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Die Schwerter des Tiberius: Roman
 
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Die Schwerter des Tiberius: Roman [Taschenbuch]

Iris Kammerer
4.2 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (30 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

"Ein ergfreifendes Epos über die Würde des Menschen, verlorene Ehre und eine große Liebe." (Brigitte )

Kurzbeschreibung

Die Rückkehr der römischen Wölfe

11 n. Chr.: Die Römer sind aus weiten Teilen Germaniens vertrieben. Seit seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft muss sich Gaius Cinna im römischen Heer neu behaupten. Als Unterhändler für Tiberius, den Erben des Augustus, trifft er erneut auf seinen Erzfeind Arminius, den Anführer der Aufständischen.

Bald wird Cinna in den eigenen Reihen verdächtigt, mit dem Feind gemeinsame Sache zu machen. Als es zur Meuterei kommt, ist plötzlich auch das Leben seiner Frau Sunja in größter Gefahr.

Klappentext

"Ein ergfreifendes Epos über die Würde des Menschen, verlorene Ehre und eine große Liebe."
Brigitte

Über den Autor

Iris Kammerer, 1963 in Krefeld geboren, arbeitete nach dem Studium der Klassischen Philologie und Philosophie als Texterin, Redakteurin und Beraterin. Seit 2004 ist sie freie Autorin. Bisher erschien die erfolgreiche Trilogie um den römischen Offizier Cinna ("Der Tribun", "Die Schwerter des Tiberius" und "Wolf und Adler") sowie der im Mittelalter angesiedelte Roman "Der Pfaffenkönig". Iris Kammerer lebt zusammen mit ihrem als Sachbuchautor tätigen Mann Helmut Kammerer in Marburg.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Das Licht der schräg stehenden Sonne funkelte und tanzte auf den Wellen des Rhenus, der sich träge durch die Ebene wälzte. Schnaubend wühlte der graue Hengst mit einem Vorderhuf das Wasser auf, als Hufschlag über den Ufersand dröhnte. Gaius Cornelius Cinna drehte sich im Sattel um; vier Turmen ubischer Reiterei ordneten sich zu Zügen hinter ihren Standartenträgern, setzten auf einen knappen Befehl hin fast gleichzeitig ihre Pferde in Bewegung. Ein zweiter Ruf, eine Drehung der Wimpel, und sie schwärmten zu vier Reihen aus. Wurfspieße pfiffen durch die Luft, während sie in gestrecktem Galopp an Cinna vorüberdonnerten. Als sie die mannshohen Strohpuppen erreichten, blitzten Schwertklingen, und Halme stoben auf, wo die Figuren zu Boden fielen.
Mit der Linken beschattete Cinna die Augen und strich mit der anderen Hand über den Mähnenkamm seines Pferdes. Er hörte Rufe, Gelächter, einige der Reiter trommelten mit den Schwertern auf den runden Schilden. Der Decurio, der die Übungsbahn auf seinem Falben querte, grinste breit.
»Die Männer sind bestens vorbereitet, Praefect Cinna!«, rief er herüber. »Der Feldzug kann beginnen!«
Cinna nickte zur Erwiderung, trieb den Grauen aus dem Wasser, in dem dieser seine Fesseln kühlte, und lenkte ihn über den Sand zur Böschung, wo einige Pferdeburschen die Köpfe zusammensteckten. Ein Pfiff genügte, sie auf ihn aufmerksam zu machen; einer der jungen Burschen ergriff die Zügel, als Cinna das Bein über den Hals des Pferdes schwang und zu Boden glitt. Erst jetzt bemerkte er den Centurio, der mit verschränkten Armen näher kam, den großen, knotigen Weinstock, Abzeichen seines Ranges, unter die rechte Achsel geklemmt. Die Miene des Mannes verhieß nichts Gutes. Nachdem er gegrüßt hatte, schob er die Füße ein wenig auseinander, der Stock glitt an seiner Seite herab, bis er fast den Boden berührte, und pendelte sacht gegen seine Wade.
»Praefect, ich bin immer noch unzufrieden mit der Kampfbereitschaft der Barbaren.«
Eggius’ nachtschwarze Augen erschienen seltsam matt, als starre er durch Cinna hindurch.
»Außerdem mangelt es ihnen an Willigkeit«, fügte er hinzu und räusperte sich umständlich.
Cinna musterte den Centurio mit hochgezogenen Brauen. Marcus Eggius diente als zweithöchster Offizier in dieser Truppe, einer fünfhundert Mann starken Cohorte, bestehend aus Fußtruppen und einheimischer Reiterei; im Vorfrühling hatte Cinna bei der Siedlung der Ubier den Befehl über diese Einheit übernommen. Das schien Eggius nicht sonderlich gefallen zu haben, doch bislang hatte er seinem neuen Vorgesetzten den schuldigen Respekt gezollt.
»In diesen Gegenden ist es notwendig, Praefect, dass die Soldaten auch bei schlechtem Wetter kämpfen können, aber diese Männer haben keine Disziplin. Leider ist es zu spät, das noch zu ändern, bevor wir übermorgen aufbrechen.«
Eine Bewegung zog Cinnas Aufmerksamkeit auf sich; auf der Böschung stand eine Frau, eng in ein blaues Manteltuch gehüllt, das sie über den Kopf gezogen hatte. Seine Frau, Sunja. Er spürte, dass sich ein Lächeln in seine Mundwinkel schlich, und grub die Zähne in die Unterlippe, um es zu verbergen, weil auch Eggius seinem Blick gefolgt war.
»Wir reden später darüber«, beschwichtigte er den Centurio und machte sich auf den Weg die Böschung hinauf, deren Kamm er mit wenigen großen Schritten erreichte. Sunja blickte an ihm vorbei, und als sie die Schultern hochzog, wie um sich zu wappnen, drehte er sich um. Eggius war ihm gefolgt.
»Was gibt es denn noch? Verweigern die Männer etwa den Gehorsam?«
Die knotigen Finger des Centurios umkrampften den Weinstock. Der bittere Schatten, der sich in seine Mundwinkel grub, war leicht zu deuten; auch Cinna hatte Berichte über Varus’ Niederlage gelesen, über den endlosen Regen, der das ohnehin schwierige Gelände in glitschigen Schlamm verwandelt hatte. Auch er konnte sich an den Regen erinnern, der unaufhörlich auf einem steilen Strohdach gerauscht hatte – das Dach, unter dem er gelegen hatte, verwundet und verschleppt, während sich Varus’ Heereswurm durch die Sümpfe gewühlt hatte, von Meuterern und Aufständischen angefallen wie von blutgierigen Wieseln.
Marcus Eggius’ Bruder, hochdekorierter Lagerpraefect unter Publius Varus, war in jenen Tagen gefallen.
»Einige meiner Soldaten beschweren sich, dass die Barbaren bummeln, dass sie nicht nur Waffen und Rüstung verkommen lassen, sondern auch die Latrinen«, knurrte der Centurio.
»Ich nehme an, dass immer dieselben Männer zu dieser niedrigen Aufgabe abkommandiert werden.«
»Es ist völlig gleichgültig, welche von diesen Kerlen man dazu abkommandiert! Die Barbaren haben keine Disziplin, sie sind schlampig, schmutzig und verlogen, und sie kennen weder Treue noch Gehorsam. Sie unterscheiden sich in nichts von ihren Brüdern jenseits des Rhenus. Sie sind eine Bande von meineidigen Aufrührern, faul und blöde ohne jede Ausnahme. Meine Soldaten hungern nach diesem Krieg, Praefect! Wie jeder, der ein wahrhaft römischer Mann ist und in Treue zu Senat und römischem Volk steht! Wir werden aufräumen dort drüben – darauf kannst du dich verlassen.«
Cinna starrte ihn an, und das Blut pochte in seinen Schläfen. »Ich zweifle nicht an deiner Treue zu Senat und römischem Volk, wohl aber an deiner Achtung vor deinem befehlshabenden Offizier.«
Der Centurio stieß einen Finger in Cinnas Richtung, zuckte dann zurück. »An meiner Achtung muss kein Offizier zweifeln, der selbst ein wahrhaft römischer Mann ist und in Treue zu Senat und römischem Volk steht.«
Er verharrte bewegungslos, einen Schritt von Cinna entfernt, der dank der Steigung auf ihn hinabsah.
»Dann sind wir uns ja einig«, presste Cinna hervor, ehe er ihn mit einem schroffen Wink des Handrückens entließ und mit wehendem Umhang herumfuhr.
Sunjas Züge schienen wie aus Marmor gemeißelt, während ein paar feine helle Strähnen um ihre Wangen schwebten. Den Korb presste sie fest an den Körper, und die Schultern hoben und senkten sich langsam. Aus dem blauen Manteltuch lugten kaum mehr als Gesicht und Hände hervor. Die beiden Posten, die ihr überallhin folgten, hatten sich in einigem Abstand aufgepflanzt und stierten ins Leere.
Cinna vermied es, ihre Miene zu deuten. Sie schaute ihn nicht an, und die Lippen bildeten eine schmale Linie. Er hob die Hand und berührte ihre Wange. In seinen Fingern bebte noch der Zorn über Eggius’ ruppige Worte, die auch sie beleidigt haben mussten. Sie blieb unbewegt, schmiegte nicht, wie sonst, die Wange in seine Hand.
»Warst du auf dem Markt?«
Zögernd bewegte sie den Kopf von einer Seite zur anderen, zog mit zwei Fingern das Tuch, das zuoberst im Korb lag, beiseite, legte dicke, fest gewebte Lagen dunkelgrüner Wolle frei.
»Du bist fertig mit dem Mantel?«
Als sie seinen fragenden Blick mit einem auffordernden Nicken erwiderte, löste er die Fibel an der Schulter, dass der Umhang zu Boden glitt, nahm den Stoff aus dem Korb und schlug ihn auseinander, um ihn sich über die Schultern zu werfen. »Wie machst du das? Alle Welt glaubt, ich sei ein reicher Mann.«
Stirnrunzelnd setzte sie den Korb ab und musterte das Ergebnis, zupfte die Falten zurecht und befestigte sie mit der Fibel. Er umschloss ihre Hand mit seiner, führte sie an die Lippen, die flüchtig die warme Innenfläche streiften, und spürte die Fingerspitzen kalt an seiner Schläfe.
»Sie hassen uns«, flüsterte sie.
Verdutzt hob er den Kopf.
»Die Soldaten«, fügte sie hinzu.
»Das ist Unsinn. Niemand hasst euch.« Er wusste, dass sie nicht ihn meinte, sondern sich selbst und ihre kleine Schwester, die sich ebenso in seiner Obhut befand. »Ihr seid liebenswert, Saldir und du. Siehst du nicht, wie aufmerksam Vestrius darum bemüht ist, die wenige dienstfreie Zeit darauf zu verwenden, Saldir eine schöne Schrift beizubringen?«
»Hast du es nicht gehört? Für sie sind wir die Töchter und Schwestern von Meuterern und Verrätern.«
Sie hatte die Hand...

Auszug aus Die Schwerter des Tiberius. von Iris Kammerer. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Das Licht der schräg stehenden Sonne funkelte und tanzte auf den Wellen des Rhenus, der sich träge durch die Ebene wälzte. Schnaubend wühlte der graue Hengst mit einem Vorderhuf das Wasser auf, als Hufschlag über den Ufersand dröhnte. Gaius Cornelius Cinna drehte sich im Sattel um; vier Turmen ubischer Reiterei ordneten sich zu Zügen hinter ihren Standartenträgern, setzten auf einen knappen Befehl hin fast gleichzeitig ihre Pferde in Bewegung. Ein zweiter Ruf, eine Drehung der Wimpel, und sie schwärmten zu vier Reihen aus. Wurfspieße pfiffen durch die Luft, während sie in gestrecktem Galopp an Cinna vorüberdonnerten. Als sie die mannshohen Strohpuppen erreichten, blitzten Schwertklingen, und Halme stoben auf, wo die Figuren zu Boden fielen.
Mit der Linken beschattete Cinna die Augen und strich mit der anderen Hand über den Mähnenkamm seines Pferdes. Er hörte Rufe, Gelächter, einige der Reiter trommelten mit den Schwertern auf den runden Schilden. Der Decurio, der die Übungsbahn auf seinem Falben querte, grinste breit.
»Die Männer sind bestens vorbereitet, Praefect Cinna!«, rief er herüber. »Der Feldzug kann beginnen!«
Cinna nickte zur Erwiderung, trieb den Grauen aus dem Wasser, in dem dieser seine Fesseln kühlte, und lenkte ihn über den Sand zur Böschung, wo einige Pferdeburschen die Köpfe zusammensteckten. Ein Pfiff genügte, sie auf ihn aufmerksam zu machen; einer der jungen Burschen ergriff die Zügel, als Cinna das Bein über den Hals des Pferdes schwang und zu Boden glitt. Erst jetzt bemerkte er den Centurio, der mit verschränkten Armen näher kam, den großen, knotigen Weinstock, Abzeichen seines Ranges, unter die rechte Achsel geklemmt. Die Miene des Mannes verhieß nichts Gutes. Nachdem er gegrüßt hatte, schob er die Füße ein wenig auseinander, der Stock glitt an seiner Seite herab, bis er fast den Boden berührte, und pendelte sacht gegen seine Wade.
»Praefect, ich bin immer noch unzufrieden mit der Kampfbereitschaft der Barbaren.«
Eggius' nachtschwarze Augen erschienen seltsam matt, als starre er durch Cinna hindurch.
»Außerdem mangelt es ihnen an Willigkeit«, fügte er hinzu und räusperte sich umständlich.
Cinna musterte den Centurio mit hochgezogenen Brauen. Marcus Eggius diente als zweithöchster Offizier in dieser Truppe, einer fünfhundert Mann starken Cohorte, bestehend aus Fußtruppen und einheimischer Reiterei; im Vorfrühling hatte Cinna bei der Siedlung der Ubier den Befehl über diese Einheit übernommen. Das schien Eggius nicht sonderlich gefallen zu haben, doch bislang hatte er seinem neuen Vorgesetzten den schuldigen Respekt gezollt.
»In diesen Gegenden ist es notwendig, Praefect, dass die Soldaten auch bei schlechtem Wetter kämpfen können, aber diese Männer haben keine Disziplin. Leider ist es zu spät, das noch zu ändern, bevor wir übermorgen aufbrechen.«
Eine Bewegung zog Cinnas Aufmerksamkeit auf sich; auf der Böschung stand eine Frau, eng in ein blaues Manteltuch gehüllt, das sie über den Kopf gezogen hatte. Seine Frau, Sunja. Er spürte, dass sich ein Lächeln in seine Mundwinkel schlich, und grub die Zähne in die Unterlippe, um es zu verbergen, weil auch Eggius seinem Blick gefolgt war.
»Wir reden später darüber«, beschwichtigte er den Centurio und machte sich auf den Weg die Böschung hinauf, deren Kamm er mit wenigen großen Schritten erreichte. Sunja blickte an ihm vorbei, und als sie die Schultern hochzog, wie um sich zu wappnen, drehte er sich um. Eggius war ihm gefolgt.
»Was gibt es denn noch? Verweigern die Männer etwa den Gehorsam?«
Die knotigen Finger des Centurios umkrampften den Weinstock. Der bittere Schatten, der sich in seine Mundwinkel grub, war leicht zu deuten; auch Cinna hatte Berichte über Varus' Niederlage gelesen, über den endlosen Regen, der das ohnehin schwierige Gelände in glitschigen Schlamm verwandelt hatte. Auch er konnte sich an den Regen erinnern, der unaufhörlich auf einem steilen Strohdach gerauscht hatte - das Dach, unter dem er gelegen hatte, verwundet und verschleppt, während sich Varus' Heereswurm durch die Sümpfe gewühlt hatte, von Meuterern und Aufständischen angefallen wie von blutgierigen Wieseln.
Marcus Eggius' Bruder, hochdekorierter Lagerpraefect unter Publius Varus, war in jenen Tagen gefallen.
»Einige meiner Soldaten beschweren sich, dass die Barbaren bummeln, dass sie nicht nur Waffen und Rüstung verkommen lassen, sondern auch die Latrinen«, knurrte der Centurio.
»Ich nehme an, dass immer dieselben Männer zu dieser niedrigen Aufgabe abkommandiert werden.«
»Es ist völlig gleichgültig, welche von diesen Kerlen man dazu abkommandiert! Die Barbaren haben keine Disziplin, sie sind schlampig, schmutzig und verlogen, und sie kennen weder Treue noch Gehorsam. Sie unterscheiden sich in nichts von ihren Brüdern jenseits des Rhenus. Sie sind eine Bande von meineidigen Aufrührern, faul und blöde ohne jede Ausnahme. Meine Soldaten hungern nach diesem Krieg, Praefect! Wie jeder, der ein wahrhaft römischer Mann ist und in Treue zu Senat und römischem Volk steht! Wir werden aufräumen dort drüben - darauf kannst du dich verlassen.«
Cinna starrte ihn an, und das Blut pochte in seinen Schläfen. »Ich zweifle nicht an deiner Treue zu Senat und römischem Volk, wohl aber an deiner Achtung vor deinem befehlshabenden Offizier.«
Der Centurio stieß einen Finger in Cinnas Richtung, zuckte dann zurück. »An meiner Achtung muss kein Offizier zweifeln, der selbst ein wahrhaft römischer Mann ist und in Treue zu Senat und römischem Volk steht.«
Er verharrte bewegungslos, einen Schritt von Cinna entfernt, der dank der Steigung auf ihn hinabsah.
»Dann sind wir uns ja einig«, presste Cinna hervor, ehe er ihn mit einem schroffen Wink des Handrückens entließ und mit wehendem Umhang herumfuhr.
Sunjas Züge schienen wie aus Marmor gemeißelt, während ein paar feine helle Strähnen um ihre Wangen schwebten. Den Korb presste sie fest an den Körper, und die Schultern hoben und senkten sich langsam. Aus dem blauen Manteltuch lugten kaum mehr als Gesicht und Hände hervor. Die beiden Posten, die ihr überallhin folgten, hatten sich in einigem Abstand aufgepflanzt und stierten ins Leere.
Cinna vermied es, ihre Miene zu deuten. Sie schaute ihn nicht an, und die Lippen bildeten eine schmale Linie. Er hob die Hand und berührte ihre Wange. In seinen Fingern bebte noch der Zorn über Eggius' ruppige Worte, die auch sie beleidigt haben mussten. Sie blieb unbewegt, schmiegte nicht, wie sonst, die Wange in seine Hand.
»Warst du auf dem Markt?«
Zögernd bewegte sie den Kopf von einer Seite zur anderen, zog mit zwei Fingern das Tuch, das zuoberst im Korb lag, beiseite, legte dicke, fest gewebte Lagen dunkelgrüner Wolle frei.
»Du bist fertig mit dem Mantel?«
Als sie seinen fragenden Blick mit einem auffordernden Nicken erwiderte, löste er die Fibel an der Schulter, dass der Umhang zu Boden glitt, nahm den Stoff aus dem Korb und schlug ihn auseinander, um ihn sich über die Schultern zu werfen. »Wie machst du das? Alle Welt glaubt, ich sei ein reicher Mann.«
Stirnrunzelnd setzte sie den Korb ab und musterte das Ergebnis, zupfte die Falten zurecht und befestigte sie mit der Fibel. Er umschloss ihre Hand mit seiner, führte sie an die Lippen, die flüchtig die warme Innenfläche streiften, und spürte die Fingerspitzen kalt an seiner Schläfe.
»Sie hassen uns«, flüsterte sie.
Verdutzt hob er den Kopf.
»Die Soldaten«, fügte sie hinzu.
»Das ist Unsinn. Niemand hasst euch.« Er wusste, dass sie nicht ihn meinte, sondern sich selbst und ihre kleine Schwester, die sich ebenso in seiner Obhut befand. »Ihr seid liebenswert, Saldir und du. Siehst du nicht, wie aufmerksam Vestrius darum bemüht ist, die wenige dienstfreie Zeit darauf zu verwenden, Saldir eine schöne Schrift beizubringen?«
»Hast du es nicht gehört? Für sie sind wir die Töchter und Schwestern von Meuterern und Verrätern.«
Sie hatte die Hand zurückgezogen, ihr Blick schien sich an seinen Augen festzuklammern. »Bitte sorge dafür, dass Saldir und ich nicht innerhalb der Lagermauern wohnen müssen, während du fort bist.«
Ihre Lippen zitterten, und die Worte passten nicht zu ihrer tonlosen Stimme, als hätte sie sich alles schon vor langer Zeit zurechtgelegt.
»Wenn ihr außerhalb der Mauern wohnt, kann euch niemand beschützen.«
Sie warf den Kopf zurück, so dass für einen Augenblick die beherrschte Maske fiel, ihre hellgrünen Augen blitzten. »In Sicherheit? Ist es das, was ich glauben soll, wenn ich in Begleitung zweier Soldaten auf den Markt oder zu den Wäscherinnen gehe und die Soldaten mich anstarren? Du hast doch gehört, was dieser Mann über jeden ... Barbaren denkt - also auch über mich!«
»Vergiss Eggius! Er ist verbittert, das ist alles. Ich werde ihm die passende Antwort geben, das verspreche ich dir.« Nochmals ergriff er ihre Hand, drückte sie leicht. »Du bist die Frau eines Offiziers, du kannst nicht irgendwo in den Dörfern wohnen.«
»Was soll mir denn da draußen zustoßen, das mir nicht ebenso gut im Lager zustoßen könnte?«
»Darum geht es nicht. Die Leute reden ...«
»Sie reden ohnehin, es macht keinen Unterschied.« Wieder glommen ihre Augen auf, diesmal grub sich sogar ein schwaches Lächeln in ihre Mundwinkel. »Als du fort warst, konnte ich das Lager nicht verlassen, ich konnte eigentlich nicht einmal aus dem Haus gehen. Ich war eine Gefangene. Und Saldir ebenso.«
Gedankenverloren streichelte er ihre Finger. Vielleicht war es tatsächlich besser für sie, nicht in der Männerwelt eines Heereslagers eingeschlossen zu sein. Sie brauchten einen Platz, an dem sie willkommen waren und beschützt wurden, eine Familie.
Wie jeden Tag besprach Cinna sich vor Dienstantritt mit dem Tribunen Aulus Corellius, dessen Gastfreundschaft er schon viel zu lange beanspruchte, selbst wenn dieser es sich nicht anmerken ließ. Die Verhältnisse in diesem Offiziershaus, das im vorletzten Jahr einen ritterlichen Tribun der Ersten Legion beherbergt hatte, waren beengt; überall stapelten sich die Besitztümer des eigentlichen Hausherrn, der einige Kammern hatte räumen müssen. Corellius' Entgegenkommen war bemerkenswert. Der Sohn eines reichen Händlers aus Aquileia gehörte zu den wenigen, die Cinna nicht argwöhnisch ansahen, weil dieser seine lange Gefangenschaft bei den Barbaren nicht nur überlebt, sondern sich obendrein ein hübsches Mädchen mitgebracht hatte, das er zu allem Überfluss in Ehren hielt. Als Cinna ihm nun ankündigte, er habe die Absicht, die beiden Geiseln auszuquartieren, richtete Corellius seine rehbraunen Augen auf ihn.
»Der Primipilus der Sechzehnten hat ein Haus im Dorf vor dem südlichen Lagertor«, sagte der Tribun. »Ein hübsches Haus mit Hof und Garten, keine baufällige Hütte. Sein Ältester leistete vor einem Jahr den Eid und rückte in die Erste ein, so dass das Haus leerer geworden ist. Ich werde ihn fragen, ob dort Platz für die beiden ist.«
Erleichtert nickte Cinna, griff die nächste Tafel vom Stapel und vertiefte sich in die Listen.
»Eigentlich schade«, murmelte Corellius, der Cinna noch immer anschaute. »Es gibt einem das Gefühl von Ordnung und Frieden, wenn eine Frau im Haus ist. Ich werde das vermissen - und du wirst es genießen können, sooft du zu ihr gehst.« Er schüttelte leicht den Kopf. »Wann wirst du morgen aufbrechen?«

Nachdem Cinna die Vorbereitungen zum Abmarsch ein letztes Mal überprüft hatte, machte er sich ohne die übliche Begleitung zweier Wachsoldaten auf den Weg zu dem Haus, das Corellius ihm genannt hatte. Vor dem Lager drängten sich Händler und Huren, die in dieser Zeit, zwischen Dienstschluss und Beginn der ersten Nachtwache, wenn die meisten Soldaten ihren Ausgang nahmen, Hochbetrieb hatten. Er bog in die Gasse ein, die Corellius ihm genannt hatte, zählte die Eingänge im Vorübergehen, und stand schließlich vor einem zweistöckigen Fachwerkbau. An der fensterlosen Hauswand drückten sich zwei rotznasige Jungen herum, die in ihrem Treiben innegehalten hatten, um ihn unverhohlen anzustarren, während er schnurstracks zur Tür schritt und den bronzenen Klopfer gegen das Holz schlagen ließ. Als ihm geöffnet wurde, blickte er in einen schmalen Gang, in den von einer rückwärtigen Tür Tageslicht fiel. Ein ältlicher Sklave krümmte sich vor ihm, murmelte eine unverständliche Begrüßung, die ihn veranlasste einzutreten. Dann ertönte ein fragender Ruf, wohl der Name dieses nutzlosen Wächters, der keinen entschlossenen Mann würde abwehren können; eine gedrungene Gestalt rauschte durch den Gang auf ihn zu.
Es half nichts, dass sie sich als Herrin des Hauses aufgeputzt hatte, sie war keine Dame, sondern eine einfache, dicke Frau, die sich tiefer vor ihm verneigte, als er erwartet hatte, seine Hand mit ihren weichen Pranken verschlang und ihn zum Garten zog. In dem von hölzernen Säulen getragenen Umgang stand ein Tischchen aus Kirschbaum, flankiert von zwei gepolsterten Korbsesseln. Der Duft von heißem Würzwein stieg in seine Nase, als sie ihm einen bronzenen Henkelbecher in die Finger drückte und ihm zutrank. Der Wein schmeckte harzig, duftete nach Honig, Lorbeer und Pfeffer, und eine wohlige Wärme breitete sich in ihm aus. Gehorsam ließ er sich in einem der beiden Sessel nieder, und während der Sklave die vorgewärmte Decke um ihn schlug, schweifte sein Blick über den kleinen Garten. Die Sträucher waren sorgfältig gestutzt, und aus der schwarzen Erde lugten in genau ausgerichteten Reihen die ersten zartgrünen Spitzen. Diese Frau, deren Namen er schon wieder vergessen hatte, verstand es offenbar, ein ordentliches Haus zu führen: Die Gänge waren sauber gefegt, nirgendwo trübte ein Staubfilm den Glanz der polierten Möbel, die Vorhänge hingen in weichen Falten; er erinnerte sich, dass ihm beim Betreten des Hauses nicht der Muff entgegengeschlagen war, den er aus Corellius' Haus kannte.
»Ich habe vier Kammern, die wir nicht benötigen«, sagte sie und ließ dabei zwei Reihen makelloser weißer Zähne aufblitzen. »Deine Frau kann ihren Webrahmen im Wohnraum aufstellen - der ist heller als die Kammern, und sie wäre nicht allein.«
Gedankenverloren nickte Cinna. Dieses Haus flößte ihm Frieden ein. Zwischen den kahlen Zweigen eines Haselnussstrauches blitzten ihm zwei Paar Kinderaugen entgegen, helles Kichern perlte auf und verklang, als die Kleinen davonstürmten, um sich im Hinterhaus zu verstecken.
Später führte ihn die Hausherrin, deren schimmerndes, kunstvoll aufgeflochtenes, kupferrotes Haar verriet, dass sie einmal eine Schönheit gewesen war, durch eben dieses Hinterhaus. Aus einer der Türen blickte ihm ein kleiner Junge entgegen, auf dem runden Gesicht ein Gemisch aus Furcht und Neugier, das Cinna lächeln machte. Er kauerte sich vor das Kind, das kaum zwei Jahre alt sein mochte, und strich ihm über die Wange, die weicher war als die pelzige Haut eines persischen Apfels, ehe der Junge auf unsicheren Beinen davontrabte.
»Ich werde sie hierher bringen, wann immer es dir recht ist«, sagte er, während er sich erhob.
»Wir haben noch gar nicht über die Miete gesprochen.«
Cinna winkte ab. Sie bot ihm etwas, das in Gold nicht aufzuwiegen war: Sunja und Saldir würden wieder in einer Familie leben, umgeben von Menschen, die ihnen freundlich gesinnt waren.
»Noch heute Abend, wenn du es wünschst, Praefect. Nur eins noch«, begann sie vorsichtig. »Deine Frau ...«
»Sie ist eine Barbarin, eine Cheruskerin.«
»Armes Ding! Titus - mein Mann - erzählte mir das eine oder andere ... was man über dich redet. Ich weiß, wer du bist und was dir genommen wurde.«
Cinna zögerte, dem Bedürfnis nachzugeben, diesem einen oder anderen nachzuspüren.
»Unser Haus wird durch deine Anwesenheit geehrt sein, Praefect - so denkt mein Mann, und so denke auch ich. Du bist jederzeit willkommen, und ich werde für deine Frau und ihre Schwester sorgen, als wären sie meine Töchter.«
Schnell nahm er ihre Hand, bedankte sich, und es berührte ihn peinlich, dass er ihren Namen vergessen hatte.
»Vitalina«, erwiderte sie und zwinkerte mit einem ihrer beiden winzigen Augen, »Tochter des Gimro aus dem Volk der Rauracer, Frau des Titus Pontius.«

Cinna bewegte sich leise den Gang entlang und blieb neben der angelehnten Tür stehen, schob sie mit den Fingerspitzen auf. Ein Schwall Wärme überflutete ihn. Fast waagerecht fielen späte Sonnenstrahlen durch das hochliegende Fenster; das matte Licht schimmerte auf Sunjas hellem Haar, die in der Nähe des Kohlebeckens am Webrahmen saß, den Kopf leicht zur Seite geneigt und die Hände im Schoß, als träume sie.
Er trat in die Kammer und war mit wenigen Schritten bei ihr; seine Finger strichen über ihr Haar, ihre Schläfen hinab, über die Wangen. Früher - er erinnerte sich, es war kurz nach ihrem Einzug in dieses Haus gewesen, als sie, versehen mit einer Freilassungsurkunde und der Heiratserlaubnis des Publius Vinicius, ihres Patronus, ihm von Tiberius selbst als rechtmäßige Ehefrau übergeben worden war - früher hatte sie sich in einer einzigen, fließenden Bewegung aufgerichtet, an ihn geschmiegt und die Arme um ihn geschlungen. Wenn er jetzt den Kopf an ihre Schulter legen wollte, um den Duft ihrer Haare, ihrer Haut zu atmen, musste er niederknien, tat es jedes Mal, ohne zu zögern. Vielleicht war er nur voreilig, vielleicht ließ er ihr einfach nicht die Zeit, ihn zu umarmen. Sie war ja da, lehnte warm und schwer an seiner Brust, den Kopf gesenkt, und streichelte seine Unterarme.
»Ich habe eine Bleibe für euch.«

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