche von Christa Schuenke gibt der Versuchung nach Vereinfachung und Harmonisierung des Textes nicht nach und erfordert ebenfalls aufmerksames Lesen.
Shakespeare war, als er die Sonette schrieb, bereits in seiner zweiten Lebenshälfte, also kein jugendlich ungestümer Liebhaber, sondern ein alternder, abgeklärter, der sich der Vergänglichkeit bewußt ist und das Unwandelbare in der Liebe sucht. Auch die Form der Sonette steht, wie aus dem beigefügten Essay von Manfred Pfister hervorgeht, in einer langen Tradition, ausgehend von Petrarcas Sonettzyklus 'Canzoniere', der im 14. Jahrhundert in Italien entstand. Shakespeare baut auf dieser Form des Sonetts auf, führt es aber inhaltlich in völlig neue Dimensionen. So wird aus der Anbetung einer unerreichbaren Frau, die brüchige Verehrung eines jungen Adeligen. Brüchig deshalb, weil er die hohen in ihn gesetzten Erwartungen nicht immer erfüllt. Treulosigkeit und Verrat sind die Folge. Als weitere Personen kommen vor: eine 'Dark Lady', die sowohl den Autor als auch seinen Geliebten in ihren Bann zieht, sowie ein Dichterrivale, der mehr den Modetrends folgend, ebenfalls die Aufmerksamkeit des Angebeteten gewinnt.
Über den ineinanderverschlungenen Beziehungen liegt ein Hauch von Dekadenz. Die Liebe, von der die Rede ist, ist die eines Mannes, der weiß, dass er den Zenit seiner Attraktivität bereits überschritten hat und der mit der ihm verbliebenen Möglichkeit der Dichtkunst nicht nur die Gunst seines Geliebten zu erringen, sondern auch gegen die Vergänglichkeit anzukämpfen sucht. Das geschieht mit gereifter Distanz, mit immer wieder aufblitzendem Witz und mit dem Wissen, dass der Vergänglichkeit der Liebe, weder durch Zeugung von Nachkommen, noch durch das Schreiben, sondern wenn überhaupt, nur in sich selbst - 'Im flinken Lauf der Zeit unwandelbar, besteht die Liebe bis zum Jüngsten Tag' - beizukommen ist.
Gerade weil sich die Sonette nicht sofort erschließen, sind sie von nachhaltiger Wirkung und regen zu wiederholtem Lesen an. Sie wirken, weil trotz der vierhundert Jahre, die sie alt sind, noch immer etwas Aktuelles in unsere Zeit herüberschimmert, das den Autor in seiner Vielschichtigkeit und der ganzen Stärke seines Ausdrucks erkennen läßt.