Pädagogik- Professor Elsheimer - gestandener und anerkannter Vertreter seiner Fakultät und Familienvater - wird eines Tages aus dem Trott bürgerlicher Selbstzufriedenheit gerissen: Eine ihm unbekannte psychisch zerüttete und isoliert lebende Frau bittet ihn telefonisch um Lebenshilfe. Mit der merkwürdig anonymen Person konfrontiert schreitet schrittweise der Erosionsprozeß einer Persönlichkeit voran: Wie sich diese als Artzt- Patient- Beziehung begonnene Verbindung in ein geheim platonisch- erotisches Verhältnis wandelt, beginnt der Alltag des an einer Publikation arbeitenden Professors ins Wanken zu geraten. Das Geheimnis dieser unbekannten Frau ist für Elsheimer quälend wie lockend zugleich. Die Ehe zu seiner Frau Brita wird dabei emotional nahezu ausgehöhlt. Es gelingt ihm gerade noch der Katastrophe auszuweichen, ob dies eine glückliche Fügung ist, läßt Wellershoff im Dunkeln. Dieter Wellershoff schildert das Innenleben seines Protagonisten mit atmosphärischer Dichte. Wenn auch manchmal ein Zug von Larmoyanz und Melancholie den Gesamteindruck des Buches etwas trübt, so enthält "Die Sirene" eine würdige Zustandsbeschriebung der Intellektuellen des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts. So wie die anonyme Telefonstimme abstrakt bleibt - eine Hohlform, in die man alles hinein projezieren kann - so bleiben die Träume und Sehnsüchte Elsheimers - wenngleich ohne Zweifel vorhanden - diffus unbestimmt. "Die Theorie ist frei, sie kann völlig neue Perspektiven in das Dickicht der Wirklichkeit schlagen" erleben wir den Helden im inneren Monolog, doch was für Visionen Elsheimer haben könnte bleibt im Dunkeln - wie die unbekannte Frau. Die Melancholie in dieser Novelle , das ist die Trauer über den Verlust einer Utopie, wie wir sie in der postsozialitischen Bundesrepublik Deutschland unter dem Banner des Neoliberalismus erleben, es ist die schmerzhafte Erfahrung des Kindes im Erwachsenen, das in einer zweckrationalen Welt kein Lebensraum findet. Zugleich aber auch die kritische Beleuchtung eines Intellektuellen, der sich von den großen Utopien resigniert in Richtung Bügerlichkeit abwendet.