Es war im Sommer 2004, dass ich mir die "Die Schwester" von Malgorzata Saramonowicz gab. Doch kapiert habe ich es nicht. Schon gleich zu Beginn, dieses ... "Geht weg. Was wollt ihr? Ihr glotzt. Ich höre euch. Es wirbelt so. Wieder rundherum. Haltet lieber an. Haltet ganz einfach an. Man darf mich nicht berühren. Im Kreis, im Kreis. Sie klatschen in die Hände. Jungen, Mädchen. Das Karussell wartet. Immer schneller. Schneller. Es ruft uns von weitem. Wann ist es geschehen? Gestern? Vor langer Zeit? Vor sehr langer Zeit. Jenseits der Zeit. Zwischen den Minuten. Zwischen den Buchstaben. Ich zerrinne."
... so soll man verstehen um was es geht. Moderne Prosa!? - Und dabei war "Die Schwester" ihrerzeit in Polen innerhalb weniger Tage ausverkauft - das war 1996, "erinnern Sie sich an diese Geschichte in einem deutschen Krankenhaus vor etwas drei Jahren? Man hielt die Schwangerschaft einer toten Frau aufrecht. Ein reines Experiment ..."
Es geht in dem Roman um Maria, die ins Koma fällt, als sie hörte, dass sie schwanger ist. Die Ärzte wollen - um ihr Leben zu retten - das Kind abtreiben, doch ihr Mann Jakub, der Philosoph (der "Philosophenmann denkt nur. Er vollbringt nichts. Er findet den goldenen Apfel nicht"), spricht sich dagegen aus. Er fängt an, über die Ursachen dieser Ohnmacht nachzuforschen, und findet schon bald heraus, dass er über Maria, seine Ehefrau, die er zu kennen glaubt, rein gar nichts weiß. Im Verlaufe seiner Suche überkommt ihn das Gefühl, dass er einer ziemlich dunklen Sache auf den Grund geht. Mit jeder weiteren Bewegung macht Jakub weitere unheimliche Entdeckungen.
Mag ja sein, dass das Buch in Polen reingehauen hat, als Provokation empfunden oder gar als kirchenkritische Gesellschaftssatire gesehen wurde, wie mal jemand vermutet hat - jedoch dem Rezensenten hat die Geschichte absolut nicht zugesagt. Denn irgendwann war man bei Gewürm und anderem Ungeziefer angelangt. David Cronenbergs Film "Naked Lunch", der ebenfalls nicht gefallen hat, lässt grüßen. Und die Bestätigung durch Saramonowicz kam auch prompt: "Cronenberg verband seine Ahnungen mit dem, was William Burroughs gewusst hatte, und schuf ein Werk, das durch die Masken der Falschheit vordringt und die Wahrheit fast berührt. ... - Alle waren sie anormal. Die Schriftsteller bedienten sich kranker Symbole. Und die Regisseure trieben es bis in den Wahnsinn."
Malgorzata Saramonowicz, 1964 in Warschau geboren, ist eine gutaussehende, schöne Schriftstellerin. [Was hat diese Aussage hier und jetzt verloren? Jedenfalls erinnern mich Fotos aus jenen Tagen, als das Buch erschien, sehr an Juliette Binoche in "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins".] Was hat die Saramonowicz nur zu diesem Roman bewogen? Und wenn schon, warum hält sie alles so im diffusen?
Die Frauenpsyche sei es, der sich Malgorzata Saramonowicz in ihrer Prosa annimmt, "allerdings nicht in der Konfrontation mit banalen Alltagssituationen, sondern unter der Belastung einer extremen Herausforderung", wie Marta Kijowska im Juni 2002 in der ZEIT-Literaturbeilage schrieb, und sieht deutliche Kafka-Bezüge in "Die Schwester". Noch schöner bringt es die polnische Tageszeitung Gazeta Wyborcza zum Ausdruck: "Wenn Edgar Allan Poe eine Tochter gehabt hätte und diese Tochter auch eine Tochter und jene Tochter ebenfalls eine Tochter, dann könnte man sich besser die Herkunft von Malgorzata Saramonowicz erklären."
"Die Grabwespe" - Gott sei Dank nicht Biene Maja - "hebt eine Kammer aus und schleppt eine mit Gift betäubte Schmetterlingsraupe dorthin, die dort noch ein paar Wochen lebt und den Larven so dauernd frische Nahrung bietet. ... - Dass bei dem Borkenkäfer Miastor im Körper der Mutterlarve eine parthenogenetische Teilung der Eizellen stattfand. Wenn die Larve sich mit der Masse der Nachkommen angefüllt hatte, dann kommen diese zur Welt, indem sie den Körper ihrer Mutter zum Platzen bringen."
Da lobe ich mir doch den jungen Stephen King. Da wusste ich immer genau, über was ich mich grusele. - Oder Roman Polanski, dessen Rosamarys Baby die polnische Autorin nicht umhin zu kommen meint, kurz zitieren zu müssen: "... als er plötzlich ein unangenehmes Parfüm roch. 'Rosemary's Baby' ..."
Interessant der Gedanke: "Adam und Eva - Die ersten schuldlosen Opfer der Lüste Gottes", so die Überschrift. "Gott berief seine Kinder aus dem Nichtsein. (...) Die Menschheit wäre auf ewig schuldlos geblieben, hätte er nicht das Gift der Gleisnerei in ihr Herz rinnen lassen. (...) / Dennoch, der Konsequenzen nicht eingedenk - aßen sie. (...) Und Eva sah, dass der Vater über ihren Leib und ihre Seele gebieten wollte. (...) Adam und Eva aßen die Früchte des Baumes, und ihnen fielen die Schuppen von den Augen. Sie erkannten, dass sie nackt waren. Und so brach die Geschichte der nackten, erniedrigten Menschheit an." Naked Lunch im Paradies.
Vielleicht habe ich das Buch ja auch nur deshalb nicht verstanden ... weil ich ein Mann bin.