Jedes Jahr erwarte ich gespannt die Bekanntgabe des Gewinners des Literaturnobelpreises. Und meiner Ansicht nach wäre es endlich an der Zeit, dass einer der beiden großen Meister der amerikanischen Postmoderne, Don DeLillo oder Thomas Pynchon, diese bedeutende Auszeichnung erhielten. Als nun im Oktober diesen Jahres der mir völlig unbekannte Jean-Marie Gustave Le Clézio den Literaturnobelpreis erhielt, war klar, dass sich wohl wieder Horace Engdhal, der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie, mit seiner Leidenschaft fürs Frankophile durchgesetzt hatte. Um mir selbst ein Bild zu machen, habe ich mir einen der ersten Romane Le Clézios vorgenommen. Über den Sinn und Unsinn von Preisverleihungen kann man ja geteilter Meinung sein, aber ein unbestritten positiver Aspekt ist, dass man so auf kleine Perlen der Literatur aufmerksam wird, auf die man sonst nie gestoßen wäre.
"Die Sintflut" ist Le Clézios zweiter Roman und wurde erstmals im Jahr 1966 veröffentlicht. Hier wird ganz deutlich, dass der zu diesem Zeitpunkt 28-jährige Autor stark existentialistisch beeinflusst war, besonders durch die beiden Schriftsteller Jean-Paul Sartre und Albert Camus. Wie in Sartres
Der Ekel und Camus
Der Fremde finden wir in "Die Sintflut" einen jungen männlichen Protagonisten, Francois Besson, der ziel- und antriebslos und mit einem gehörigen Maß an Gleichgültigkeit durch sein Leben zieht und sich die Frage nach dem Sinn seiner Existenz stellt: "Ich verstehe wahrhaftig nicht, wie es immer noch Leute geben kann, die schreiben. Romane, Gedichte und solches Zeug. Es ist idiotisch, egoistisch [...]. Das hat keinen Zweck, weil es keine Wahrheit gibt" (61). Noch deutlicher wird Le Clézios Affinität zum Existentialismus in der Freiheitsdefinition Bessons: "Denn schließlich war nichts weniger zur Liebe fähig, als diese Stadt; aber bevor man liebte, mußte man verstehen, mußte man erkennen. Man mußte diesen leeren Raum erforschen, dieses Elend der Freiheit" (48). Der Ausdruck "Elend der Freiheit" erinnert deutlich an Sartres legendäre Formulierung "[W]ir sind zur Freiheit verurteilt" (838) aus seinem philosophischen Hauptwerk
Das Sein und das Nichts: Versuch einer phänomenologischen Ontologie. Dahinter steht die Idee, dass unserer Existenz keine sinngebende Instanz zu Grunde liegt, sondern dass jeder Mensch für sich selbst und des Sinn seiner Existenz verantwortlich ist. "Existenz vor Essenz" lautet weiterhin das Credo aller Existentialisten.
Der Roman besteht in weiten Teilen aus den genauen Beobachtungen Francois Bessons, die er über seinen Alltag anstellt. Wer viel Handlung oder einen verschachtelten Plot erwartet, wird von diesem Roman enttäuscht werden. "Die Sintflut" stellt vielmehr die exakte Rekonstruktion des normalen Alltages einer normalen Person dar, aus der die Frage nach dem Sinn menschlicher Existenz überhaupt erst resultiert. Besonders beeindruckend ist dabei Le Clézios poetischer und dennoch verständlicher Sprachstil, der den Roman zu einem kleinen sprachlichen Meisterwerk gestaltet.
Fazit: Wer Camus und Sartre mag, sollte sich unbedingt auch mit den Romanen des jungen Le Clézios auseinandersetzen. Sprachlich brillant und mit philosophischem Anspruch, zieht "Die Sintflut" den Leser schon nach wenigen Sätzen in seinen Bann. Auch wenn ich bisher noch keinen weiteren Roman des Autors gelesen habe, kann ich verstehen, warum die Schwedische Akademie von Le Clézio so begeistert war, dass sie ihm den Nobelpreis für Literatur verliehen haben. Und DeLillo oder Pynchon sind dann ja vielleicht im kommenden Jahr endlich an der Reihe...