Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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54 von 57 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein Buch für alle, die den Nachmittag des Lebens erreicht haben und sich Gedanken über den Abend machen, 24. August 2008
"Allen rationalen Erwägungen gegenüber unzugänglich, bin ich seit jeher der Überzeugung, dass irgendein nicht näher definierter künftiger Moment kommen wird, wo es vorbei ist mit der ewigen Theaterprobe, die mein Leben ist, aus und vorbei mit all den Fehlinterpretationen, Fehlern und Patzern und wo endlich das wirkliche Drama anfängt", (S. 155f.) notiert der Kunsthistoriker Max Morden in sein Tagebuch. Für Max Morden ist die "Theaterprobe des Lebens" vorbei, als seine Frau Anne an Krebs erkrankt und binnen eines Jahres verstirbt.
Nach Annes Tod will Max Morden niemanden sehen sondern zieht sich in eine kleine Pension an der irischen See zurück, genau an jeden Strand, an dem er als Junge von zehn Jahren in seine Ferien verbrachte. Immer neue Wolkentürme rollen über das Meer heran, mit Regen und Donner, Hundstagen und Nebel erweist sich das Klima als ebenso unbeständig wie die Gefühlslage des unglücklichen Protagonisten, und inmitten dieser wetterbedingten und emotionalen Tiefdruckzone beginnt ein innerer Monolog, in dessen Verlauf Max Morden sich seinen Assoziationen öffnet, ohne zu wissen, wohin ihn seine Erinnerungen führen werden. Natürlich beschäftigen sich seine Gedanken mit seiner Ehe ( "Für all das, was wir nicht waren, haben wir einander verziehen". S. 182), auch mit dem Verlauf der Krankheit und der Sinnlosigkeit des Sterbens (vgl. S. 84) , aber ebenso eingehend entfalten sich die Reminiszenzen an die Familie Grace, mit denen der kleine Max vor ewigen Zeiten an eben diesem Strand psychologisch folgenreiche Ferien verlebt hatte. Die Schilderungen dieser beiden Handlungsstränge, die immerhin ein halbes Jahrhundert trennt, gehen oft relativ abrupt ineinander über, so dass der Leser schon lange vor dem Ende des Buches darüber grübelt, welche Bedeutung diese beiden Ereignisketten miteinander verbindet. Nur so viel sei verraten, der Tod, steht am Ende, ein unbändiges Nichtbegreifen bildet ihren gemeinsamen Nenner, den Rest muss der Leser schon selbst herausfinden.
Zum Welterfolg aber wurde das Buch nicht wegen dieser Handlungskonstruktion sondern wegen seiner seismographischen Sprache, seiner Einfühlungsfähigkeit und der Ehrlichkeit, mit der sich der Autor dem Thema der Endlichkeit wirklich stellt. Wird bei Roth ("Der menschliche Makel"), bei Begley ("Schmidt") oder anderen Großen der Literatur als letztes virile Flackern am Ende des Lebens die Flucht in die Arme einer jungen Frau beschworen, versagt sich Banville diesen wohlfeilen Ausweg. Max Morden bleibt am Rande der See (der Unendlichkeit!)nur der Alkohol, die Verzweifelung und die Erinnerung, von der man das Gefühl hat, dass er sie einfach abspulen muss, um nicht vor Kummer wahnsinnig zu werden.
Zugegeben, das hört sich megatrist an, ist aber in einer Weise literarisch aufgearbeitet, die den Leser von der ersten bis zur letzten Seite in Atem hält. Wer will, kann dieses Buch als ein Art memento mori dafür lesen, was das Leben für jeden von uns bereithält, wenn es zum Finale kommt. Teilweise hat mir davor geschaudert, teilweise waren die Details kaum zu ertragen (etwa die Schilderungen der Krankheitsexzesse auf S. 153), teilweise fand ich in der Genialität und der Prägnanz der Metaphern auch wieder Trost. Ob dieser Trost auch wirken wird, wenn es so weit sein wird, weiß ich natürlich nicht. Ein Buch für alle, die den Nachmittag des Lebens erreicht haben und sich Gedanken über den bald hereinbrechenden Abend machen.
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63 von 68 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Poetisch, lyrisch und was noch?, 15. Juni 2006
Man muss dem Iren John Banville ob seines feinfühligen Sprachgefühls ein großes Lob aussprechen, denn ästhetisch hochwertige Prosa ist eher eine Nischenliteratur und schafft es kaum einmal, mit solcher Präsenz ins kollektive Bewusstsein der Bücherlesenden vorzudringen. Wem das gelingt, dem gelingt es nicht zu Unrecht.
Und so hat der Gewinner des Booker-Prize auch mit "The Sea" wieder einmal bewiesen, dass er auf hohem Niveau und voll von suggestiver Kraft zu schreiben vermag; der Leser stockt bisweilen und möchte hier und da vielleicht ein begeistertes "wow" von sich geben.
Doch in "The Sea" gehen dem Kunst schaffenden Iren allmählich die Themen aus. Dass der Tod der eigenen Frau aufgrund der eigenen Unfähigkeit, mit der Situation fertig zu werden, in eine stille, namenlose Melancholie führt, ist bereits aus dem Vorgänger "Shroud" (dt. "Caliban) bekannt. Der Rückzug ins erinnerungsschwangere Domizil von ehedem war Handlungsmotiv in "Eclipse" (dt. "Sonnenfinsternis"). Und auch Banvilles Charaktere, die sich in selbstgerechter Weise einerseits über die Welt erhöhen, andererseits an ihrem Scheitern an der Welt eine bittere Pille zu schlucken haben, können nun nicht mehr als sonderlich orginell gewertet werden. Max Morden aus "The Sea" unterscheidet sich kaum von Alex Cleave aus "Eclipse", die beiden eigene schöngeistige - aber kühle - Distanz zu ihrer Umgebung ist fast identisch dosiert.
So bleibt neben dem hohen sprachästhetischen Genuss immer wieder die Trübung des Lesegenusses durch die allfällige, Banvilles Werke durchziehende, sehr subtile Aggressivität, den leichten Sadismus und Voyeurismus, die eingestreuten Ästhetik- und Kunstbegriffe und viele weitere Dejavus.
Banvilles Prosa glänzt strahlend, und zwar derart hell, dass man sich kaum trauen möchte, die inhaltlichen Schwächen aufzuzeigen. Daneben wäre es für Bannville an der Zeit, den geschliffenen Monologen seiner Protagonisten mehr psychologischen Tiefgang zu verleihen.
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18 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Sprachartistik für geduldige Leser, 15. Oktober 2006
John Banville ist ohne Zweifel ein großer Sprachartistiker. Die Handlung des Romans, wenn es überhaupt eine Handlung ist, scheint völlig sekundär. Es handelt sich um die Erinnerungen des Kunsthistorikers Max Norden, der sich an seine Kindheit erinnert, an die Ferien am Strand, an seine erste Verliebtheit. Auslöser dieses Bewusstseinsstroms in seine Vergangenheit ist der Tod seiner Frau Anna, die im Krankenhaus an einem Krebsgeschwür gestorben ist.
Die Sprache ist das wesentliche in dem Roman, sie beeindruckt nicht nur, der Leser fließt über so viele betörend schöne Textstellen dahin, dass ich den Roman unbedingt weiter empfehlen möchte. Doch leider, dass muss auch gesagt werden, wird die Konzentration des Lesers zeitweise sehr stark beansprucht. Da habe ich den Eindruck, dass die Wortmalerei manchmal doch zu sehr auf die Kosten eines Lesegenusses aufgedröhnt wird. Da sagt z.B. die Tochter Du bist nicht der Einzige, der leidet.. Der Vater entgegnet darauf erst eine Buchseite später. Banville geht erzählerisch sehr ins Detail, wendet sich gelegentlich vom Thema ab und kehrt wieder zurück. Für sehr gelungen halte ich, wie der Autor mit den verschiedenen Zeitebenen hantiert.
Max Norden leidet an der Vergänglichkeit, das Leben ist zerbrechlich wie ein Ei. Dass er nach dem Tod seiner Frau keine Zukunftsperspektiven mehr sieht, erschließt sich aus seiner Aussage, dass er einem Hotelzimmer lieber ein Krankenzimmer vorzieht. Sie sind gegangen, die Götter, am Tag dieser eigentümlichen Flut., so beginnt dieser Roman. In seinen Erinnerungen versucht er die Zeit seiner pubertären Wirren zu gegenwärtigen, die Zeit, die so schön und auch verwirrend grausam war.
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