Gerade mal zwei Romane sind es, die Jeffrey Eugenides (Jahrgang 1960) bislang veröffentlicht hat, gleichwohl zählt er bereits zu einer bedeutenden Größe der Gegenwartsliteratur. Durch seinen enorm erfolgreichen Roman "Middlesex" mit dem Pulitzer-Preis geehrt, darf der Amerikaner trotzdem voller Stolz auf seinen 1993 erschienen Erstlingsroman The Virgin Suicides" (dt. "die Selbstmord-Schwestern") blicken.
Die Geschichte handelt von den Lisbon-Mädchen, Cecilia, Bonnie, Mary, Therese und Lux. Die zwischen 13 und 17 Jahre alten Schwestern leben in den 1970er Jahren im amerikanischen Kleinstadtmilieu. Doch von Aufbruchstimmung und Revolution ist in dem Detroiter Vorort nichts zu spüren, vielmehr herrscht eine Atmosphäre der Restriktion, Isolation und der Degeneration vor. Das ganze Elend beginnt ein mit Cecilia, der jüngsten der Schwestern, die sich die Pulsader aufschneidet, den Suizidversuch zunächst zwar überlebt, sich aber schließlich - aufgespießt am Hauszaun - in den Tod stürzt. Für die übrigen Mädchen beginnt eine Zeit der Überwachung und Isolation durch die Eltern, die nur ein einziges Mal noch durchbrochen wird, als sie ihren Töchtern die Teilnahme am Schulball gestatten. Alle kehren sie brav zurück nach Hause, nur Lux, die sich der ständigen Kontrolle und Überwachung mit einem sexuellen Kontakt zur Wehr gesetzt hatte, bricht das Gebot. Die Mädchen werden eingeschlossen und vegetieren von nun an bis zur finalen Katastrophe vor sich hin. Eine Ungezieferplage, der Streik der Totengräber, das sinnlos erscheinende Fällen der Ulmen - Eugenides verstärkt dieses Hinvegetieren und Verrotten mit einer wahren Endzeitkulisse, die er um das Haus der Lisbon-Mädchen aufgebaut hat.
Erzähler der Geschichte ist keine Person, sondern erneut ein Kollektiv, bestehend aus mehreren männlichen Nachbarn bzw. Mitschülern der Lisbon-Mädchen. Regelrecht manisch haben sie Fakten um die Mädchen herum gehortet, Fotographien, Tagebücher, Unterwäsche und dergleichen, doch selbst nach zahllosen Gesprächen mit anderen Beteiligten ergibt sich ihnen kein schlüssiges Bild. Auch nach etlichen Jahren müssen sie erkennen, dass das Puzzle für immer unvollendet bleiben wird. Durchsichtig wird hingegen ein Bild der herrschenden Moderne; die Medialisierung der Todesfälle zählt ebenso dazu wie der zynische und bisweilen egozentrische Unterton des Erzählerkollektivs selbst, der im Schluss des Romans kulminiert:
"It didn't matter in the end how old they had been, or that they were girls, but only that we had loved them, and that they hadn't heard us calling, still do not hear us, up there in the tree house, with our thinning hair and soft bellies, calling them out of those rooms where they went to be alone all time, alone in suicide, which is deeper than death, and where we will never the pieces to put them back together."
Eugenides hat mit diesem Roman etwas Außergewöhnliches geschaffen. Eine kraftvolle, mystische Geschichte, ja, ein modernes Märchen, das mit vielen Anspielungen auf die griechische Mythologie aufwartet. So ist zum Beispiel Moral einer der Schlüssel zum Roman. Wer Pluatrchs "Moralia" aufschlägt, der findet einen starken Bezugspunkt des Autors, wenn Plutarch von einer Selbstmord-Epidemie junger Mädchen erzählt. Mit der chorischen Stimme der Erzähler erhält das Ganze die Züge einer griechischen Tragödie.
Fazit: Eugenides ist mit seinem Erstlingsroman eine mitreißende, verstörende, traurig-schöne Geschichte gelungen, der es an starken Bildern und Metaphern nicht mangelt. Kongenial ist ein großes Wort - es ist aber durchaus angebracht für die Verfilmung des Romans, die sich ausgesprochen nahe an der Vorlage bewegt. Und wie sich die Ereignisse doch gleichen, denn eine zweite Karriere begann mit den "Virgin Suicides", nämlich die von Sophia Coppola ("Lost in Translation"), die den Stoff meisterhaft umsetzte und mit einer brillant aufgelegten Kirsten Dunst einen echten Volltreffer für Lux, der wohl faszinierendsten der Lisbon-Schwestern, landete.