Seit dem ersten Versuch, Wiesings Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik zu verstehen, sind gut zehn Jahre vergangen. Was damals in der Reihe "rowolts enzyklopädie" erschien, ist nun in grösserem Format und etwas teurer bei Campus erhältlich. Der Nachdruck ist um ein Vorwort zur Neuausgabe ergänzt. Um es vorwegzunehmen, ich bin erneut gescheitert. Obwohl ich vor Jahrzehnten auch kunstgeschichtliche Vorlesungen besuchte und mich im Rahmen meiner neurowissenschaftlichen Studien für Bildwelten interessiere, komme ich mit der Sprache von Lambert Wiesing nicht klar. Leicht beschämt muss ich zugeben, seinen Gedankengängen noch weniger folgen zu können als damals. Das mag verschiedene Gründe haben. Meine Geduld, komplizierte Sätze zu entschlüsseln und begriffliche Eigenkreationen in meinen Sprachschatz zu übersetzen, hat klar abgenommen. Zudem wuchsen meine Zweifel, ob der Erkenntnisgewinn mit dem Grad analytischer Kleinstzerlegung tatsächlich zunimmt. Autoren, die mir das Verständnis ihrer Gedankengänge durch Geschichten und Metaphern erleichtern, erhalten einfach mehr Sympathiepunkte. Ich halte es inzwischen sogar für eine bestimmte Form akademischer Überheblichkeit, wenn eine über 300 Seiten starke Bildtheorie gerade mal vier Abbildungen hat. Und selbst die sind ziemlich lieblos auf die Vorder- und Rückseite des Bucheinbandes abgedruckt.
Um mich zur Lektüre zu motivieren, stöberte ich im Inhaltsverzeichnis und suchte mir einige Kapitel heraus, deren Überschriften meine Neugier weckten, weil sie mit Fragen zu tun haben, die mich zurzeit beschäftigen. So pickte ich zum Beispiel alles heraus, was unter Schönheit und Einfachheit fiel. Oder ich versuchte Wiesings Verständnis einer guten Geschichte auf die Spur zu kommen. Oder der Frage, was einen Videoclip von einem klassischen Film unterscheidet. Und immer mehr merkte ich, diese Lesemethode für mich die einzig mögliche ist. Es auf der ersten Seite zu beginnen und auf der letzten zu beenden, schaffte ich nicht. Kunsthistoriker und Bildtheoretiker mögen diese Vorgehensweise so wenig verstehen wie meine Kritik am fehlenden Anschauungsmaterial oder an der komplizierten Sprache. Das stört mich zum Glück nicht mehr. Wer die Welt gerne in so viele Einzelteile zerlegt wie Lambert Wiesing, erhält ein 300seitiges Puzzlespiel, das ihm beim Zusammensetzten bestimmt einige frohe Tage bereitet. Mir ist der Aufwand zu gross und der Gewinn letztlich zu klein. Was heisst das schliesslich für die Bewertung? Fachleute werden den Nachdruck eines Klassikers begrüssen und für fünf Sterne plädieren. Als Halbfachmann und Liebhaber einfacherer Versionen möchte ich geduldigere Leser nicht von der Lektüre abhalten, finde aber das ganze Unternehmen doch nur drei Sterne wert. Macht also vier.
Mein Fazit: Was heute zu den Standardwerken der Bild- und Kunstwissenschaft gehört, ist keine leichte Kost. Der Leser muss schon ein spezielles Interesse mitbringen und die wichtigsten Diskussionen der Bildtheorie verfolgt haben, um den Überlegungen von Lambert Wiesing folgen zu können.