Nevers ist ein beschaulicher Ort an der Loire, es ist kurz vor Weihnachten. Emile und Juliette lieben sich. Jeden Abend holt er sie vom Klavierunterricht ab, dann drücken und küssen sich die beiden Liebenden in einem dunklen Hauseingang. Hier suchen sie nicht nur Schutz vor der Dezemberkälte sondern auch vor den Blicken von Juliettes Vater. Mit einem Gewehr beobachtet er vom Fenster aus das junge Glück. Monsieur Grandvalet will sicher nicht abdrücken; es soll vielmehr eine Drohgebärde sein.
Emile ist darüber jedoch so wütend, dass er, nachdem er sich Mut angetrunken hat, das Haus seiner Liebsten anzündelt. Der Verdacht und die Spuren führen natürlich schnell zu Emile, der zunächst in Paris untertaucht. Schließlich lässt er sich als Tarnung einen Bart wachsen, beschafft sich mit Taschendiebstählen etwas Geld und kehrt nach Nevers zurück. Er will Juliette zur Flucht nach Paris überreden.
Aber der alte Grandvalet bekommt Wind von dem Vorhaben und verschärft die Überwachung seiner Tochter, doch die hat längst ihre eigene Entscheidung getroffen: sie will nicht mehr wohlbehütet im Elternhaus leben, sondern mit ihrem Geliebten ein neues Leben anfangen. Emile hat zwei Fahrkarten nach Paris besorgt und so brennen die beiden durch, nicht ohne zuvor an Juliettes Eltern einen Brief zu schreiben. Darin drohen sie mit Selbstmord, falls man die Polizei einschaltet. Doch Monsieur Grandvalet, der seine Tochter abgöttisch liebt, nimmt Urlaub und macht sich in dem Gewimmel der Seine-Metropole auf die verzweifelte Suche.
Die Liebe zwischen Emile und Juliette muss sich nun in der rauen Pariser Wirklichkeit bewähren, doch sie zerbricht allmählich unter den kärglichen Lebensverhältnissen. Darüber hinaus müssen die beiden feststellen, dass es zwei Paar Schuhe sind: sich in einem Hauseingang heimlich zu küssen oder ein schwieriges Zusammenleben zu meistern. Dazu wird Emile immer egoistischer und gewalttätiger. Selbst als es ihnen finanziell etwas besser geht, leben sie nur noch aneinander vorbei. Ihr Gefühlsreservoir ist längst aufgebraucht ... es scheint bis zur Katastrophe nur noch eine Frage der Zeit zu sein.
"Die Selbstmörder" ist eine moderne Adaption der klassischen Romeo-und-Julia-Geschichte und da sie Georges Simenon niedergeschrieben hat, besitzt sie natürlich einen kriminellen Hintergrund. Der Roman, der 1934 unter dem Originaltitel "Les suicides" erschien, wurde erst 1990, also nach 56 Jahren, in deutscher Sprache im Diogenes Verlag veröffentlicht. Für die vorliegende Edition der "Ausgewählten Romane" wurde die deutsche Übersetzung überarbeitet.
Manfred Orlick