Ja, man liest das Büchlein "Die Schwestern" schnell durch. Was bei den überschaubaren 100 Seiten auch nicht schwer fällt. Im extra für die deutsche Ausgabe geschriebenen neuen Vorwort (im April 2010 von Ketchum verfasst) der im Original bereits 2003 erschienenen Novelle "Die Schwestern/The Crossing" weißt der Autor darauf hin, welche Wandlung die Horror-Western-Kurzgeschichte in mehreren Überarbeitungsversionen genommen hat. So war sie beispielsweise mal als Filmdrehbuch, mal wieder "nur" als Novelle konzipiert.
Ketchum erzählt - wie schon im derben Klassiker "Evil" - eine auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte. Im Westernsetting geht es um Menschenraub und -handel (ausgeführt von den titelgebenden Schwestern), ein paar Outlaws, Massenvergewaltigungen und den Versuch der ausgleichenden Gerechtigkeit. Das Westernthema ist neu im Oeuvre Ketchums, seine drastischen Schilderungen des Geschehens wiederum nicht.
Im Anschluss an die Novelle ist noch ein von Christian Endres mit Jack Ketchum geführtes Interview (das in Auszügen bereits in der Genre-Zeitschrift "phantastisch!" erschienen ist) abgedruckt. Als weiteres Bonusmaterial geht Endres in einem Essay noch auf Ketchums Vita ein und berichtet, wie es zu der eher ungewöhnlichen Zusammenarbeit des Erfolgsautoren mit dem Kleinverlag Atlantis kam, bei dem "Die Schwestern" ja erschienen ist.
Alles in allem ein solider Band. Der recht hohe Preis ist dem Faktor geschuldet, dass dieses Buch nicht bei Heyne, sondern eben einem Kleinverlag mit ganz anderen finanziellen Mitteln erschienen ist. Leider krankt auf der anderen Seite "Die Schwestern" auch an typischen Kleinverlag- oder Eigenverlagschwächen. Die Übersetzung ist streckenweise etwas holprig ausgefallen, manch ein Satz hätte im Deutschen noch etwas Feinschliff vertragen. Auch wurde nicht besonders sorgfältig editiert und korrigiert. So schleichen sich falsche eingestrichene Abführungszeichen ein, und manch ein langer Satz verliert sich in falscher Grammatik. Hier ein Beispiel aus dem Endres-Essay am Buchende: "Diese Maxime des großen Regisseurs Akira Kurosawa scheint das einzige Rüstzeug zu sein, das Dallas und seine Leser haben, wenn der Herr über das auf schockierende Weise im Alltag - von Touristen, von Rentnern, von kleinen Mädchen, von geschiedenen Müttern und Revolverhelden - verwurzelten Grauens uns mit auf die Reise in den Abgrund menschlicher Abscheulichkeiten nimmt." Bei ordentlichem Korrektorat hätte sich hier sicher kein unnötiger Genitiv eingeschlichen. Und der Leser hätte beim Versuch die Aussage zu verstehen, den Satz nicht mehrmals rezipieren müssen. Auch das Kursivstellen wörtlicher Rede (die laut Endres so aber mit Ketchum abgesprochen war) macht das Lesen von "Die Schwestern" etwas holprig.
Alles in allem ein typischer Ketchum in ungewöhlichen Sujet mit kleinen editorischen Schwächen. Vier Sterne sind hierfür mehr als gerechtfertigt.