Die Pest erreicht im Frühling 1349 Rüeggisberg, ein kleines Dorf in der Schweiz. Hanna, ein junges Mädchen aus dem Dorf, lebt bei ihrer Großmutter; Eltern gibt es nicht. Die eigenwillige, aber starke Großmutter stirbt. Hanna flieht mit ihrem Bruder Mathis, der lange bei den Mönchen im Kloster lebte, in den verbotenen Wald. Die beiden werden von einer Gruppe Städter aufgenommen, die sich ein Stück Land angeeignet haben, um dort vor der Pest gefeit zu sein. Nach dem Tod eines Jungen aus der Gruppe werden die beiden vertrieben, fliehen ziellos zurück in den Wald. Sie treffen auf einen Geißlerzug mit mehr als 160 Menschen, dem sie bis zu einem Stadttor Berns folgen. Die Fanatiker fluten mutwillig in die Stadt, begründen ein Pogrom gegen Juden. Hanna wird gefesselt, kann fliehen und sieht eine neue Perspektive: erst bei einem Fischer, dann bei einem Junker. Mathis zieht vermutlich mit den Geißlern weiter, seine Zukunft versickert.
Parallel zu dieser Geschichte fügt Lukas Hartmann rücksichtslos Fragmente von scheinbar authentischen Berichten über Aids ein. Er berichtet von (fiktiven) Einzelschicksalen von Erkrankten und Toten Anfang der 90er Jahre in Uganda, in der Schweiz. Im Verlauf des Buches verwischen die Unterschiede der beiden Erzählstränge in der äußeren Struktur und Form wie auch im Inhalt.
Lukas Hartmann ist ein beeindruckendes Sittengemälde des ausgehenden Mittelalters gelungen. Er beschreibt einfach, aber genau, manchmal in einer eigentümlichen, aber treffenden Sprache. Wie die lokale Dorfgemeinschaft zersplittert in isolierte Einzelgruppen, die einander misstrauen. Wie der Tod, die Angst vor einer wahrhaft unheimlichen Krankheit, das soziale Miteinander zertrümmert. Wie der Glaube, der Aberglaube über rationale Entscheidungen triumphiert. Wie die vorgeblich befreiende Suche nach Schuldigen, eher Sündenböcken, die Unschuldigen trifft. Wie die bigotten Demagogen mit einfachen Formeln Massen beeindrucken und manipulieren können; dabei Macht suchen und erreichen; von Sünde reden und eigene Verfehlungen ignorieren. Wie geistliche Ansichten, wie blinde Folgsamkeit aus Unwissenheit dem gesunden Menschenverstand überlegen sein können. Wie Menschen entpersönlicht werden. Wie blinder, rücksichtsloser Egoismus zerstört. Wie die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen kann. Wie die Suche nach wahrer Freiheit das Leben lebenswert macht.
Nicht nur in Details zeigen sich subtile und eindeutige Parallelen zwischen dem Mittelalter und der Jetztzeit. Die tragische Geschichte der Hanna schwebt düster über den Zeilen, unseren versicherten Alltag kontrastierend, reflektierend und zerteilend. Die Monotonie mancher textlicher Wiederholung mag nerven, ihre Bedeutung ist unverkennbar unverzichtbar. Das überaus vielschichtige Buch ist beängstigend lesenswert!