Das mit der Seele ist so eine Sache. Ist sie ein Gas? Ist sie dasselbe wie die Psyche? Ist sie eine kleine, gelbe Kugel? Kann alles sein, für Unentschlossene ist sie zur Durchsicht aber auch auf Tonträger zu haben. Mit ihrem sechsten Album "Die Seele des Menschen unter Superpunk" führen die Hamburg-Berliner "top old boys" ihre schreddelige Definition von Soul fort. Denn, wie Sänger Carsten Friedrichs einstmals zu Protokoll gab: Superpunk würden Soul spielen, wenn sie nur gut genug an ihren Instrumenten wären. Bis heute ist es den fünf Bandmitgliedern offensichtlich nicht gelungen, diesen Malus ausreichend zu bekämpfen – denn Superpunk klingen immer noch wie Superpunk. "Wir werden in diesem Sinne nicht besser", erläutert Bassist Tim Jürgens beim Ortstermin im Prenzlauer Berg. "Wenn es um die Qualitäten irgendwelcher Bass-Koryphäen geht, brauchen wir gar nicht weiterzureden. Das wird nichts mehr. Aber bei Superpunk geht es auch um etwas anderes."
Um was genau, verdeutlicht natürlich der Blick auf die Superpunk’sche Diskographie, die die Band seit jeher weitab vom ölig-körperbetonten Soul der Neuzeit in der norddeutschen Gitarren-Indie-Szene verortet. Klar ist da auch immer dieser nicht zu verleugnende Northern-Soul-Einschlag, aber auch für das aktuelle Album hat sich Songschreiber Friedrichs Inspiration außerhalb der Berliner Radio-Playlisten gesucht: "Man kann sich von Künstlern wie Jonathan Richman gerade textlich eine Scheibe abschneiden", berichtet er durch den Dunst einer Selbstgedrehten. "Ich mag abseitige Themen. Ich mochte auch, wenn die Beach Boys über Autos gesungen haben. Und weil ich lange keinen guten Song über Autos mehr gehört habe, habe ich dann ‚Ford Escort’ geschrieben." Und das, obwohl er gar keinen Führerschein hat. Keine Bodies, sondern Gehirne stehen im Zentrum des Superpunk’schen Klangkosmos. Und so entführt "Die Seele des Menschen…" den Hörer auch nicht in den Klub, wo sich laszive Tänzer aneinander reiben, sondern lieber in die Bibliothek, den Ort an dem niemand über deine Brille lacht.
Und doch sind Superpunk mit ihrer neuen Langspielplatte dem Soul in Zeiten der Seelenlosigkeit wieder ein Schritt näher gekommen. Denn schon der Definition nach sollte die Erhabenheit ihrer Musiksparte ja nicht in professioneller (Pro-Tools) Beat-Perfektion liegen, sondern in ihrer emotionalen Tiefe. Soul im superpunk’schen Sinne lebt vom Fehler. Auch wenn sich die Band mit "Die Seele des Menschen unter Superpunk" und im Gegensatz zu den ersten fünf Alben, auf denen man primär durch genialen Dilettantismus glänzte, fast eine Arbeitsethik zugelegt hat. Bevor nicht zumindest Strophe und Refrain eines Liedes zufriedenstellend zu Papier gebracht wurden, gibt es für Friedrichs während der Songwriting-Phase kein Essen. "Da gab es dann auch Tage, an denen erst Abends warm gegessen wurde", gesteht er. Im Studio wurde dann aber unter der professionellen Anleitung von Bernd Begemann, der auch schon das Superpunk-Debüt "A bisserl was geht immer" produzierte, eine Einführung in musikalische und kulinarische Grundlagen unternommen. Tim Jürgens war als Aus-Berlin-Zugereister von den Fortschritten regelmäßig angetan: "Das war so, als wenn man übers Wochenende wegfährt und wenn man zurückkommt, hat jemand die Wohnung für dich eingerichtet. Sehr schön."
Die Seele einer Band besteht aus vielen Teilen. Manche sehen aus wie Kekse vom Supermarkt, andere wie der Knopf, der deinem Verstärker endlich diesen ’64er-Vintage-Sound entlockt. Wieder andere riechen nach Weißwein am Nachmittag oder klingen nach der Parole für deinen Samstagabend.
INTRO, Juni 2010
Hey, Alter, die neue Superpunk! Das fünfte Studioalbum in gefühlten 127 Jahren, in denen bei aller Lässigkeit nie etwas dem Zufall überlassen wurde und auch jetzt nicht wird. Mit "Die Seele ..." liegt eine schön staubige Produktion des Hamburger Alleskönners Begemann vor.
Der Mut, nach der wirklich großen "Superpunk - Why Not?" überhaupt noch ein weiteres Album zu veröffentlichen, nährt sich nicht aus Verzweiflung, sondern aus der Entschlossenheit, Gevatter Rock'n'Roll auch nach tausend Jahren nicht alt klingen zu lassen. Die Top Old Boys fahren darum auch mal ordentlich Tempo runter und singen bisweilen - ganz neu - mit weiblicher Unterstützung im Duett ("Oh, dieser Sound"). Überraschung, positiv. Verewigen Fahrzeuge von zweifelhaftem Ruf, deren Markenname sich aber schön reimt (mit "Knudsen-Taunus" wäre das nicht gegangen), liebenswert-hilfebedürftige Personen ("Alle lieben dich, Daniela") und beschwören vollmundig die Freude am Untergang des Abendlandes ("Babylon Forever"), auf dass Bob Marley im Grab rotiere. Textlich also wie immer eine Klasse für sich, und wer es bisher mochte und verstand, wird begeistert sein. Musikalisch gesehen sind Superpunk die einzige Band, die wirklich nur nach hinten schaut und sich dabei zielsicher und elegant vorwärtsbewegt. Ein Hauch von Zen, sozusagen. Aber auch das ist ja eine typische Alterserscheinung.
Autor: Armin Bauer