Ich muss ehrlich sagen, dass ich schon zu Anfang meine Probleme hatte, wirklich mit der Geschichte warm zu werden, was hauptsächlich zwei Gründe hatte: Zum einen passiert auf den ersten 100 Seiten kaum etwas Nennenswertes ' außer dem Fund des Buches ' , und zum anderen hat die Autorin es bei ihrer Protagonistin etwas zu gut gemeint, was ihre Fähigkeiten und sonstigen Charakterzüge angeht. Darum will ich dieses Mal ausnahmsweise mit den Charakteren anfangen:
Wie bereits angedeutet, ist die Protagonistin Diana Bishop nicht wirklich das, was ich von einer Hauptfigur erwarte. Sie ist hübsch, ausgesprochen intelligent und talentiert in eigentlich fast allem, was sie anfasst. Nicht zu vergessen: Sie ist eine wahre Sportskanone und so nebenbei die mit Abstand stärkste Hexe, die in unserer Zeit existiert. Sie ist überlastet mit positiven Eigenschaften, was ihre 'negativen' Züge nicht einmal ansatzweise wettmachen können; und das macht sie unglaublich unsympathisch in meinen Augen, da Protagonisten meiner Ansicht nach Ecken und Kanten, Fehler und Schwächen haben müssen, um die Leser wirklich zu berühren und sie in ihre Geschichte hineinzuziehen. Das ist leider bei Diana Bishop gar nicht der Fall. Natürlich hat sie ein paar Schwächen, aber da ihre Vorzüge so übertrieben ausgestaltet sind, wirkt sie eher weinerlich und lästig als sympathisch.
Ein Fehler, der der Autorin bei Matthew Clairmont, Gott sei Dank, nicht unterlaufen ist. Er hat Ecken und Kanten und obwohl seine ständige Geheimniskrämerei bisweilen auch etwas ermüdend erscheint, war es doch ein glaubwürdiger Charakterzug an ihm. Es passte zu ihm, zu seiner schweren Vergangenheit und machte ihn daher trotzdem sympathisch ' ganz genauso wie sämtliche Nebencharaktere ihren gewissen Charme ausstrahlen.
Daher ist es umso bedauerlicher, dass ausgerechnet die Protagonistin so aus dem Schema fällt.
Ignoriert man die ersten 100 Seiten ' die, wie erwähnt, einfach Seitenfüller sind und sonst nichts ', eröffnet sich einem dann doch eine einigermaßen ansprechende Geschichte, die mit gewissen Anekdoten und Wendungen einen Spannungsbogen aufzubauen vermag. Was nicht zuletzt dem breitgefächerten Wissensspektrum zu verdanken ist, welches die Autorin in ihren Roman einfließen ließ. Der Leser erfährt etwas über Alchemie, Genetik, Geschichte und vielerlei mehr, was sein Allgemeinwissen bereichern wird. Der Stil der Autorin ist flüssig und lässt sich leicht und ohne größere Schwierigkeiten lesen. Der Wechsel zwischen den Erzählperspektiven war zwar zu Beginn etwas ungewohnt, hat aber schnell einen gewissen Reiz entwickelt, da jeder Perspektivwechsel auch eine neue Atmosphäre geschaffen hat. Auch Dianas 'Überkräfte' sind im mittleren Teil des Romans etwas zurückgetreten und haben das Geschehen kaum gestört. Es ging flüssig, bisweilen mitreißend voran und das Lesen hat Spaß gemacht. Hier ist auch die Kernidee gut zur Geltung gekommen und es war zu erahnen, dass Diana und Matthew erst die Spitze des Eisbergs angekratzt haben. Eine Aussicht auf geballte Spannung und Dramatik, die gegen Ende leider etwas ausgelaufen ist.
Das Ende wiederum hat das Interesse des Lesers wieder zu wecken vermocht, ebenso die Neugierde auf die offenen Fragen, die sich während der Lektüre angesammelt haben.
Positiv zu erwähnen sind aber auch die Dialoge zwischen den Figuren, da diese wirklich viel Witz und Charme versprühen und so auch die etwas langatmigeren Teile mit Leben füllen. Vor allem wenn Matt und Diana verbal aufeinander treffen, ist Abwechslung garantiert. Liefern sie sich doch mal hoch wissenschaftliche Diskussionen, dann wieder zynische Machtkämpfe oder ein kulinarisches Gespräch über den Geschmack von Essen und Wein.
Die entscheidende Frage, die sich nach der Lektüre eines Auftaktbandes immer stellt, ist natürlich die, ob man ' auch wenn der Band wie hier nicht wirklich zu überzeugen vermag ' die Folgebände lesen würde. Und das kann ich mit einem klaren 'Ja' beantworten. Denn obwohl die Geschichte teilweise gravierende Mängel aufweist, sind es vor allem die überwiegend doch wirklich gut gelungenen Dialoge und die wirklich interessante Kernidee, die mich zum Weiterlesen und Mitfiebern veranlasst haben. Und möglicherweise klären ja die Folgebände die teilweise etwas langatmigen Passagen auf, und sorgen so für doppelt so viel Spannung.
Fazit
Da das Buch doch erhebliche Mängel hat, vor allem was die überidealisierte Protagonistin und ihre Superkräfte angeht, ist es sicherlich eine Lektüre, die man sich nicht leichtfertig kaufen sollte, denn wer einen durchweg spannenden Roman erwartet, wird streckenweise doch enttäuscht werden. Wer aber eine klassische, etwas überzogene Romanze sucht, in der viel Tee getrunken, gegessen, geredet und an noch viel mehr Wein gerochen wird, der sollte sich mit einer warmen Decke und einer dampfenden Tasse Tee auf sein Sofa kuscheln und die Geschichte auf sich wirken lassen.