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Die Sekte: Roman
 
 
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Die Sekte: Roman [Gebundene Ausgabe]

Mo Hayder , Rainer Schmidt
2.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (87 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Der deutsche Titel von Mo Hayders im Original Pig Island genanntem Thriller Die Sekte führt in die Irre. Zwar gibt es auf der einsamen schottischen Insel Cuagach Eilean neben einer Schweinefarm und einer Giftmülldeponie auch die verschworene Gruppe religiöser Fanatiker der „Gemeinde für Psychogenes Heilen“, die in Verdacht steht, Satanismus zu betreiben. Aber deren Gründer, Pastor Malachi Dove, ist nach einem schweren Vergehen gegen die eigenen Regeln selbst aus der Sekte ausgeschieden und führt nun irgendwo in den Bergen ein verschrobenes Dasein. Dies erfährt der Journalist Joe Oakes gleich nach seiner Ankunft auf dem unwirtlichen Eiland, auf dem der Teufel leibhaftig umzugehen scheint. Trotz aller Warnungen der Bewohner macht sich Oakes auf die Suche nach Dove, der ihn seit einem Zusammentreffen vor Jahren ewige Rache geschworen hat.

Dann wird unter den Bewohnern der Insel, die Dove entmündigen lassen wollten, in deren Kirche ein blutiges Massaker angerichtet. Dove verschwindet, und Oakes muss aufgrund einer geheimnisvollen Prophezeiung annehmen, dass der dem Wahnsinn verfallene Ex-Priester, der seine exorzistische Brutalität zuvor schon an den Schweinen von Pig Island ausgelassen hatte, es nun auf ihn abgesehen hat. Tatsächlich wird Oakes Frau unter den Augen der Polizei ermordet. Und dann ist da noch Doves Tochter Angeline, zu der sich Oakes trotz ihrer Missbildung hingezogen fühlt. Welche Rolle spielt sie in dem Spiel, in dem der Journalist -- so viel ist von Anfang an klar -- nur verlieren kann?...

Hayders Roman Die Sekte hat seinen Namen nicht verdient. Denn die eigentliche Grausamkeit und Spannung zieht das Buch keineswegs aus den merkwürdigen Ritualen der Gemeinde, von denen man nur das Nötigste erfährt, sondern durch das auch den Leser quälende Unwissen von Oakes, der zugleich auch (neben seiner Frau) Ich-Erzähler der Story ist. Bis zum gänzlich überraschenden Ende schafft es Hayder so, ihre Leser durch psychologische Finesse zu fesseln. Spannender kann man eigentlich kaum mehr schreiben. -- Thomas Köster, Literaturanzeiger.de

kulturnews.de

Mit ihrem letzten Roman schrieb sich Mo Hayder endgültig unter die Topautoren der Spannungsliteratur: In "Tokio" zeichnete sie verstörend brutal einen 1937 im chinesischen Nanking verübten Völkermord nach. Thematisch ist der Nachfolger "Die Sekte" weniger spektakulär. Der Journalist Joe Oakes bekommt die Chance, eine Woche auf der schottischen Insel Guagach Eilean zu verbringen, wo seit Jahrzehnten die Mitglieder einer Sekte völlig abgeschottet leben. Es heißt, die Gemeinde für Psychogenes Heilen betreibe Teufelsanbetungen. Oakes Interesse aber gilt weniger den Ritualen der Sekte als ihrem Gründer Malachi Dove. Mit dem geriet er bereits als Teenager aneinander, und Dove schwor: "Eines Tages werde ich Ihnen Ihren Seelenfrieden nehmen". Auf Guagach Eilean beginnt für Oakes eine Hetzjagd, die seinen Alltag komplett aus den Angeln hebt. An Grausamkeit und Brutalität steht "Die Sekte" dem Vorgänger in nichts nach. Und doch ist der Thriller vergleichsweise konventionell. Hayder schreibt wendungsreich und spielt mit den unterschiedlichen Perspektiven ihrer Figuren. Viele der Charaktere bleiben aber flach und durchschaubar, selbst die grausamsten Gewaltsszenarien sind wenig eindringlich. Das Ende schließlich schockt, zeichnet sich jedoch bereits nach der Hälfte der Story ab - eine zusätzliche Enttäuschung. (jul)
kulturnews.de

Pressestimmen

"Mo Hayder ist eine Meisterin der Spannungsliteratur. Auch ihr neuer Thriller ist nichts für schwache Nerven: blanker Horror paart sich hier wieder mit perfektem Spannungsaufbau. Zugleich ist das Buch ein Blick auf die Gesellschaft und die Dinge, die Menschen sich unter dem Deckmantel der Religionen antun können.“ (Hannover-Stadtportal )

"Sie schafft es, hochspannende Geschichten gerade eben nicht ins Unglaubhafte abkippen zu lassen und wirkt so ungemein spannend. 'Die Sekte' wird wohl niemand, der das Buch einmal begonnen hat, so schnell wieder aus der Hand legen." (3sat.de )

"Brillant konstruiert, aber definitiv nichts für schwache Nerven. 'Die Sekte' wurde von der Crime Writers Association für den besten Thriller des Jahres nominiert." (LIVE )

Kurzbeschreibung

Der neue Thriller von der Autorin der Bestseller „Tokio“ und „Der Vogelmann“: schockierend, abgründig, unvergesslich – ein Meisterwerk der Spannungsliteratur.

Hartnäckig hält sich auf dem Festland das Gerücht, dass auf Cuagach Eilean, auch ‚Pig Island‘ genannt, der Teufel umgeht. Genaues weiß allerdings niemand, denn seit Jahren durfte kein Fremder die kleine Insel vor der schottischen Küste betreten. Bis der Journalist Joe Oakes die Einladung erhält, ein Interview mit den dort lebenden Mitgliedern einer geheimnisumwitterten Sekte zu führen. Oakes, dessen Spezialität die Entzauberung scheinbar paranormaler Phänomene ist, nimmt die Einladung gerne an. Doch seine Neugier hat noch einen anderen Grund: Das Leben des Reporters war vor vielen Jahren mit dem des Sektengründers verknüpft, und nun holt ihn die Vergangenheit wieder ein. Oakes ahnt nicht, dass er in dem Moment, als er die Insel betritt, einen Sturm aus Gewalt und Mord entfesselt, der sich jeglicher Kontrolle entzieht …

Von der Crime Writers’ Association als bester Thriller des Jahres für den Ian Fleming Steel Dagger nominiert.

Klappentext

"Mo Hayder ist eine Meisterin der Spannungsliteratur. Auch ihr neuer Thriller ist nichts für schwache Nerven: blanker Horror paart sich hier wieder mit perfektem Spannungsaufbau. Zugleich ist das Buch ein Blick auf die Gesellschaft und die Dinge, die Menschen sich unter dem Deckmantel der Religionen antun können."
Hannover-Stadtportal

"Sie schafft es, hochspannende Geschichten gerade eben nicht ins Unglaubhafte abkippen zu lassen und wirkt so ungemein spannend. 'Die Sekte' wird wohl niemand, der das Buch einmal begonnen hat, so schnell wieder aus der Hand legen."
3sat.de

"Brillant konstruiert, aber definitiv nichts für schwache Nerven. 'Die Sekte' wurde von der Crime Writers Association für den besten Thriller des Jahres nominiert."
LIVE

Über den Autor

Mo Hayder, 1962 in Essex geboren, verließ mit fünfzehn ihr Zuhause, um in London das Abenteuer zu suchen. Sie hat später viele Jahre im Ausland verbracht, unter anderem auch in Tokio, wo sie eine Zeit lang in einem Nachtclub arbeitete und für eine englische Zeitung schrieb. Sie studierte Filmwissenschaften an der American University in Washington D.C. und später Creative Writing an der Bath Spa University. Mit ihrem Debüt, dem Psychothriller "Der Vogelmann", wurde sie über Nacht zur international gefeierten Bestsellerautorin. Seither hat sie ihren Ruf als brillante Spannungsautorin mit den Romanen "Die Behandlung", "Tokio" und "Ritualmord" weiter gefestigt. Die Autorin lebt heute mit ihrem Lebensgefährten und ihrer Tochter in Bath.


Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Oakesy

Die ersten Alarmglocken schrillten in meinem Kopf, als der Wirt und der Hummerfischer mir zeigten, was da an den Strand gespült worden war. Ich warf nur einen Blick auf die Wellen, die sich dort brachen, und wusste sofort, dass es nicht der erwartete Spaziergang werden würde, den Pig-Island-Schwindel aufzudecken. Eine ganze Weile sagte ich nichts, stand einfach da, kratzte mich im Nacken und glotzte, denn so etwas… na ja, es gibt einem zu denken, nicht wahr? Man glaubt vielleicht, ein erwachsener Mann zu sein, denkt, im Leben schon eine Menge gesehen zu haben, und ist sehr misstrauisch gegenüber den verrückten Geschichten, die immer wieder in Umlauf sind, aber wenn man dann sieht, wie einem so etwas um die Schuhe plätschert, kratzt man sich eben doch ein bisschen. Warum ich auf die Alarmglocken nicht gehört habe? Warum ich nicht auf der Stelle kehrtgemacht habe und weggegangen bin? Nicht. Fragen Sie nicht. Ich habe schon vor langer Zeit aufgehört, mir diese Fragen zu stellen.
In dem Sommer kursierte das Video, das »Der Teufel von Pig Island« hieß, schon seit zwei Jahren. Eine beunruhigende Sache, ja. Ein genialer Schwindel. Und glauben Sie mir, ich verstehe etwas von Schwindel. Es war an einem sonnigen Vormittag von einem Touristen auf einer feuchtfröhlichen Sightseeingtour auf den Slate Islands gedreht worden, und als es an die Öffentlichkeit kam, tuschelte das ganze Land von Teufelsanbetung und allgemein üblem Kram, der auf dieser abgelegenen Insel vor der Küste Westschottlands im Gange sei. Die Geschichte wäre vielleicht ewig weitergelaufen, aber die geheimniskrämerische religiöse Gruppe, die auf der Insel lebte, die Gemeinde für Psychogenes Heilen, gab der Presse keine Interviews und reagierte auch nicht auf die Vorwürfe. Und da die Geschichte keine weitere Nahrung erhielt, verlor die Öffentlichkeit das Interesse – bis zum August letzten Jahres, als die Sekte nach zwei Jahren plötzlich beschloss, ihr Schweigen zu brechen. Ein auserwählter Journalist durfte sich eine Woche lang auf der Insel aufhalten, wo die Gemeinschaft lebte, und »über die weit verbreiteten Vorwürfe satanistischer Rituale« diskutieren. Und wer war dieser gerissene alte Hund von einem Journalisten? Ich selbst. Joe Oakes. Oakesy für meine Freunde. Der alleinige Architekt des größten Selbstficks der Geschichte.
Haben das alte Video gesehen, was?«, fragte der Hummerfischer. Wir waren uns heute zum ersten Mal begegnet, und ich wusste, er mochte mich nicht. An diesem Abend waren wir nur zu viert im Pub: ich, der Wirt, sein Hund und dieser launische alte Scheißer. Er hockte in der Ecke, an die Holzvertäfelung gelehnt, paffte seine Selbstgedrehten und schüttelte den Kopf, als ich anfing, mich nach Pig Island zu erkundigen. »Sind Sie deshalb hier? Halten sich für’n Teufelsbändiger?«
»Ich halte mich für einen Journalisten.«
»Ein Journalist sogar!«
Er lachte und sah den Wirt an. »Hast du das gehört? Hält sich für’n Journalisten!«
In dem Lokal herrschte die lauernde Atmosphäre, die man in diesen ums Dasein kämpfenden Dorfkneipen manchmal findet – als ob hinter einem der Spielautomaten jeden Augenblick eine Prügelei losgehen könnte, obwohl der Laden fast leer ist. Das Dorf hatte zwei Kneipen, eine für Touristen, mit einem Panoramafenster und Blick auf den Yachthafen, und die hier für die Einheimischen, an einem Küstenpfad unter triefendnassen Bäumen. Fleckige Putzwände, stinkender Teppichboden und vom Seewasser trübe Fenster, die nach Pig Island hinausstarrten, das stumm und dunkel fast zwei Meilen weit draußen vor der Küste lag.
»Die werden Sie nicht auf die Insel lassen«, sagte der Wirt und wischte über seinen Tresen. »Das wissen Sie, oder? Da war seit Jahren kein Journalist mehr auf der Insel. Das sind Irre da draußen auf Pig Island – lassen keine Menschenseele auf die Insel, und schon gar keinen Journalisten.«
»Und wenn sie Sie doch ließen«, sagte der Hummerfischer, »Gott, da würden Sie aber in ganz Craignish keinen finden, der Sie hinbringt. Das werden Sie nicht erleben, dass einer von uns nach Pig Island fährt.« Blinzelnd spähte er durch die Rauchschwaden zum Fenster hinaus zu den dunklen Umrissen der Insel im Zwielicht der Dämmerung. Sein weißer Bart war nikotinfleckig, als hätte er jahrelang hineingesabbert. »Nein. Ich jedenfalls nicht. Ich fahre durch jeden Hexenkessel, auch wenn er noch so mörderisch ist, aber nicht rüber nach Pig Island zum Gottseibeiuns.«
Eins habe ich in achtzehn Jahren in diesem Geschäft gelernt: Es gibt immer jemanden, der aus übernatürlichen Phänomenen seinen Profit zieht. Ich war bereits in Bolton gewesen und hatte den Touristen interviewt, von dem das Video stammte. Er hatte mit dem Schwindel nichts zu tun: ein armes, bierbäuchiges Schwein, das nicht über die Fußballtabellen vom nächsten Samstag hinausgucken, geschweige denn so etwas auf die Beine stellen konnte. Wer also profitierte von dem Pig-Island-Film?
»Denen gehört die Insel, stimmt’s?« Ich drehte mein Pint Newcastle Brown in dem feuchten Kringel auf der Theke und betrachtete es gedankenverloren. »Der Gemeinde für Psychogenes Heilen. Das hab ich irgendwo gelesen – sie haben sie in den achtziger Jahren gekauft.«
»Gekauft oder gestohlen – das ist Ansichtssache.«
»War ein ziemlicher Trottel, der Eigentümer.« Der Wirt stützte sich mit beiden Ellbogen auf die Theke. »Ein ziemlicher Trottel. Die Schweinefarm geht pleite, und was macht er? Lässt sämtliche Bauern von Argyll ihre heiklen Chemikalien da draußen abkippen. War am Ende eine Todesgrube, die Insel – Schweine überall, alte Bergwerksschächte, Chemikalien. Schließlich musste er praktisch alles verschenken. Zehntausend Pfund! Da hätten sie ihm die Insel auch stehlen können, das wäre ehrlicher gewesen.«
»Ihnen hier wird das nicht gefallen«, sagte ich in gleichmütigem Ton. »Dass die Leute aus dem Süden heraufkommen und überall Grund und Boden aufkaufen.«
Der Hummerfischer rümpfte die Nase. »Macht uns nichts aus. Was wir nicht akzeptieren, ist, wenn sie Land kaufen, sich dann einschließen und ihre komischen Rituale ausführen. Dann fängt’s an, uns zu stören – die verkriechen sich da draußen, treiben’s mit dem Teufel, fressen Babys und verpassen sich gegenseitig ’ne ordentliche Tracht Prügel, wenn sie Lust dazu haben.«
»Aye«, sagte der Wirt. »Und dann ist da noch der Geruch.«
Ich sah ihn an und versuchte zu lächeln. »Der Geruch? Von der Insel?«
»Ah!« Er warf sich das Geschirrtuch über die Schulter. »Der Geruch.« Er fischte eine Riesentüte Chips unter dem Tresen hervor, riss sie auf und stopfte sich eine Handvoll in den Mund. »Wissen Sie, was man so sagt? Was der Erkennungsgeruch des Teufels ist? Der Geruch des Teufels ist der Geruch von Scheiße. So ist das. Da können Sie zu jedem da draußen gehen« – er deutete mit einem Chipsfinger zum Fenster, Krümel rieselten wie Konfetti auf sein T-Shirt –, »da draußen auf Jura oder in Arduaine, und die werden Ihnen alle dasselbe sagen. Der Scheißegeruch kommt von Pig Island. Einen besseren Beweis für ihre Rituale gibt es nicht.«
Ich betrachtete ihn nachdenklich. Dann drehte ich mich um und schaute hinaus auf das dunkle Meer. Der Mond stand am Himmel, und Wind war aufgekommen und peitschte die Zweige gegen die Fensterscheiben. Hinter unserem Spiegelbild, hinter dem des Wirts, der unter den Lampen stand, sah ich ein dunkles Loch vor dem Nachthimmel: Pig Island.
»Die machen Sie sauer, was?« Ich versuchte mir die rund dreißig Leute vorzustellen, die da draußen wohnten. »Die machen Sie alle hier gründlich sauer.«
»Das können Sie laut sagen.« Der Wirt kam zum Tisch, setzte sich und legte die Chipstüte vor sich hin. »Sie machen uns gründlich sauer. Sie sind nicht beliebt – nicht, seit sie das hübsche Stückchen Strand an der Südwestseite der Insel eingezäunt haben, sodass die jungen Leute aus Arduaine nicht mehr mit ihren Booten rüberfahren können. Die wollen nur ein bisschen Ball...

Auszug aus Die Sekte von Mo Hayder , Rainer Schmidt. Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Oakesy

Die ersten Alarmglocken schrillten in meinem Kopf, als der Wirt und der Hummerfischer mir zeigten, was da an den Strand gespült worden war. Ich warf nur einen Blick auf die Wellen, die sich dort brachen, und wusste sofort, dass es nicht der erwartete Spaziergang werden würde, den Pig-Island-Schwindel aufzudecken. Eine ganze Weile sagte ich nichts, stand einfach da, kratzte mich im Nacken und glotzte, denn so etwas... na ja, es gibt einem zu denken, nicht wahr? Man glaubt vielleicht, ein erwachsener Mann zu sein, denkt, im Leben schon eine Menge gesehen zu haben, und ist sehr misstrauisch gegenüber den verrückten Geschichten, die immer wieder in Umlauf sind, aber wenn man dann sieht, wie einem so etwas um die Schuhe plätschert, kratzt man sich eben doch ein bisschen. Warum ich auf die Alarmglocken nicht gehört habe? Warum ich nicht auf der Stelle kehrtgemacht habe und weggegangen bin? Nicht. Fragen Sie nicht. Ich habe schon vor langer Zeit aufgehört, mir diese Fragen zu stellen.
In dem Sommer kursierte das Video, das »Der Teufel von Pig Island« hieß, schon seit zwei Jahren. Eine beunruhigende Sache, ja. Ein genialer Schwindel. Und glauben Sie mir, ich verstehe etwas von Schwindel. Es war an einem sonnigen Vormittag von einem Touristen auf einer feuchtfröhlichen Sightseeingtour auf den Slate Islands gedreht worden, und als es an die Öffentlichkeit kam, tuschelte das ganze Land von Teufelsanbetung und allgemein üblem Kram, der auf dieser abgelegenen Insel vor der Küste Westschottlands im Gange sei. Die Geschichte wäre vielleicht ewig weitergelaufen, aber die geheimniskrämerische religiöse Gruppe, die auf der Insel lebte, die Gemeinde für Psychogenes Heilen, gab der Presse keine Interviews und reagierte auch nicht auf die Vorwürfe. Und da die Geschichte keine weitere Nahrung erhielt, verlor die Öffentlichkeit das Interesse - bis zum August letzten Jahres, als die Sekte nach zwei Jahren plötzlich beschloss, ihr Schweigen zu brechen. Ein auserwählter Journalist durfte sich eine Woche lang auf der Insel aufhalten, wo die Gemeinschaft lebte, und »über die weit verbreiteten Vorwürfe satanistischer Rituale« diskutieren. Und wer war dieser gerissene alte Hund von einem Journalisten? Ich selbst. Joe Oakes. Oakesy für meine Freunde. Der alleinige Architekt des größten Selbstficks der Geschichte.
Haben das alte Video gesehen, was?«, fragte der Hummerfischer. Wir waren uns heute zum ersten Mal begegnet, und ich wusste, er mochte mich nicht. An diesem Abend waren wir nur zu viert im Pub: ich, der Wirt, sein Hund und dieser launische alte Scheißer. Er hockte in der Ecke, an die Holzvertäfelung gelehnt, paffte seine Selbstgedrehten und schüttelte den Kopf, als ich anfing, mich nach Pig Island zu erkundigen. »Sind Sie deshalb hier? Halten sich für'n Teufelsbändiger?«
»Ich halte mich für einen Journalisten.«
»Ein Journalist sogar!«
Er lachte und sah den Wirt an. »Hast du das gehört? Hält sich für'n Journalisten!«
In dem Lokal herrschte die lauernde Atmosphäre, die man in diesen ums Dasein kämpfenden Dorfkneipen manchmal findet - als ob hinter einem der Spielautomaten jeden Augenblick eine Prügelei losgehen könnte, obwohl der Laden fast leer ist. Das Dorf hatte zwei Kneipen, eine für Touristen, mit einem Panoramafenster und Blick auf den Yachthafen, und die hier für die Einheimischen, an einem Küstenpfad unter triefendnassen Bäumen. Fleckige Putzwände, stinkender Teppichboden und vom Seewasser trübe Fenster, die nach Pig Island hinausstarrten, das stumm und dunkel fast zwei Meilen weit draußen vor der Küste lag.
»Die werden Sie nicht auf die Insel lassen«, sagte der Wirt und wischte über seinen Tresen. »Das wissen Sie, oder? Da war seit Jahren kein Journalist mehr auf der Insel. Das sind Irre da draußen auf Pig Island - lassen keine Menschenseele auf die Insel, und schon gar keinen Journalisten.«
»Und wenn sie Sie doch ließen«, sagte der Hummerfischer, »Gott, da würden Sie aber in ganz Craignish keinen finden, der Sie hinbringt. Das werden Sie nicht erleben, dass einer von uns nach Pig Island fährt.« Blinzelnd spähte er durch die Rauchschwaden zum Fenster hinaus zu den dunklen Umrissen der Insel im Zwielicht der Dämmerung. Sein weißer Bart war nikotinfleckig, als hätte er jahrelang hineingesabbert. »Nein. Ich jedenfalls nicht. Ich fahre durch jeden Hexenkessel, auch wenn er noch so mörderisch ist, aber nicht rüber nach Pig Island zum Gottseibeiuns.«
Eins habe ich in achtzehn Jahren in diesem Geschäft gelernt: Es gibt immer jemanden, der aus übernatürlichen Phänomenen seinen Profit zieht. Ich war bereits in Bolton gewesen und hatte den Touristen interviewt, von dem das Video stammte. Er hatte mit dem Schwindel nichts zu tun: ein armes, bierbäuchiges Schwein, das nicht über die Fußballtabellen vom nächsten Samstag hinausgucken, geschweige denn so etwas auf die Beine stellen konnte. Wer also profitierte von dem Pig-Island-Film?
»Denen gehört die Insel, stimmt's?« Ich drehte mein Pint Newcastle Brown in dem feuchten Kringel auf der Theke und betrachtete es gedankenverloren. »Der Gemeinde für Psychogenes Heilen. Das hab ich irgendwo gelesen - sie haben sie in den achtziger Jahren gekauft.«
»Gekauft oder gestohlen - das ist Ansichtssache.«
»War ein ziemlicher Trottel, der Eigentümer.« Der Wirt stützte sich mit beiden Ellbogen auf die Theke. »Ein ziemlicher Trottel. Die Schweinefarm geht pleite, und was macht er? Lässt sämtliche Bauern von Argyll ihre heiklen Chemikalien da draußen abkippen. War am Ende eine Todesgrube, die Insel - Schweine überall, alte Bergwerksschächte, Chemikalien. Schließlich musste er praktisch alles verschenken. Zehntausend Pfund! Da hätten sie ihm die Insel auch stehlen können, das wäre ehrlicher gewesen.«
»Ihnen hier wird das nicht gefallen«, sagte ich in gleichmütigem Ton. »Dass die Leute aus dem Süden heraufkommen und überall Grund und Boden aufkaufen.«
Der Hummerfischer rümpfte die Nase. »Macht uns nichts aus. Was wir nicht akzeptieren, ist, wenn sie Land kaufen, sich dann einschließen und ihre komischen Rituale ausführen. Dann fängt's an, uns zu stören - die verkriechen sich da draußen, treiben's mit dem Teufel, fressen Babys und verpassen sich gegenseitig 'ne ordentliche Tracht Prügel, wenn sie Lust dazu haben.«
»Aye«, sagte der Wirt. »Und dann ist da noch der Geruch.«
Ich sah ihn an und versuchte zu lächeln. »Der Geruch? Von der Insel?«
»Ah!« Er warf sich das Geschirrtuch über die Schulter. »Der Geruch.« Er fischte eine Riesentüte Chips unter dem Tresen hervor, riss sie auf und stopfte sich eine Handvoll in den Mund. »Wissen Sie, was man so sagt? Was der Erkennungsgeruch des Teufels ist? Der Geruch des Teufels ist der Geruch von Scheiße. So ist das. Da können Sie zu jedem da draußen gehen« - er deutete mit einem Chipsfinger zum Fenster, Krümel rieselten wie Konfetti auf sein T-Shirt -, »da draußen auf Jura oder in Arduaine, und die werden Ihnen alle dasselbe sagen. Der Scheißegeruch kommt von Pig Island. Einen besseren Beweis für ihre Rituale gibt es nicht.«
Ich betrachtete ihn nachdenklich. Dann drehte ich mich um und schaute hinaus auf das dunkle Meer. Der Mond stand am Himmel, und Wind war aufgekommen und peitschte die Zweige gegen die Fensterscheiben. Hinter unserem Spiegelbild, hinter dem des Wirts, der unter den Lampen stand, sah ich ein dunkles Loch vor dem Nachthimmel: Pig Island.
»Die machen Sie sauer, was?« Ich versuchte mir die rund dreißig Leute vorzustellen, die da draußen wohnten. »Die machen Sie alle hier gründlich sauer.«
»Das können Sie laut sagen.« Der Wirt kam zum Tisch, setzte sich und legte die Chipstüte vor sich hin. »Sie machen uns gründlich sauer. Sie sind nicht beliebt - nicht, seit sie das hübsche Stückchen Strand an der Südwestseite der Insel eingezäunt haben, sodass die jungen Leute aus Arduaine nicht mehr mit ihren Booten rüberfahren können. Die wollen nur ein bisschen Ball spielen, da auf dem Sand. Herrgott, das braucht man doch nicht so streng zu sehen. Das ist meine Meinung.«
»Nicht gerade ideale Nachbarn.«
»Nein«, sagte er. »Das sind die nicht.«
»Da, wo ich herkomme, gibt's leicht mal eins auf die Nase, wenn einer sich so benimmt.«
»Allmählich verstehen Sie, was ich meine.«
»Ich glaube, ich würde mir in einem solchen Fall überlegen, wie ich denen das Leben schwermachen könnte.«
»Lust dazu hätten wir schon!« Der Wirt lachte. Er leckte sich sorgfältig die Finger ab und strich sich dann damit über die Augen, als müsste er Lachtränen wegwischen. »Das will ich nicht bestreiten. Gute Lust. Vielleicht ein bisschen Paraffin in ihre Getränkeflaschen zu schütten.«
»Wissen Sie, ich an Ihrer Stelle, ich würde - ich würde... ich weiß nicht.« Ich schüttelte den Kopf und schaute zur Decke, als suchte ich nach einer Inspiration. »Ich würde wahrscheinlich versuchen, irgendein... schräges Gerücht zu verbreiten. Ja.« Ich nickte. »Irgendeine Ente in die Welt setzen. Ein paar Geschichten in Umlauf bringen.«
Der Wirt hörte auf zu lachen und rieb sich die Nase. »Wollen Sie damit sagen, dass wir das alles erfinden?«
»Aye. Sie machen sich über uns lustig, was?« Der Hummerfischer beugte sich vor. Er klang plötzlich angriffslustig. »Machen Sie sich lustig? Ist es das, was Sie sagen wollen?«
»Ich will nur sagen, dass es sich ein bisschen merkwürdig anhört.« Mir ernstem Gesicht sah ich abwechselnd ihn und den Wirt an. »Ich meine - Teufelsanbeter? Der Satan am Strand von Pig Island?«
Der Hummerfischer wurde eine Idee blasser. Er drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus, stand auf und richtete sich zu voller Größe auf. Streitsüchtig atmete er ein paarmal tief durch und musterte mich mit unsicherem Blick. »Sagen Sie mir eins, mein Junge. Sind Sie ein Mann, der leicht zu erschrecken ist? Sie sind 'n kräftiger Kerl, aber ich schätze, Sie sind leicht zu erschrecken. Was meinst du?«, fragte er den Wirt. »Ist er das? Ist er ein Mann, der sich in die Hose macht, wenn er was Fieses zu sehen kriegt? Denn für mich sieht er ganz so aus.«
»Warum?« Langsam stellte ich mein Glas hin. »Warum? Was wollen Sie mir denn zeigen?«
»Wenn Sie so schlau sind, dass Sie mir nicht glauben, was ich sage, dann kommen Sie mal mit. Wir werden schon sehen, was für eine Ente wir da in die Welt gesetzt haben.«
Pig Island - oder Cuagach Eilean, wie sie auf Gälisch heißt - liegt in dem kleinen Meeresbecken am Rande des Firth of Lorn, eingefasst wie ein Edelstein zwischen Luing, Jura und der Halbinsel Craignish, als sollte es die Einfahrt in den Sound of Jura blockieren. Die Insel hat eine merkwürdige Form: Von oben sieht sie aus wie eine Erdnuss, bedeckt von Gras und dichtem Wald, durchzogen von einer breiten Felsschlucht. Früher, vor der Schweinefarm und der Giftmülldeponie, war am Südende der Insel ein Schieferbergwerk in Betrieb gewesen; es hatte eine Bergarbeitersiedlung und eine regelmäßig verkehrende Fähre gegeben. Aber als ich dort hinkam, war Pig Island beinahe vollständig abgeschnitten. Einmal in der Woche schickte die Gemeinde für Psychogenes Heilen ein Boot, das Lebensmittel und Material auf die Insel brachte. Das war ihr einziger Kontakt zur Außenwelt.
Ich kannte mich in diesem Teil Schottlands ein bisschen aus; ich hatte von Zeit zu Zeit dies und jenes darüber geschrieben. Aber mein Brotjob war die Entzauberung von Mythen. Eins der Dinge, die einem Liverpooler in die Wiege gelegt sind, ist die Fähigkeit, Bullshit schon an der Farbe zu erkennen, und ich bin von Natur aus ein Skeptiker, ein ausgewachsener ungläubiger Thomas. Ein Agent Scully, ein James Randi, ein hundertprozentiger Ghostbuster. Ich bin um die ganze Welt geflogen und habe Zombies und Chupacabras, philippinische Geistheiler und Riesenkatzen in Bodmin Moor gejagt, und ich habe die Milch, die aus den Brüsten mexikanischer Marienstatuen tröpfelt, in Glasphiolen gesammelt - und im Lauf der Zeit habe ich mir ein dickes Fell zugelegt. Aber selbst ich musste zugeben, dass der Insel der Psychogenen Heiler etwas Sonderbares anhaftete. Wenn man überhaupt an Teufelsanbetung glaubte, lag die Vorstellung nahe, dass sie an einem entlegenen, meerumschlungenen Ort wie Pig Island stattfand. Als wir an jenem Abend holpernd und rumpelnd auf einem finsteren Weg zum Ende der Halbinsel fuhren, ließ ich meinen Blick zu den dunklen Umrissen wandern, und es gab einen Augenblick, da musste ich mich am Riemen reißen, mich nicht wie ein altes Weib zu benehmen.
Der Wirt hatte mich auf den Rücksitz der ramponierten Rostlaube gezwängt, die dem Hummerfischer gehörte. Den Hund hatten wir im Pub zurückgelassen. »Der schwirrt ab wie eine Rakete, wenn er hier rauskommt«, sagte der Wirt, als der Wagen von der Straße herunter auf einen schmalen, schlammigen Strand fuhr. »Irgendwas macht ihn verrückt, und ich will nicht, dass er einen Koller kriegt, bloß weil Sie mir nicht glauben wollen.«
Wir stiegen aus, und ich blieb stehen. Ich war nicht betrunken oder so was, aber im Pub hatte ich doch ein paar Glas Bier getankt, und es tat gut, meine Lunge einen Moment lang mit der Nachtluft zu füllen. Am Strand war es still; in der Luft lag schon ein Hauch von Herbst. Es war nach elf, aber Craignish befand sich so hoch im Norden, dass der Himmel immer noch blau gesäumt war. Es schien, als brauchte man sich nur auf die Zehenspitzen zu stellen und zu schauen, und dann könnte man das Land der Mitternachtssonne hinter dem Horizont erkennen, und vielleicht auch ein Rentier oder einen Eisbären auf einem riesigen Pfefferminzbonbon.
»Sehen Sie das Rohr?« Der Hummerfischer ging in Richtung Süden davon; trotz des Whiskys war sein Gang sicher. Seine alten Schuhe hinterließen schwache Abdrücke im Schlick. Im Mondlicht warf er einen langen Schatten. »Die kleine Leitung da drüben?« Er deutete auf ein Abwasserrohr, das sich dicht am Boden quer über den Strand zog. »Wenn die Bedingungen stimmen - ein ordentlicher Westwind, Ebbe, Springtide -, wird alles von Pig Island hier angeschwemmt, nicht im Loch oder bei Luing, wo man's erwarten würde, sondern hier auf dieser Seite der Halbinsel. Und das meiste verfängt sich auf der anderen Seite des Rohrs.«
Der Wirt hielt sich zurück und sah mich zweifelnd an. Sein Gesicht wirkte im Mondlicht ein wenig verkniffen. Er schlug sich den Kragen hoch, als wäre es plötzlich bitterkalt geworden. »Sind Sie sicher, dass Sie dazu bereit sind?«
»Ja. Wieso nicht?«
»Ist nichts für Zimperliche, was da unter dem Rohr hängt.«
»Ich bin nicht zimperlich«, entgegnete ich und schaute am Strand entlang zu dem Hummerfischer. »Ich habe schon alles gesehen, was man sehen kann.«
Wir gingen eine Zeitlang schweigend; man hörte nur das Rauschen der Wellen, die sich am Strand brachen, und das Klimpern einer Fallleine an einem Boot, das irgendwo draußen auf dem Wasser ankerte. Den Geruch bemerkte ich als Erstes. Schon bevor ich den Hummerfischer an dem Rohr zögernd auf die andere Seite spähen sah, bevor ich sah, wie er den Kopf schüttelte und sich vorbeugte, um in den Sand zu spucken, wusste ich, dass dies so ein Anblick sein würde, bei dem sich mir der Magen umdrehte. Eine dieser Gelegenheiten, bei denen ich mein letztes Glas Bier bereuen würde. Ich atmete tief durch und schluckte, und im Näherkommen klopfte ich meine Taschen ab und hoffte, einen verirrten Kaugummi oder sonst etwas zu finden, das den Geschmack vertreiben würde.
»Schlimmer, was?«, fragte der Wirt und ging auf den Hummerfischer zu. »Ist es schlimmer geworden?«
»Aye - sind noch mehr. Mehr als letzte Woche.«
Ich drückte mir das T-Shirt an die Nase und schaute über das Rohr hinweg auf die andere Seite. Dunkle Umrisse dümpelten und schaukelten in einem gelblichen Schaum. Fleisch. Verwesende Fleischklumpen. In dem Schleim war es unmöglich zu erkennen, wo ein Stück aufhörte und das nächste anfing. Die heranrollenden Wellen drückten sie in den Spalt unter dem Abflussrohr und verhedderten sie in Tangsträhnen. Verwesungsgase blubberten unter aufgeblähten Hautlappen und stiegen in Blasen an die Oberfläche.
»Fuck, was ist das?«
»Schweinefleisch«, sagte der Hummerfischer. »Tote Schweine. Geschlachtet bei einem von diesen Ritualen auf Pig Island und von der Insel herübergeschwemmt.«
»Die Polizei hat's schon gesehen«, erklärte der Wirt, »aber sie hatten keine Lust, was zu unternehmen. Können ja nicht beweisen, wo es herkommt - und überhaupt, ein paar tote Schweine schaden ja niemandem, denken die sich.«
»Tote Schweine?« Ich schaute hinauf zur Mündung des Firth. Der Mond glitzerte auf den silbrigen Spitzen der Wellen, so weit das Auge reichte - bis hinüber nach Pig Island, das um das Ende der Insel Luing lugte, geduckt wie eine dösende Bestie. »Das alles sind tote Schweine?«
»Aye. Das sagen sie wenigstens.« Der Wirt lachte kurz und trocken, als ob die Welt ihn immer wieder in Erstaunen versetzte. »Das sagt die Polizei. Das alles hier ist bloß Schweinefleisch. Aber wissen Sie, was ich denke?«
»Was denken Sie?«
»Ich denke, wenn es um Satansverehrer geht, kann man nie allzu sicher sein.«
Betrachten wir die Fehler, die ich in dieser ganzen Pig-Island-Sache begangen habe. Tja, der erste war, dass ich meine Frau nach Schottland habe mitkommen lassen. Was habe ich mir nur dabei gedacht? Ich musste aufhören, mir deshalb ständig selbst in den Hintern zu treten, denn man muss irgendeinen Weg finden, sich sein bisschen Verstand zu bewahren, und deshalb sage ich: An wem es auch gelegen haben mag, Lexie war mit mir zusammen da. Natürlich wusste ich nicht, dass sie ihre eigenen Gründe dafür, dass sie dabei etwas im Sinn hatte. Ich dachte, sie gehe völlig in ihrem Job auf - Rezeptionistin in einer Londoner Arztpraxis -, sei vernarrt in diese Mediennutte von einem Neurochirurgen, dem der Laden gehörte (Sie merken schon, ich mag ihn nicht). Dass sie aus London weg wollte, war das Letzte, womit ich gerechnet habe. Aber kaum sage ich: »Ich gehe nach Schottland«, ist sie im Netz und sucht nach Ferienhäusern.
Sie fand einen beschissenen Ein-Bett-Bungalow auf der Halbinsel Craignish, der in mein Budget passte. Er war stickig und ungelüftet, und Lexie schlief unruhig. Als ich in jener Nacht vom Strand zurückkam, lag sie schon im Bett, wälzte sich hin und her, wimmerte und boxte in ihr Kopfkissen. Leise legte ich mich dazu und starrte an die Decke. Morgen würde ich auf Pig Island sein. Ich musste mir überlegen, was ich da eigentlich wollte. Ich musste extrem sorgfältig vorgehen. Mich konzentrieren und auf alles vorbereitet sein.
Der Grund dafür, dass mich die Gemeinde für Psychogenes Heilen in ihr Zentrum für Positives Leben auf Pig Island kommen ließ, war das, was mit Eigg passiert war, der kleinen Hebrideninsel fünfzig Meilen weiter nördlich. Das hatten sie zwar nicht gesagt, aber ich wusste es trotzdem. Auf Eigg hatten die Pächter das Geld aufgebracht, um die Insel ihrem Eigentümer abzukaufen. Von überallher hatten sie Spenden gekriegt, aus dem ganzen Land - sogar von der National Lottery. Hatten die vorigen Eigentümer, den alten Schellenberg und den Maler Maruma, einfach rausgekickt. Und wie hatten sie das geschafft? Mit guter Publicity. Ganz einfach. Jemand hatte ihre Geschichte in der ganzen Welt verbreitet. Und dieser Jemand war ich. Ich war da gewesen und hatte mitgeholfen, die Story in die Presse zu bringen. Wie ich die Sache jetzt sah, schlugen sich die Psychogenen Heiler wahrscheinlich mit irgendwelchen rechtlichen Problemen herum, für die sie Geld brauchten. Sie dachten, ich könnte ihnen helfen. Wenn sie gewusst hätten, dass ich schon einmal mit ihrem Gründer, Pastor Malachi Dove, aneinandergeraten war, wenn sie gewusst hätten, dass ich achtzehn Jahre zuvor unter dem Namen Joe Finn einen Artikel über ihn geschrieben hatte, der ihn so stinkwütend machte, dass er versuchte, mich wegen Verleumdung zu verklagen - ich wäre nicht mal in die Nähe von Pig Island gekommen. Aber wie gesagt, ich bin ein gerissener Hund.
Die halbe Nacht lag ich wach und hakte Listen von Equipment ab: MP3-Player, Kamera, Batterien, zweite Speicherkarte für die Kamera, Telefon... Erst gegen drei schlief ich ein, und am nächsten Tag war ich angespannt. Nach dem Frühstück, als ich gepackt hatte und für die Überfahrt nach Pig Island bereit war, klappte ich noch ein letztes Mal den Laptop auf.
Ich hatte nie herausgefunden, was zuerst da gewesen war - die Gerüchte über Satanskult bei der Gemeinde für Psychogenes Heilen oder das Video. Aber als die Öffentlichkeit es zu sehen bekam, entschied man, dass es der Teufel sei, den man da sah - nach Pig Island gelockt durch die satanistischen Rituale der GPH. Ein großer, dampfender Haufen Mist, natürlich, aber sogar ich musste zugeben, dass dieses Video etwas ziemlich Unheimliches hatte.
Zunächst mal waren es keine Trickaufnahmen. Jeder Videospezialist im Land hatte es untersucht. Es hatte jede Prüfung bestanden. Man hatte es Frame für Frame analysiert, aber trotz aller Finessen bei der Untersuchung fand sich kein Haken an der Sache. Wer immer das Ding ausgekocht hatte, er hatte keine Trickfotografie eingesetzt: Irgendetwas war in jenem heißen Juli vor zwei Jahren am Strand der Insel gewesen, das stand fest.
An diesem Morgen spielte ich das Video noch einmal auf meinem Laptop ab. Ich saß vorgebeugt auf der Stuhlkante und konzentrierte mich. Ich hatte es schon tausendmal gesehen und kannte jede Einzelheit. Es fing ziemlich alltäglich an; die Kamera verweilte seewärts auf dem Horizont und wiegte sich sanft mit den Wellen, die das einmotorige Boot auf dem Firth of Lorn schaukeln ließen. Ich schob den Schieberegler des RealPlayers bis zu der Stelle, wo auf dem Boot ein Aufschrei ertönte, genau in dem Augenblick, als ein anderer Tourist etwas sah, das sich auf der Insel bewegte. Ein paar undeutliche Rufe folgten, dann hektische Kamerabewegungen, als der überraschte Tourist seine Videocam zur Seite riss und ein oder zwei erschrockene Gesichter auf dem Boot erfasste, um sie dann quer über das Wasser auf eine verschwommene grünbraune Linie zu richten - das seewärts gelegene Ufer von Pig Island. Jemand dicht neben der Kamera sagte etwas. Die Worte waren völlig unverständlich, weil der Wind über das Mikrofon strich, aber die BBC hatte Untertitel hinzugefügt: »Fuck, was ist das?«
Das war die entscheidende Stelle. Man konnte spüren, wie die Leute auf dem Boot sich neugierig vorwärtsneigten und zum Strand hinüberstarrten, wo eine Kreatur, für die niemand einen Namen hatte, sich schwerfällig durch das Gebüsch am Rand des Wassers bewegte. Sie war ungefähr eins fünfundsiebzig groß. Das hatten die BBC-Techniker anhand von Vergleichsmessungen an Sonne und Bäumen ermittelt. In fast jeder Hinsicht wirkte sie wie ein menschliches Wesen; auf dem Video sah man sie von hinten, von der Taille abwärts, die obere Hälfte lag im Schatten. Aber es war kein Mensch. Etwas baumelte von seinem Steißbein herab. Es war schätzungsweise einen guten halben Meter lang, von dem gleichen verschlissenen Braun wie der Körper - es sah aus wie ein fleischiger Schwanz, der einmal hinten an die Beine des Wesens schlug, als es sich vorwärtsbewegte.
Selbst in diesem stickigen Bungalow, wo die Sonne durch die Panoramafenster schien und große helle Vierecke auf das Muster des schmuddligen Teppichs malte und Lexie ein paar Schritte weiter in der Küche hantierte, beschlich mich ein unbehagliches Gefühl. Ich beugte mich dichter vor den Monitor und starrte auf die braune Wellenlinie des leeren Strandes. Die Kamera war fest auf die Insel gerichtet für den Fall, dass das Wesen noch einmal auftauchen sollte. Volle drei Minuten vergingen, bis der Tourist das Warten aufgab und zu den anderen Männern im Boot zurückschwenkte. Sie standen am Bootsrand, alle vier in Bolton-Wanderers-Shirts, hielten sich an der Querleine fest und starrten schweigend auf die Stelle am Strand, an dem das Wesen aufgetaucht war. Die Leute bei der BBC vermuteten, dass es sich um einen Schauspieler in einem Kostüm handelte. Ihre Videotechniker hatten sich mit dem Bigfoot-Film aus Bluff Creek beschäftigt, und ihrer Ansicht nach wies dieses Video ein paar der gleichen Merkmale auf.

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