In diesem Roman geht es vorrangig - wie der Titel schon sagt - um Soldaten, um das Soldatensein. Dass die Handlung in einer Fantasywelt spielt ist nahezu nebensächlich, sie dient lediglich als Verkleidung des Eigentlichen.
Die Verkleidung der grundlegenden Idee, dem Soldatensein, stellt die fiktive Welt dar, die im Epos IM ZEICHEN DES MAMMUTS angesiedelt ist und lässt stets Projektionen auf unsere Realität zu, wodurch die Geschichte an Glaubwürdigkeit gewinnt und zunehmend nachdenklich macht.
Dieser Roman steht für sich alleine und ist ebenso für Nicht-Fantasy-Leser geeignet.
Tobias O Meißner setzt sich hier mit unterschiedlichen Themen und Fragen auseinander, die mit dem Soldatensein unmittelbar verbunden sind:
Wie geht ein Soldat (Mensch) mit äußerst bedrückenden Erfahrungen um?
Als Beispiel steht hier ein Leutnant, der bereits vierzehn Jahre im Dienst ist. Er wurde versetzt aus seiner Heimat, die sich in ein Katastrophengebiet verwandelte, wo die Menschen wegsterben, weil sich die Luft in Gift verwandelte und >>jeder Atemzug war, als würde man rotglühende Nadeln in sich hinein schlürfen.<< Immer wieder wird er in seinem neuen Posten, der Festung Carlyr, von Albträumen heimgesucht, immer wieder begegnen ihm die unschuldigen Opfer, denen er hilflos beim Sterben zusehen musste.
Mit welchen Motiven melden sich Menschen freiwillig, um in Dienst der Armee zu treten und wie entwickeln sie sich in ihrer Ausbildung?
Hierzu werden Personen unterschiedlichster Art beschrieben. Jede Person reagiert auf gegebene Situationen oder bestimmte Erlebnisse anders. Durch diese Charakterisierung und Vielschichtigkeit, werden die Figuren als Menschen und nicht als bloße Statisten dargestellt, was der Geschichte insgesamt auch diese Authentizität verleiht.
Wer und wie viele dieser Freiwilligen und schließlich vereidigten Soldaten haben es wirklich ernst damit gemeint, Soldat zu werden? Wie vielen war es bewusst, welches Risiko sie mit ihrer Verpflichtung eingehen? Wie viele würden ihre Entscheidung am liebsten wieder rückgängig machen, weil sie sich selbst überschätzt haben, weil sie die Realität nun doch viel härter trifft als die Theorie?
Dieser letzten Frage stellt sich auch ein zweiter weiblicher Leutnant, der gerade frisch aus seiner eigenen Ausbildung kommt, um dem oben erwähnten Leutnant bei der Ausbildung der freiwillig gemeldeten Personen zu unterstützen.
Wie reagieren all diese Soldaten auf lebensbedrohliche Situationen, auf Gefechte, die auf Leben und Tod gehen, oder gar auf Himmelfahrtskommandos? Wie kritisch gehen verantwortliche Soldaten mit undurchsichtigen, wie auch mit überschaubaren Befehlen um? Können Begründungen für erteilte Befehle Glauben geschenkt werden, oder verbergen sich hinter den Befehlen anderweitige Motive, die man gar vertuschen möchte? Wie unterschiedlich wird mit der Verantwortung gegenüber anderem Leben umgegangen?
Immer wieder werden die Soldaten auf die Probe gestellt, indem sie immer wieder aufs Neue ihre Treue, ihr Pflichtbewusstsein, ihren Eid beweisen müssen. Doch so einfach ist das mit dem Beweisen nicht, da Soldaten nicht einfach nur Maschinen sind. Zweifel und Konflikte kommen mit aus Erlebtem herausgewachsenen Ängsten auf. Die Soldaten müssen sich entscheiden zwischen bindenden Befehlen, ihrem Treue-Eid und eigenen Interessen, Gefühlen oder Überlegungen, wobei ersteres - wie auch in Wirklichkeit - in der Regel die Oberhand behält.
Die erste Hälfte des Buches beschäftigt sich mit der Ausbildung der neuen Soldaten und wirkt noch wie ein Spiel, in dem man als Leser Zeuge einer sehr gelungenen Mischung aus Spaß und Humor, Herausforderungen, Rivalitäten nicht nur unter Gleichrangigen, Drill, aber auch rätselhafter und bedrückender Träume und Erzählungen wird.
Tobias O Meißner hat in diesem Roman für meinen Geschmack eine wunderbare Figur geschaffen, bei der man bei fast jedem Auftritt unwillkürlich lachen oder zumindest schmunzeln muss, weil er einfach alles und nichts ins Chaos zu stürzen vermag.
Dieser in Teilen humorvollen, verspielten und eher lockeren ersten Hälfte folgt im fließenden Übergang der ernstere zweite Teil, in dem die Soldaten das Feindesland betreten sollen. Hier geraten die Soldaten nun unter höher werdender psychischer Anspannung. Diffuse Erscheinungen oder Phänomene könnten die Soldaten mit Ehrfurcht bewundern, würden sie sich nicht im erklärten Feindesland befinden und demzufolge hinter allen Unbekannten Gefahren befürchten. Wie hier in großartiger Weise mit den Grenzen der psychischen Belastungstoleranz gespielt wird zeigt nur, mit welchem Feingefühl, mit welcher Menschenkenntnis und vor allem mit welcher Empathie Tobias O Meißner sein Handwerkszeug umzusetzen versteht.
Vermehrt kommen nun auch Fantasy-Elemente hinzu, die sich jedoch allesamt im Rahmen des Realismus halten. Magier zum Beispiel sind - wie auch im "Mutter-Epos" IM ZEICHEN DES MAMMUTS - keine Allmächtigen, die im Handumdrehen ein Geschehen auf den Kopf stellen können, ihnen sind Kräfte und Fähigkeiten begrenzt, wodurch sie ebenso antastbar sind wie Normalsterbliche. Ungeheuer und Fabelwesen werden gesichtet und mit manchen müssen sogar Gefechte geführt werden, denen ebenso realitätstreue Handlungen unterliegen, in denen sich beispielsweise kein Soldat zum Überhelden entpuppt oder sich das Ungeheuer als unschlagbares Wesen erweist.
In diesem Roman erscheinen einige Geheimnisse, Rätsel und Phänomene aus IM ZEICHEN DES MAMMUTS, viele werden aber nur angerissen und angedeutet. Wer Gefallen oder Interesse gefunden hat an dieser Verkleidung, dem ist der Zyklus nur wärmstens zu empfehlen, denn in diesem Zyklus stehen diese Phänomene zentraler als in DIE SOLDATEN. (Eine von mir zusammenfassende Rezension OHNE Spoiler zum Zyklus ist hier zu finden:
Die dunkle Quelle. Im Zeichen des Mammuts 01.)
Die Wirklichkeitsnähe trotz Fantasykleidung, die Ehrlichkeit ohne Bloßstellung oder jemandem zu nahe zu treten, die Intensität der vielseitigen und abwechselnden Atmosphäre sowie die exemplarische Tiefzeichnung von Charakteren macht diesen Roman zu etwas ganz besonderen - nicht nur unter dem Fantasy-Genre.
Konsequent wird hier Qualität geboten, vom Anfang bis zum Ende, in dem Tobias O Meißner genau die richtigen Worte findet, um das - für mich zentral stehende Thema um das Soldatensein - ausgezeichnet abzurunden, sodass jeder AUFMERKSAME Leser mit unterschiedlichsten Gefühlen und mit Sicherheit nachdenklich zurück gelassen wird.