Mit der Philosophie ist das so eine Sache. Die einen halten sie für reine Zeitverschwendung, ja gar für nicht einmal eine vollwertige Wissenschaft, die anderen glauben mit ihrer Hilfe Antworten auf einige der drängendsten Fragen der Menschheit wie zum Beispiel der nach dem Sinn unserer Existenz zu erhalten. "Die Philosophie", so heißt es denn auch in der Online-Enzyklopädie Wikipedia, "ist der Versuch, die Welt und die menschliche Existenz zu deuten und zu verstehen."
Nachdem ich vor kurzem den Bestseller von Richard David Precht (Wer bin ich, und wenn ja wie viele?) gelesen hatte und ob des dortigen Umgangs mit diversen Themen durchaus beeindruckt war, dachte ich als eingefleischter Simpsons-Fan mit vorliegendem Werk nicht viel falsch machen zu können. Zudem war der Schmöker, der mir bereits beim Stöbern in einem Londoner Buchladen aufgefallen war, gerade als deutsches Taschenbuch erschienen, also kaufte ich ihn kurz entschlossen.
Man kann sich durchaus darüber streiten, wie viel Sinn in dem Versuch steckt, philosophische Grundlagen anhand einer Cartoonserie zu erläutern. Herausgeber William Irwin, Assistenzprofessor für Philosphie am King's College in Pennsylvania hatte bereits Ende der 1990er Jahre ein Buch mit dem Titel "Seinfeld and Philosophy" auf den Markt gebracht, in dem er eine Reihe seiner Kollegen bat, Essays über bestimmte philosophische Problemstellungen mit Bezug auf die Comedyserie "Seinfeld" zu schreiben. Das Buch war derart erfolgreich, daß sich Irwin fortan auf diese Art der Publikationen spezialisierte. Inzwischen gibt es philosophische Betrachtungen zu Watchmen, Dr. House, Matrix, Harry Potter, Terminator, X-Men, Batman, ja sogar ein Buch, das sich der Band Metallica und ihrer Relevanz zu Themen der Philosophie widmet - wenn auch bislang nur in englischer Sprache.
Nun, was die Simpsons-Variante betrifft, muss ich leider sagen, daß ich selten so enttäuscht über ein Buch war wie über dieses! Viele Artikel beschränken sich auf das Herunterbeten sattsam bekannter Platitüden und setzen diese in Beziehung zu irgendwelchen Szenen aus den inzwischen weit über 400 Serienepisoden. Homer Simpson ist unmoralisch weil er der Völlerei frönt - wow, was für eine Erkenntnis! Lisa Simpson verkörpert die Abneigung der amerikanischen Gesellschaft gegenüber Intellektuellen - da klappt einem doch glatt die Kinnlade runter! Und Marge Simpson fungiert als moralischer Prüfstein mit einem Höchstmaß an Tugend und Charakter - sorry, aber platter und nichtssagender geht es nun wirklich nicht.
Mit wenigen Ausnahmen bewegen sich alle Autoren meterhoch über der Oberfläche philosophischer Fragestellungen, beinahe so, als hätten sie panische Angst, den Leser zu überfordern. Möglicherweise halten sie die Konsumenten von Cartoonserien ja per se für geistig nur bedingt beanspruchbar. Die Texte sind allesamt stark schablonenhaft und benutzen die Serienszenen in völliger Willkür. Eine so umfangreiche und in ihrer Handlungsführung variable Serie wie "Die Simpsons" liefert für so ziemlich jede beliebige These eine passende Kulisse. Die Figuren agieren eben gerade nicht nach klaren Regeln, sondern brechen immer wieder aus den gegebenen Verhaltensmustern aus. Homer Simpson mag amoralisch sein, doch genau so gut könnte man ihn als ein Beispiel des unbewussten Heiligen heranziehen, der seine Entscheidungen instinktiv nach strengen ethischen Grundsätzen fällt. Insofern taugen "Die Simpsons" tatsächlich nur bedingt für philosophische Erörterungen und man könnte jeder der in den Aufsätzen vertretenen Ansichten ihr genaues Gegenteil gegenüber stellen und dafür exakt die selbe Beweisführung verwenden.
Auf dem Buchrücken verspricht ein Zitat des Norddeutschen Rundfunks, das Buch sei "klug und mitunter zum Brüllen komisch." Ich habe in dieser Ansammlung langweiliger und belangloser Aufsätze weder etwas Kluges gefunden, noch ein einziges Mal auch nur die Mundwinkel verzogen. Ich gebe sogar zu: Die letzten paar Artikel habe ich lediglich noch überflogen. Fazit: Jede einzelne Simpsons-Folge besitzt mehr Tiefgang, Witz und philosophischen Gehalt als dieses Buch und ich werde das Gefühl nicht los, daß es einzig und allein geschrieben wurde, um bei Fans abzukassieren (was in meinem Fall ja gelungen ist). Dafür spricht auch die obige Liste, nach der man das Prinzip auf alle möglichen populären Filme/Serien/Helden ausgedehnt hat.