Aus der Amazon.de-Redaktion
Kabul ist keine Stadt mehr, sondern ein Stein gewordener Albtraum. Schreiende Kinder und jammernde Bettler prägen das Straßenbild. Atiq Shaukat fristet sein Dasein als Gefängniswärter. Sein Leben beschränkt sich auf lange Phasen des gedankenlosen Dahindämmerns, hin und wieder unterbrochen von unvorhersehbaren Augenblicken rauschhafter Gewalt. Nur selten kann er sich überwinden nach Hause zu gehen, denn dort wartet seine todkranke Frau auf ihn und lässt seinem Gewissen keine Ruhe.
Mohsen Ramat kann sich nicht einmal in die Routine regelmäßiger Arbeit flüchten. Haltlos stolpert er durch die Ruinen, den Kopf voller Erinnerungen an eine Zeit, in der er mit seiner schönen und gebildeten Frau ein Leben in Freiheit führen konnte. Zunaira wagt sich nicht mehr aus dem Haus, zu groß ist ihre Angst und ihre Scham, sich unter dem Schleier verstecken zu müssen. Als das Ehepaar doch einmal einen Spaziergang wagt, kommt es zur Katastrophe.
Die "Schwalben", das sind die furchtsam durch die Straßen hastenden Frauen Kabuls unter ihren dichten Tschadri. Religiöser Wahn hat sie in einem Maße zu Opfern männlicher Willkür gemacht, das für einen Mitteleuropäer kaum nachvollziehbar ist. Umso bestürzender ist es, Yasmina Khadra auf seinen Wegen durch das zerbombte Kabul zu folgen und zumindest eine Ahnung davon zu bekommen, wie das Leben dort aussieht -- in erster Linie für die Frauen, aber auch für Männer, die ihre Kritikfähigkeit noch nicht völlig verloren haben.
Die Schwalben von Kabul ist ein Buch, das niemand ohne tiefe Erschütterung aus der Hand legen wird. Manchmal ist Literatur eindringlicher als jeder noch so gut recherchierte Fernsehbericht. --Hannes Riffel
Pressestimmen
"Lyrisch bewegt und doch in dichter, präziser Sprache wird ein Teufelskreis aus Gewalt und Abstumpfung, aus Zorn und Wut beschrieben." (Tagesspiegel 27.03.03)
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Die Schwalben von Kabul von Yasmina Khadra, Regina Keil-Sagawe, Regina Keil- Sagawe, Mohammed Moulessehoul. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
haben doch keinen Pfennig.« »Wir brauchen ja nichts zu kaufen. Wir können uns einfach nur
den alten Plunder ansehen, den sie als Antiquitäten ausgeben.« »Und was bringt uns das?«
»Nichts, aber immerhin ein bißchen Bewegung.« Zunaira lacht leise, amüsiert von der
pathetischen Stimmung ihres Mannes. »Fühlst du dich hier nicht wohl?« Mohsen wittert die
Falle. Er kratzt sich verlegen die kreuz und quer abstehenden Härchen auf seinen Wangen,
verzieht leicht das Gesicht. »Das hat damit nichts zu tun. Ich habe einfach Lust, mit dir
auszugehen. Wie in alten Zeiten.« »Die Zeiten haben sich geändert.« »Aber wir doch nicht.«
»Und wer sind wir?« Mohsen lehnt sich gegen die Wand, verschränkt die Arme über der
Brust. Er meditiert eine Weile über die Frage seiner Frau, findet sie übertrieben: »Warum
sagst du solche Dummheiten?« »Weil es die Wahrheit ist. Wir sind doch nichts mehr. Wir
haben unsere Errungenschaften nicht zu bewahren verstanden, und die Mullah-Lehrlinge
haben alles an sich gerissen. Ich würde gern mit dir ausgehen, jeden Tag, jeden Abend, meine
Hand unter deinen Arm schieben und mich von deinem Schwung mitreißen lassen. Es wäre
wunderbar, du und ich, nebeneinander, vor einem Schaufenster oder an einem Tisch,
plaudernd und die kühnsten Pläne schmiedend. Aber heute ist das nicht mehr möglich.
Überall werden stinkende Vogelscheuchen lauern, bis an die Zähne bewaffnet, um uns zur
Ordnung zu rufen und uns zu verbieten, an der frischen Luft den Mund aufzumachen. Bevor
ich mich dem aussetze, mauere ich mich lieber zu Hause ein. Da muß ich mich wenigstens
nicht hinter meinen Armen verstecken, wenn mir der Spiegel mein Bild zurückwirft.« Mohsen
ist nicht einverstanden. Er verzieht noch stärker das Gesicht, weist auf die Armseligkeit des
Zimmers hin, auf die verschlissenen Zeltplanen vor den verrotteten Fensterläden, auf die
Mauern, von denen der Kalk bröckelt, und die baufälligen Balken über ihrem Kopf. »Das ist
doch gar nicht unser Zuhause, Zunaira. Unser Zuhause, in dem wir uns unsere "Welt
erschaffen haben, hat eine Granate weggerissen. Das hier ist nur ein Unterschlupf. Ich
wünschte mir, daß er nicht zu unserem Grab würde. Wir haben unser Vermögen verloren,
verlieren wir nicht auch unsere Kultur. Die einzige Waffe, die uns bleibt, um Willkür und
Barbarei zurückzustoßen, ist, uns auf unsere Erziehung zu besinnen. Wir sind als Menschen
erzogen worden, mit einem Auge auf dem Teil, der des Herrn ist, und dem anderen Auge auf
dem Teil der Sterblichen, die wir sind; wir haben Kronleuchter und Straßenlaternen
hinreichend gut gekannt, um nicht an die alleinige Erleuchtung durch Kerzenlicht zu glauben,
wir haben die Freuden des Daseins genossen und sie für ebenso gut befunden wie die ewige
Seligkeit. Wir können nicht dulden, daß man uns wie Vieh behandelt.« »Sind wir nicht schon
längst dazu geworden?« »Da bin ich mir nicht so sicher. Die Taliban haben einen Moment des
Übergangs ausgenutzt, um einen furchtbaren Schlag gegen die Besiegten zu führen. Doch das
war noch lange nicht der Gnadenstoß. Das müssen wir uns unbedingt klarmachen.« »Und
wie?« »Indem wir ihr Diktat mit Füßen treten. Wir werden ausgehen. Du und ich. Natürlich
werden wir uns nicht bei der Hand fassen, aber nichts hindert uns daran, nebeneinander
herzugehen.« Zunaira schüttelt den Kopf. »Ich lege keinen Wert darauf, mit schwerem Herzen
nach Hause zu kommen, Mohsen. Was ich auf der Straße sehe, wird mir den Tag sinnlos
verderben. Ich bin nicht fähig, an etwas Grausigem einfach vorbeizugehen und so zu tun, als
wäre nichts. Außerdem lehne ich es ab, den Tschadri zu tragen. Von allen Bürden ist er die
erniedrigendste. Ein Nessusgewand würde meine Würde nicht so angreifen wie diese düstere
Aufmachung, die aus mir eine Sache macht, mein Gesicht ausradiert und mir meine Identität
nimmt. Hier wenigstens bin ich ich, Zunaira, die Frau des Mohsen Ramat, zweiunddreißig
Jahre alt, vom Obskurantismus entlassene Juristin, entlassen ohne Prozeß und ohne
Schadensersatz, aber noch genügend beieinander, um mich täglich zu kämmen und über
meine Kleidung zu wachen wie über meinen Augapfel. Mit diesem verfluchten Schleier bin
ich weder ein menschliches Wesen noch ein Tier, nur ein Affront oder ein Schandfleck, den
man wie ein Gebrechen verstecken muß. Das ist unerträglich. Vor allem für eine ehemalige
Anwältin, eine Frauenrechtlerin. Ich bitte dich, denke nur nicht, daß ich mich ziere. Ich würde
mich, wenn ich könnte, schon ganz gerne zieren, aber der Sinn steht mir nicht danach. Leider.
Verlange nicht von mir, auf meinen Vornamen zu verzichten, auf meine Gesichts züge, meine
Augenfarbe und die Fülle meiner Lippen, für einen Spaziergang durch Elend und
Trostlosigkeit; verlange nicht von mir, weniger noch als ein Schatten zu sein, ein namenloses
Geraschel, das man in feindliche Gefilde entläßt. Du weißt doch, wie empfindlich ich
reagiere, Mohsen; ich würde es mir verübeln, dir etwas zu verübeln, wo du doch nur
versuchst, mir eine Freude zu machen.« Mohsen hebt die Hände. Zunaira hat plötzlich Mitleid
mit diesem Mann, dem es nicht gelingt, in einer völlig durcheinander geratenen Gesellschaft
noch seinen Platz zu finden. Schon vor der Machtergreifung der Taliban fehlte es ihm an
Entschlossenheit, und er begnügte sich damit, von seinem Vermögen zu leben, statt sich der
Herausforderung anspruchsvoller Projekte zu stellen. Er war nicht faul; doch ihm graute vor
jeder Art von Schwierigkeit, und er ging allen Komplikationen aus dem Weg. Er war jemand,
der ohne Ausschweifungen von seinen Einkünften lebte, ein wunderbarer Ehemann, liebevoll
und zuvorkommend. Er enthielt ihr nichts vor, schlug ihr nichts ab und gab so leicht ihren
Bitten nach, daß sie oft das Gefühl hatte, seine Freundlichkeit zu mißbrauchen. So war er nun
einmal, großherzig, schneller mit einem Ja zur Stelle als bereit, kritische Fragen zu stellen.
Die zahllosen Umwälzungen, die durch die Taliban hervorgerufen wurden, haben ihn völlig
aus der Bahn geworfen. Mohsen hat keine Orientierungsmarken mehr noch die Kraft, sich
neue zu erfinden. Er hat seine Güter und Privilegien, seine Verwandten und seine Freunde
verloren. Abgesunken in den Rang eines Unberührbaren, vegetiert er von einem Tag zum
nächsten dahin und verschiebt das Vorhaben, sich wieder in den Griff zu bekommen, auf
später. . »Gut«, gibt sie nach, »einverstanden, laß uns ausgehen. Lieber gehe ich tausend
Risiken ein, als dich derart deprimiert zu sehen.« »Ich bin nicht deprimiert, Zunaira. Wenn du
zu Hause bleiben willst, ist das auch in Ordnung. Glaub mir, ich nehme dir das nicht übel. Du
hast recht. Die Straßen von Kabul sind gräßlich. Man kann nie wissen, was einen erwartet.«
Zunaira lächelt über die Sprüche ihres Mannes, die in deutlichem Kontrast zu seiner trüben
Miene stehen. Sie sagt: »Ich gehe nur schnell meinen Tschadri holen.«