Damals vor mehr als zehn Jahren, als diese Aufnahme erschien und ich sie mir zulegte, war sie eine kleine Sensation. Es war die erste Gesamtaufnahme der Beethoven-Symphonien, die mit einem traditionellen Orchester auf der Grundlage der damals neuen Urtext-Ausgabe eingespielt wurde, die zweite überhaupt nach der Einspielung mit Gardiner und seinem Orchestre révolutionnaire et romantique, und die erste Gesamt-Aufnahme mit einem modernen Orchester, die sich nach langer Zeit (Leibowitz mit seiner Gesamtaufnahme, Scherchen, Kleiber in Einzelaufnahmen) wieder an den Metronomangaben Beethovens orientierte. Noch dazu gab es die CDs damals zu einem ungeheuer günstigen Preis, konkurrenzlos im Vergleich zu den Angeboten der Renommier-Labels.
Ich habe die Aufnahmen mit Zinman lange hoch geschätzt, sie haben ungeheuer viel Energie, Zinman hielt sich buchstabengetreu an alle Wiederholungen, auch in den da capi der Scherzi (darüber kann man sich natürlich streiten), ließ auch so manche kleine Verzierung insbesondere von den Holzbläsern improvisieren und - eine nette Abwechslung - das berühmte Rondo-Thema im Finale der Eroica vom Solistenquartett der Streicher spielen. Man merkte der Aufnahme schlicht an, dass sich die Beteiligten hier für ein Projekt engagierten und etwas Neues auf die Beine stellen wollten. Das Tonhalle-Orchester erwies sich angesichts der teils mörderischen Tempi (ich glaube, die Aufnahme ist auch unter den schnellen die schnellste, und zwar durchgehend) als virtuos-flexibles Ensemble, beeindruckend für ein Orchester dieser Größe, und begründete mit ihr seine inzwischen deutlich gewachsene Präsenz in der Tonträger-Szene mit folgenden sinfonischen Zyklen von Richard Strauss, Robert Schumann, Gustav Mahler und Johannes Brahms.
Leider stellt sich gerade heute in der Rückschau und mit Vergleichsmöglichkeiten vieler gelungener Neuaufnahmen doch oft der Eindruck der Gehetztheit und Atemlosigkeit bei den Zinmanaufnahmen ein, zumal im Finale der Neunten; die später ergänzte Einspielung der Missa solemnis verstärkte diesen Eindruck fast noch ins Getriebene.
Heute ist man an eine solche Herangehensweise wie die Zinmans bei den Beethoven-Symphonien gewöhnt, es gibt eine Vielzahl von Einspielungen auch mit modernen Orchestern, die einen ähnlichen Ansatz verfolgen, zuletzt aus Stuttgart (
Symphonien Nr. 1-9), Minneapolis (
Sinfonien 1 Bis 9), Bremen (
Beethoven, Ludwig van - Beethoven: Symphonies Nos. 1-9 & Das Beethoven Projekt [4 DVDs] oder Einzel-SACDs) und jüngst auch aus Leipzig (
Sämtliche Sinfonien 1-9 (Ga)). Geht es um Aufnahmequalität, würde ich diese genannten neuen Einspielungen derjenigen aus Zürich inzwischen vorziehen, im direkten Vergleich finde ich sie doch weniger transparent und weniger voll, geht es um Durchhörbarkeit, kommt aus meiner Sicht ohnehin keine Aufnahme an die der Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi (allerdings mit einem Kammerorchester) heran, vom Orchesterklang gefällt mir mittlerweile die Neueinspielung aus dem Gewandhaus unter Riccardo Chailly am besten - Geschmackssache.
Insofern hat die Aufnahme mit Zinman in meiner Sammlung ein wenig an Präsenz eingebüßt, ich halte sie dennoch für sehr hörenswert und inzwischen für fast schon ein wenig historisch als Zündfunke für eine Bewegung, die damals wie heute sehr kontrovers diskutiert wird und dazu beiträgt, dass man sich mit Beethoven beschäftigt, daher fünf Sterne.
Preislich gibt es übrigens mittlerweile Aufnahmen aller Ausrichtungen als Dumping-Angebote, Karajan, Gardiner, Wand, Hogwood, Davis, auch die Neueinspielung unter Krivine, alle auf einem Niveau mit der Zinman-Aufnahme, die übrigens die CDs der Einzelveröffentlichungen in einem Pappschuber vereinigt einschließlich der jeweiligen, recht instruktiven Einführungstexte. Für Neueinsteiger keine leichte Entscheidung.