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Die Schwalben von Kabul: Roman
 
 
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Die Schwalben von Kabul: Roman [Taschenbuch]

Yasmina Khadra , Regina Keil-Sagawe
4.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (11 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

"Es genügt nicht, über etwas zu lesen, man muss es aus eigener Erfahrung kennen lernen", ist eines der sattsam bekannten Vorurteile gegen das so genannte Bücherwissen. Die Schwalben von Kabul widerlegt derartige Äußerungen grundlegend. Es gibt Welten, zu denen Menschen anderer kultureller Prägung keinen Zugang haben, weil sie sich nur von innen heraus verstehen lassen. Und eben ein solches tief greifendes Verständnis ermöglicht uns Yasmina Khadra in seinem Roman über das Afghanistan unter der Herrschaft der Taliban.

Kabul ist keine Stadt mehr, sondern ein Stein gewordener Albtraum. Schreiende Kinder und jammernde Bettler prägen das Straßenbild. Atiq Shaukat fristet sein Dasein als Gefängniswärter. Sein Leben beschränkt sich auf lange Phasen des gedankenlosen Dahindämmerns, hin und wieder unterbrochen von unvorhersehbaren Augenblicken rauschhafter Gewalt. Nur selten kann er sich überwinden nach Hause zu gehen, denn dort wartet seine todkranke Frau auf ihn und lässt seinem Gewissen keine Ruhe.

Mohsen Ramat kann sich nicht einmal in die Routine regelmäßiger Arbeit flüchten. Haltlos stolpert er durch die Ruinen, den Kopf voller Erinnerungen an eine Zeit, in der er mit seiner schönen und gebildeten Frau ein Leben in Freiheit führen konnte. Zunaira wagt sich nicht mehr aus dem Haus, zu groß ist ihre Angst und ihre Scham, sich unter dem Schleier verstecken zu müssen. Als das Ehepaar doch einmal einen Spaziergang wagt, kommt es zur Katastrophe.

Die "Schwalben", das sind die furchtsam durch die Straßen hastenden Frauen Kabuls unter ihren dichten Tschadri. Religiöser Wahn hat sie in einem Maße zu Opfern männlicher Willkür gemacht, das für einen Mitteleuropäer kaum nachvollziehbar ist. Umso bestürzender ist es, Yasmina Khadra auf seinen Wegen durch das zerbombte Kabul zu folgen und zumindest eine Ahnung davon zu bekommen, wie das Leben dort aussieht -- in erster Linie für die Frauen, aber auch für Männer, die ihre Kritikfähigkeit noch nicht völlig verloren haben.

Die Schwalben von Kabul ist ein Buch, das niemand ohne tiefe Erschütterung aus der Hand legen wird. Manchmal ist Literatur eindringlicher als jeder noch so gut recherchierte Fernsehbericht. --Hannes Riffel -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Kurzbeschreibung

Ende der 90er Jahre, im Kabul der Taliban: Durch einen tragischen Zwischenfall landet die bildschöne Zunaira im Gefängnis, wo sie auf den Wärter Atiq trifft. Für einen Moment scheinen Liebe und Hoffnung zwischen den Ruinen einer unmenschlich gewordenen Welt aufzukeimen. Eine ergreifende Erzählung zwischen griechischer Tragödie und orientalischem Märchen. Yasmina Khadra, eigentlich Mohammed Moulessehoul, war hoher Offzier der algerischen Armee und seit 1992 an den blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Islamisten und der Armee beteiligt. Lange Jahre schrieb er unter Pseudonym, das er erst lüften konnte, als er 2001 mit seiner Familie ins französische Exil ging.

Über den Autor

Yasmina Khadra ist das Pseudonym des 1956 geborenen algerischen Autors Mohammed Moulessehoul. Als hoher Offizier der algerischen Armee konnte er dieses Pseudonym, die Vornamen seiner Frau, erst lüften, als er im Januar 2001 mit seiner Familie ins Exil nach Frankreich ging. Im Aufbau Verlag liegt außerdem sein Roman „Die Schwalben von Kabul“ vor.

Auszug aus Die Schwalben von Kabul von Yasmina Khadra, Regina Keil-Sagawe, Regina Keil- Sagawe, Mohammed Moulessehoul. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

»Und wenn wir eine Runde über den Markt drehten?« schlägt Mohsen vor. »Wir haben doch keinen Pfennig.« »Wir brauchen ja nichts zu kaufen. Wir können uns einfach nur den alten Plunder ansehen, den sie als Antiquitäten ausgeben.« »Und was bringt uns das?« »Nichts, aber immerhin ein bißchen Bewegung.« Zunaira lacht leise, amüsiert von der pathetischen Stimmung ihres Mannes. »Fühlst du dich hier nicht wohl?« Mohsen wittert die Falle. Er kratzt sich verlegen die kreuz und quer abstehenden Härchen auf seinen Wangen, verzieht leicht das Gesicht. »Das hat damit nichts zu tun. Ich habe einfach Lust, mit dir auszugehen. Wie in alten Zeiten.« »Die Zeiten haben sich geändert.« »Aber wir doch nicht.« »Und wer sind wir?« Mohsen lehnt sich gegen die Wand, verschränkt die Arme über der Brust. Er meditiert eine Weile über die Frage seiner Frau, findet sie übertrieben: »Warum sagst du solche Dummheiten?« »Weil es die Wahrheit ist. Wir sind doch nichts mehr. Wir haben unsere Errungenschaften nicht zu bewahren verstanden, und die Mullah-Lehrlinge haben alles an sich gerissen. Ich würde gern mit dir ausgehen, jeden Tag, jeden Abend, meine Hand unter deinen Arm schieben und mich von deinem Schwung mitreißen lassen. Es wäre wunderbar, du und ich, nebeneinander, vor einem Schaufenster oder an einem Tisch, plaudernd und die kühnsten Pläne schmiedend. Aber heute ist das nicht mehr möglich. Überall werden stinkende Vogelscheuchen lauern, bis an die Zähne bewaffnet, um uns zur Ordnung zu rufen und uns zu verbieten, an der frischen Luft den Mund aufzumachen. Bevor ich mich dem aussetze, mauere ich mich lieber zu Hause ein. Da muß ich mich wenigstens nicht hinter meinen Armen verstecken, wenn mir der Spiegel mein Bild zurückwirft.« Mohsen ist nicht einverstanden. Er verzieht noch stärker das Gesicht, weist auf die Armseligkeit des Zimmers hin, auf die verschlissenen Zeltplanen vor den verrotteten Fensterläden, auf die Mauern, von denen der Kalk bröckelt, und die baufälligen Balken über ihrem Kopf. »Das ist doch gar nicht unser Zuhause, Zunaira. Unser Zuhause, in dem wir uns unsere "Welt erschaffen haben, hat eine Granate weggerissen. Das hier ist nur ein Unterschlupf. Ich wünschte mir, daß er nicht zu unserem Grab würde. Wir haben unser Vermögen verloren, verlieren wir nicht auch unsere Kultur. Die einzige Waffe, die uns bleibt, um Willkür und Barbarei zurückzustoßen, ist, uns auf unsere Erziehung zu besinnen. Wir sind als Menschen erzogen worden, mit einem Auge auf dem Teil, der des Herrn ist, und dem anderen Auge auf dem Teil der Sterblichen, die wir sind; wir haben Kronleuchter und Straßenlaternen hinreichend gut gekannt, um nicht an die alleinige Erleuchtung durch Kerzenlicht zu glauben, wir haben die Freuden des Daseins genossen und sie für ebenso gut befunden wie die ewige Seligkeit. Wir können nicht dulden, daß man uns wie Vieh behandelt.« »Sind wir nicht schon längst dazu geworden?« »Da bin ich mir nicht so sicher. Die Taliban haben einen Moment des Übergangs ausgenutzt, um einen furchtbaren Schlag gegen die Besiegten zu führen. Doch das war noch lange nicht der Gnadenstoß. Das müssen wir uns unbedingt klarmachen.« »Und wie?« »Indem wir ihr Diktat mit Füßen treten. Wir werden ausgehen. Du und ich. Natürlich werden wir uns nicht bei der Hand fassen, aber nichts hindert uns daran, nebeneinander herzugehen.« Zunaira schüttelt den Kopf. »Ich lege keinen Wert darauf, mit schwerem Herzen nach Hause zu kommen, Mohsen. Was ich auf der Straße sehe, wird mir den Tag sinnlos verderben. Ich bin nicht fähig, an etwas Grausigem einfach vorbeizugehen und so zu tun, als wäre nichts. Außerdem lehne ich es ab, den Tschadri zu tragen. Von allen Bürden ist er die erniedrigendste. Ein Nessusgewand würde meine Würde nicht so angreifen wie diese düstere Aufmachung, die aus mir eine Sache macht, mein Gesicht ausradiert und mir meine Identität nimmt. Hier wenigstens bin ich ich, Zunaira, die Frau des Mohsen Ramat, zweiunddreißig Jahre alt, vom Obskurantismus entlassene Juristin, entlassen ohne Prozeß und ohne Schadensersatz, aber noch genügend beieinander, um mich täglich zu kämmen und über meine Kleidung zu wachen wie über meinen Augapfel. Mit diesem verfluchten Schleier bin ich weder ein menschliches Wesen noch ein Tier, nur ein Affront oder ein Schandfleck, den man wie ein Gebrechen verstecken muß. Das ist unerträglich. Vor allem für eine ehemalige Anwältin, eine Frauenrechtlerin. Ich bitte dich, denke nur nicht, daß ich mich ziere. Ich würde mich, wenn ich könnte, schon ganz gerne zieren, aber der Sinn steht mir nicht danach. Leider. Verlange nicht von mir, auf meinen Vornamen zu verzichten, auf meine Gesichts züge, meine Augenfarbe und die Fülle meiner Lippen, für einen Spaziergang durch Elend und Trostlosigkeit; verlange nicht von mir, weniger noch als ein Schatten zu sein, ein namenloses Geraschel, das man in feindliche Gefilde entläßt. Du weißt doch, wie empfindlich ich reagiere, Mohsen; ich würde es mir verübeln, dir etwas zu verübeln, wo du doch nur versuchst, mir eine Freude zu machen.« Mohsen hebt die Hände. Zunaira hat plötzlich Mitleid mit diesem Mann, dem es nicht gelingt, in einer völlig durcheinander geratenen Gesellschaft noch seinen Platz zu finden. Schon vor der Machtergreifung der Taliban fehlte es ihm an Entschlossenheit, und er begnügte sich damit, von seinem Vermögen zu leben, statt sich der Herausforderung anspruchsvoller Projekte zu stellen. Er war nicht faul; doch ihm graute vor jeder Art von Schwierigkeit, und er ging allen Komplikationen aus dem Weg. Er war jemand, der ohne Ausschweifungen von seinen Einkünften lebte, ein wunderbarer Ehemann, liebevoll und zuvorkommend. Er enthielt ihr nichts vor, schlug ihr nichts ab und gab so leicht ihren Bitten nach, daß sie oft das Gefühl hatte, seine Freundlichkeit zu mißbrauchen.
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