Neue Bücher
Das Unbewusste vor Freud
upj. Um Sigmund Freud herum sind im Laufe der letzten hundert Jahre etliche wissenschaftshistorische Legenden entstanden. Eine der hartnäckigsten geht dahin, erst Freud habe das Unbewusste «entdeckt» und die vor ihm liegenden philosophischen Jahrzehnte seien noch völlig im dunkeln getappt, wo es um die verborgenen Tiefen der Seele ging. Dass Freud allenfalls ein Kolonisator des Unbewussten, keineswegs aber dessen Entdecker sei, hat Ludger Lütkehaus 1989 in einem kleinen Sammelband aufgezeigt; ein Band, der sich nicht der Tiefenpsychologie, sondern sinnigerweise der «Tiefenphilosophie» widmete. Gemeint sind damit jene Philosophen und Schriftsteller, die sich vor der Ära der Fachdisziplin Psychologie um deren Erkenntnisgegenstand bemühten; so etwa Carl Gustav Carus («Psyche. Zur Entwicklungsgeschichte der Seele», 1846) oder Gustav Theodor Fechner («Elemente der Psychophysik», 1860). In seinem einleitenden Essay zeigt Lütkehaus auf, wieviel Freud besonders auch den theoretischen Arbeiten Theodor Lipps' («Der Begriff des Unbewussten in der Psychologie») verdankt. Der Band ist, versehen mit einem neuen Vorwort, wieder greifbar.
Zur Geschichte des Holocaust
lx. Wolfgang Benz, Professor für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin, hat zur Erforschung des Holocaust schon eine stattliche Reihe von Publikationen vorgelegt; darüber hinaus ist er Herausgeber der Standardwerke «Die Juden in Deutschland 19331945» und «Dimensionen des Völkermords». Da es nicht jedermanns Angelegenheit ist, sich durch dickleibige Sachbücher durchzuarbeiten, ist dieses schmale Bändchen, das eine gutdokumentierte Kurzdarstellung der Geschichte des Holocaust enthält, zu begrüssen. Von der Ausgrenzung und Entrechtung der Juden bis hin zum industrialisierten Massenmord werden die Schritte des Genozides dargestellt; in einer nüchternen Sprache, die das Geschehene nicht durch aufgesetztes Pathos belastet. Die Darstellung, die auch auf die Verfolgung der Sinti und der Roma eingeht, eignet sich in ihrer dokumentarischen Knappheit auch als Unterrichtsmaterial.
Gemischtwarenladen
rbl. Heute ist die Rückbindung der Germanistik an die Urheber ihres Forschungsgegenstandes eine Selbstverständlichkeit. Jede germanistische Fachschaft, die etwas auf sich hält, institutionalisiert die Autorenlesung. Wer es sich leisten kann, richtet gar einen Poetik-Lehrstuhl ein, der nicht nur den Kontakt zwischen Autor und Publikum fördert, sondern zu öffentlicher Überprüfung eigener Schreibstandpunkte anhält. 1983 wurde an der jungen Paderborner Universität die Schriftsteller-Gastdozentur gegründet. Im zehnten Jahr ihres Bestehens hielten die Veranstalter Rückschau und luden alle neun bisherigen Inhaber unter der Leitfrage «Gewandelte Wirklichkeit verändertes Schreiben?» zu einem Vortrag ein. Der aus diesem Anlass herausgegebene Sammelband enthält nun nicht etwa die in Beantwortung der Fragestellung vorgetragenen Beiträge. Vielmehr liest man sich durch ein Sammelsurium, das zu den zwei Autorinnen und sieben Autoren neben einem Bild und eigenen, teils unveröffentlichten Texten biobibliographische Hinweise und Dokumente zur jeweiligen Dozentur (Zeitungsausschnitte, Korrespondenz) darbietet. Das ergibt dann zwar in einigen Fällen schöne (Wieder-)Begegnungen: mit Herta Müllers Prosa oder mit unveröffentlichten Gedichten von Günter Kunert. Vom «veränderten Schreiben», von «gewandelter Wirklichkeit» oder von den Selbsterfahrungen dozierender Autorinnen und Autoren handelt indes kaum ein Wort.
Über Wagner
rur. Einmal mehr: Was alles auch noch zum Stichwort Richard Wagner notiert worden ist an Meinungen, Fakten, Stimmungsmache. Die Sammlung beginnt mit Verdis «Triste, triste, triste!» bei der Todesnachricht im Februar 1883 und führt ganz unchronologisch kreuz und quer schliesslich zu Nike Wagners «Bayreuth ?». Niemand wird von ihr verschont weder Urgrossvater, Grossvater, Vater noch all die anderen Familienmitglieder. Nike Wagner spart in ihrem lockeren Begleitwort «Wagner Herbarium» auch nicht mit Zuschreibungen wie «der raunende Bloch», «der klare Boulez», «ein quergestreifter Adorno». Ein Reiz des Bändchens besteht darin, dass auch Beiträge aufgenommen wurden, die nicht «streng» zum Thema gehören, wie Peter Horst Neumanns hübsches Gedichtchen «Wenn wir in Drachenblut baden» oder Giuseppe Ungarettis «Hymne an den Tod» (1925) in einer reichlich wackeligen Übersetzung ins Deutsche. Manfred Schneider vergleicht Wagner und Karl Marx als Kreative der «Ausscheidungen» mit entsprechenden Krankheitssymptomen. Die apart ausgesuchten Abbildungen enthalten auch Emil Mewes Plan zur Erweiterung des Festspielhauses für die von Hitler geplanten «Friedensfestspiele» nach Deutschlands militärischem Endsieg.
Amerikanisches Trauma
BvL. Historische Ereignisse werden um so entrückter, je mehr über sie geschrieben wird. Die Textualisierung der Geschichte findet eines ihrer Paradebeispiele in der Ermordung J. F. Kennedys. Weder Bücher noch Filme, alle von der alten amerikanischen Verschwörungsphobie hervorgebracht und sie weiter nährend, können die Ereignisse fassen, geschweige denn uns der Wahrheit näher bringen. Norman Mailers monumentale Biographie des angeblichen Kennedy-Mörders, geschrieben in der Tradition seiner eigenen faction-Werke, ist ein Muster an weitausholender Recherche und sensibler psychologischer Ergänzungen, welche dort anfangen, wo die penible Anhäufung von Fakten aufhört. Dabei bedient er sich allerdings nicht der neu zugänglichen Quellen, sondern wertet die vorliegenden Bücher aus. Mailers Buch insistiert auf der Nacherzählbarkeit geschichtlicher Abläufe, es erwächst aus dem Bedürfnis nach Erklärung und erreicht wohl eher Verklärung. Mailer ist sich bewusst, dass die Erklärung des Mordes an Kennedy an Grundsätzliches im amerikanischen Selbstverständnis rührt: Ist Oswald und seine Geschichte lediglich ein Zufallsprodukt, «dann ist . . . Amerika mit dem Fluch der Absurdität beladen. Es würde keine Logik in diesem Ereignis stecken und keine ausgleichende Gerechtigkeit im Universum. Geschichtliche Absurdität . . . macht die Gesellschaft krank.» Auch wenn er Oswald in ein fast nicht abzugrenzendes Netz von persönlichen und geheimdienstlichen Beziehungen einspannt, scheint Mailer doch die Konspirationstheorie zu verwerfen. Was Mailer interessiert, ist einmal mehr die Psychologie des Einzelnen. Abgesehen von gelegentlichen Wichtigtuereien ist Mailers Buch ein ungemein spannendes, abwechslungsreiches Geschichtsbuch.
Die Bundesrätinnen
B. En. 1979, fünf Jahre vor der Wahl Elisabeth Kopps in den Bundesrat, hat Ulrich Weber seinen Roman «Die Bundesrätin» veröffentlicht, eine beinahe prophetische Polit-Satire. Diesmal blickt der Autor wieder voraus aufs Jahr 2000 nämlich und entwirft unter der Bundeshauskuppel ein Szenarium, das im Bundesrat endlich eine Frauenmehrheit vorsieht. In die Schar der Graureiher, der Männer im dunklen Anzug, kommt Bewegung durch Frauenpower und weibliche List. Am Beispiel dreier Klassenkameraden, zweier Männer und einer Frau, schildert Ulrich Weber den mühsamen Weg durch den Parteienklüngel, wobei die Protagonisten mit empfindlichen Rückschlägen im familiären Bereich zu rechnen haben. Fiktion vermischt sich dabei zwanglos mit Fakten und Namen der «classe politique», und der Reiz möglicher Aufschlüsselungen wird das Interesse des Lesers wachhalten. Ulrich Weber erzählt in solider Manier, aber etwas altmodisch-geschwätzig, wenn er den Kleinstadtmief der sechziger Jahre sowie die Mediokritäten aus dem family life und der Politszene schildert. Gerne schielt er nach Sensatiönchen, und einige Episoden aus dem amourösen Bereich werden mit Geschmacklosigkeiten garniert. Gleichwohl placiert er etliche treffende Pointen.
Prager Frauen
haj. Der bedeutende Anteil von Frauen an der Dissidentenbewegung der «Charta 77» kann sich auf eine Tradition weiblichen Engagements in Prag stützen. Das zeigt in beeindruckender Deutlichkeit der von Alena Wagnerová herausgegebene Band «Prager Frauen», der neun Lebensbilder von Persönlichkeiten verschiedenster Herkunft, Tätigkeit und Ausstrahlung in sich vereinigt, deren Leben wesentlich durch die Beziehung zu ihrer Stadt und ihrem Land geprägt wurde. Die Porträtgalerie setzt chronologisch mit der grossen Dichterin Bozena Nemcová (18161862) ein, welcher die Schweizer Slawistin Susanna Roth eine besonders schöne Darstellung widmet, und führt bis zu der 1935 geborenen Universitätsdozentin Jirina iklová, die eine wichtige Rolle in der Dissidentenbewegung spielte. Dazwischen werden die Pädagogin Elika Krásnohorská, die Ethnographin Teréza Nováková, die avantgardistische Stoffdesignerin Jaroslava Vondrácková, die für die Frauenrechte kämpfende Politikerin Frantika F. Plamínková, die surrealistische Malerin Toyen, die Wahlpragerin schweizerischer Herkunft und Erzieherin Olga Fierz und Edith Flusser, die Frau des Philosophen Vilém Flusser, vorgestellt. Da Milena Jesenská schon in einem früheren Sammelband berücksichtigt worden war und ihr Alena Wagnerová ausserdem im gleichen Verlag eine ausführliche Biographie gewidmet hat, ist die bedeutende Publizistin durch ihren Essay über die Ehe «Der Teufel am Herd» (1923) vertreten. Der Sammelband vergegenwärtigt nachhaltig den Wandel der tschechischen «condition féminine» in ihren spezifischen Traditionen vom 19. ins 20. Jahrhundert.
Die Sikhs Religion, Geschichte, Politik
vss. Der Münchner Verlag C. H. Beck präsentiert schon seit geraumer Zeit ein Konzept, das es lohnt, auch einmal gesondert hervorgehoben zu werden. Die sogenannte «Becksche Reihe» umfasst eine ganze Fülle von handlichen und schmalen Büchern, welche ein bestimmtes Thema im guten alten enzyklopädischen Sinne übersichtlich, knapp und doch anschaulich darstellen. Man könnte diese Bücher auch als ausführliche und noch dazu meist recht aktuelle Lexikonartikel bezeichnen. Eine der besonders gelungenen Ausgaben dieser Reihe ist das Bändchen «Die Sikhs» von Marla Stukenberg. In den vier übersichtlich und gut geschriebenen Kapiteln «Die Sikhs Ein Porträt» (eine Art farbige Einführung zu Land und Leuten), «Religion und Geschichte der Sikhs», «Der Punjab Homeland, Sprachprovinz und Kornkammer» und «Der Sikh-Konflikt» steht auf rund 165 Seiten alles, was man über diese in den Medien heute nur mit den Konnotationen «Extremisten» und «Terroristen» vorkommende Volks- und Glaubensgemeinschaft wissen muss und wissen sollte; angereichert durch zwei Karten, ein kleines Literaturverzeichnis und ein Glossar. Das Bild, das die Autorin dabei zeichnet, oszilliert in gelungener Weise zwischen der Darstellung der international kaum beachteten Gemeinschaft und des in aller Munde befindlichen Konfliktes. Streiten mag man lediglich darüber, ob trotz der übersichtlich-knappen Form nicht doch auch ein Register hilfreich wäre. Dies aber ist der einzige Mangel, den der Leser an dieser gelungenen Vermittlung von Basiswissen feststellen mag.
Bayerisches
rox. Es gibt einen Menschenschlag in Deutschlands Süden, der man erinnere sich etwa an den Kruzifixstreit immer wieder für eine höchst eigenwillige Bereicherung dessen sorgt, was einst der grosse Immanuel Kant mit dem «Deutschen Nationalcharakter» umschrieb. Statt nun allerdings die Zettelkästen der Bayerischen Staatsbibliothek danach zu befragen, was denn eigentlich typisch «bayerisch» sei, haben die Herausgeber des vorliegenden Bandes darunter kein Geringerer als jener Peter Gauweiler, der der bayerischen Staatspolitik auch schon etliche charakteristische Züge verliehen hat eine kleine Anthologie bayerischer Köpfe zusammengestellt, deren Auswahlkriterium von ungetrübt sympathetischer Art ist. Erfreulich, dass neben dem königlichen Finanzgenie Jakob Fugger und neben der selbstverständlichen Reihe bayerischer Hochwohlgeborenheiten wenigstens auch noch Ludwig Ganghofer Aufnahme gefunden hat. Sein Bezug zum Hochwohlgeborenen hat man denke an den Bestseller «Schloss Hubertus» wenigstens nicht in einer Staatskrise geendet wie weiland beim Bayernkönig Ludwig II.
Günther Rennert, Regisseur und Humanist
agr. Günther Rennert (19111978), Opernintendant in Hamburg (19461956) und München (19671976), war überzeugt davon, dass die Botschaft eines Kunstwerks überzeitlich gültig sei und dass Opernregie die Aufgabe habe, ein Sinnbild menschlicher Wirklichkeit zu schaffen. Mit den Mitteln des psychologischen Realismus suchte er die Beziehungen zwischen den Figuren zu verdeutlichen und entsprach damit der Vorliebe der Nachkriegszeit für ideologiefreie Humanität; dem Regietheater der siebziger Jahre stand er verständnislos gegenüber. Bedenkt man allerdings, dass Rennert 42 Jahre lang durchschnittlich 7,5 Inszenierungen jährlich erarbeitete und gewöhnlich mit vier bis fünf Wochen Probenzeit auskam, dann mag man hinter seinem Bemühen, «am roten Faden des Stückes zu bleiben», ein gewisses Mass an routinierter Oberflächlichkeit vermuten. Andreas Backöfer konnte den umfangreichen Nachlass Rennerts (im Privatbesitz der Erben) auswerten; auf der Basis zum Teil unveröffentlichter Manuskripte beschreibt er die Opernästhetik des Regisseurs und folgt den Stationen seiner Karriere. 250 Seiten Dokumentation schlüsseln die 321 Inszenierungen statistisch auf und bieten ein vollständiges Nachlassinventar, ergänzt um Material aus anderen Sammlungen. Ein nützlicher Beitrag zur Geschichte des neueren Musiktheaters.
MassachusettsPatagonien im Zug
sütt. Seit dem Erscheinen von «The Great Railway-Bazaar» (1975) hat sich der Amerikaner Paul Theroux den Ruf eines brillanten Reiseschriftstellers erschrieben. Von ihm stammt auch ein moderner Klassiker der Reiseliteratur, «Der alte Patagonien-Express» (1979), der nun auf deutsch vorliegt. Anders als viele Praktiker dieses im angelsächsischen Raum hochgeschätzten Schreibgenres nimmt Theroux einen rigoros persönlichen Blickwinkel ein. Er meidet touristenumlagerte Baumonumente, er flüchtet sich nicht in Schilderungen der Sitten exotischer Völker, und ebensowenig doziert er über die Historie des zu bereisenden Landes. Präzis skizziert er Menschen, denen er begegnet, seine Landschaftsbeschreibungen sind ganz unschwärmerisch und gerade deshalb intensiv, die Ansichten über Land, Leute und Regierungen erfrischend offen. Die Kommentare zur Oligarchie in Guatemala etwa, zur Situation des Panamakanals sind durchaus fundiert und erst noch bündig. Dass Theroux auch (und in erster Linie) Schriftsteller ist, bleibt in jedem Satz spürbar. Die Prosa fliesst elegant und leicht; viele Episoden bleiben in der Erinnerung haften, die Begegnung mit Jorge Luis Borges ist unvergesslich. Jeglicher Selbstglorifizierung abhold, verzichtet Theroux auf die «tough guy»-Attitüde vieler Reiseschriftsteller. Demonstratives Bravado fehlt wie auch exzessive Leidensbereitschaft, um Stoff zu schinden. Thema sind hingegen die Mühsal des Reisens und der Überdruss, auch das Heimweh nach Frau und Kindern und nach dem Ort, aus dem Theroux das Fernweh vertrieben hatte.